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Kultur & Live

Finanzkrise in den Hamburger Museen

Ein schönes Vermögen

Die Finanznot der Hamburger Museen hat eine Debatte in Gang gesetzt: Soll sich die Stadt von ihren größten Schätzen trennen? Matthias Gretzschel stellt eine Auswahl davon vor - und erklärt die Risiken und Nebenwirkungen des Kunstverkaufs.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen einem auswärtigen Besucher Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde "Wanderer über dem Nebelmeer" zeigen. Sie führen ihn in die Kunsthalle, doch an dem Platz, an dem Bild des romantischen Malers jahrzehntelang zu sehen war, hängt auf einmal ein zweitklassiges Werk aus dem Depot. Auf Nachfrage erfahren Sie, dass der Friedrich nicht etwa nur umgehängt oder ausgeliehen, sondern verkauft worden ist, verkauft werden musste.

So unvorstellbar, wie ein solches Szenario zurzeit noch anmutet, ist es keineswegs: Kürzlich hat der Stiftungsrat der Hamburger Kunsthalle Museumsdirektor Hubertus Gaßner beauftragt, eine Liste mit Kunstwerken zu erstellen, die er für entbehrlich hält. Da Hamburgs größtes Museum innerhalb von zwei Jahren schon wieder 1,5 Millionen Euro Schulden angehäuft hat, von der Stadt aber keine weitere Entschuldung erwarten kann, dafür aber ab 2011 noch einmal kräftig sparen muss, scheint nun das Undenkbare auf einmal möglich: der Verkauf des Tafelsilbers.

Gaßner dürfte das für eine Zumutung halten, äußert sich aber in dieser Sache zurzeit so gut wie gar nicht. Dafür reden andere, der ehemalige CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Karl-Heinz Ehlers zum Beispiel, der im "Welt"-Interview den Verkauf von Kunstwerken zum Beispiel an Unternehmen befürwortet. Auch Jürgen Blankenburg, Mitglied des Kunsthallen-Stiftungsrates, hält Verkäufe unter den jetzigen Rahmenbedingungen für unausweichlich. In der "Zeit" empfahl er Gaßner, alle acht Gerhard-Richter-Bilder zu verkaufen. "Viele sagen, Richter sei total überschätzt und die Preise würden bald sinken. Aus meiner Sicht wäre es jetzt der richtige Zeitpunkt, sich von den Bildern zu trennen."

Im Februar 2008 erzielte Richters Gemälde "Zwei Liebespaare" auf einer Auktion bei Christie's in London 7 300 500 Pfund (9 768 069 Euro), so viel, wie nie zuvor für das Werk eines deutschen Künstlers gezahlt wurde. Die acht Hamburger Richter-Gemälde würden selbst bei krisenbedingt gesunkenem Preisniveau noch locker 30 bis 40 Millionen Euro bringen - genug, um die Schulden der Kunsthalle zu tilgen und die bettelarme Stiftung mit einem soliden Kapitalstock auszustatten.

Dazu wird es nicht kommen, die Richter-Bilder, bestätigte Gaßner dem Abendblatt gestern auf Nachfrage, stehen keinesfalls zur Disposition. Unter anderen auch deshalb nicht, weil drei davon gar nicht der Stadt, sondern der Stiftung für die Hamburger Kunstsammlungen gehören.

Ist der Verkauf von Kunstwerken, so schmerzhaft er auch sein mag, aber am Ende doch ein praktikabler Weg, die mit insgesamt sechs Millionen Euro verschuldeten vier Hamburger Museumsstiftungen in eine solide Zukunft zu führen? Oder wäre es der Ausverkauf Hamburgs als Museumsstadt? Bis zum Zweiten Weltkrieg war es in vielen deutschen Museen üblich, Kunstwerke zu verkaufen, allerdings stets, um andere, aus damaliger Sicht besser geeignete zu erwerben, niemals aber, um einen defizitären Etat auszugleichen. Die damals gemachten Erfahrungen waren aus heutiger Sicht überwiegend negativ. Verkauft wurde zwar nach bestem Wissen und Gewissen, immer aber auch nach Maßgabe des jeweiligen kunstgeschichtlichen Zeitgeschmacks. Und da sich dieser ändert, kann der Verkauf eines Jugendstil-Bildes, das man in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts für absolut verzichtbar hielt, 70 Jahre später als schmerzlicher Verlust eines Meisterwerks herausstellen. "Aus der momentanen Bewertung heraus würde man garantiert das Falsche verkaufen", meinte schon vor Jahren Wulf Herzogenrath, der Direktor der Bremer Kunsthalle.

Grundsätzlich galt ein ungeschriebener "internationaler Ehrenkodex der Museen", nach dem allenfalls Kunst gegen Kunst verkauft werden durfte, um etwa die Sammlung eines Hauses besser zu profilieren. Aber es gab Ausnahmen. 1987 versilberte zum Beispiel die Bremer Kunsthalle Renoirs "Blumenstrauß" in London für eine Million Mark, um mit diesen Mitteln den Erweiterungsbau des Museums zu finanzieren. Und das Bonner Kunstmuseum verkaufte 2001 ein Baselitz-Gemälde, um sein Defizit auszugleichen.

Nach diesem Muster wollte vor drei Jahren auch die Stadt Krefeld vorgehen. Um das baulich heruntergekommene städtische Museum sanieren zu können, sollte die 1904 entstandene impressionistische Ansicht des Londoner Parlaments von Claude Monet, ein Juwel der Sammlung, verkauft werden. Nach damaliger Marktlage hätte das Meisterwerk etwa 20 Millionen Euro bringen können. Doch nachdem sich in der Stadt ein Sturm der Entrüstung erhoben hatte und die Bürger scharenweise ins Museum geströmt waren, um das gefährdete Bild zu betrachten, machte die Politik einen Rückzieher und fand schließlich doch noch einen anderen Weg, die etwa 13 Millionen Euro für die Sanierung des Museums aufzubringen.

Gut vorstellbar, dass ein ähnlicher Fall auch in Hamburg zu Bürgerprotesten führen würde. Ein Politikum wäre der Verkauf von Kunstwerken ohnehin, denn nach den hanseatischen Verwaltungsvorschriften ist für die Veräußerung von Vermögenswerten der Stadt - und genau darum handelt es sich bei allen Museumsobjekten - ab einem Wert von 5000 Euro ein Beschluss der Bürgerschaft zwingend erforderlich. Wulf Köpke, der Direktor des Hamburger Museums für Völkerkunde, hält den Befürwortern des Kunstverkaufs aus Museumsbesitz noch ein anderes Argument entgegen: "Hamburgs Museen sind Bürgerstiftungen. Wer einem Museum in den letzten 100 Jahren ein Kunstwerk geschenkt hat, konnte darauf vertrauen, sich damit ein Stück Ewigkeit zu erkaufen. Gibt die Stadt es jetzt weg, begeht sie einen nachträglichen Vertrauensbruch, was der für Hamburg so wichtigen Kultur der Stiftungen einen schweren Schaden zufügen dürfte."

Soll Hamburg Kunstwerke verkaufen, um die Museen zu entschulden? Diskutieren Sie mit unter abendblatt.de/kunst

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