Kino: „Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte"
Ein filmisches Lehrstück mit Schily, Mahler und Ströbele
In ihrer Dokumentation „Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte" zeigt Birgit Schulz den Weg der APO-Anwälte Schily, Mahler und Ströbele.
Szene aus dem Kinofilm "Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte": Die Rechtsanwälte Hans-Christian Ströbele (l) und Otto Schily (r) unterhalten sich während eines Prozesses mit ihrem Mandanten Horst Mahler (M) in Berlin-Moabit im Oktober 1972.
Foto: Real Fiction/DPA
Frankfurt/Main. Wenn ebenso berühmte wie umstrittene Männer die 70 überschritten haben, ist offenbar die Versuchung für Dokumentarfilmer groß, noch einmal deren Lebenswege Revue passieren zu lassen. Bei Otto Schily, Horst Mahler und Hans-Christian Ströbele war diese Versuchung für die Filmemacherin Birgit Schulz besonders groß, denn alle drei Anwälte und Politiker haben, wenngleich auf individuell sehr verschiedene Weise, spannende, an Kontroversen, Brüchen und Turbulenzen reiche Biografien, die einen näheren Blick gewiss lohnen.
Birgit Schulz zeigt in ihrer neuen, ab dieser Woche in den Kinos zu sehenden Arbeit „Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte“, wie der 1932 in Bochum geborene Schily, der 1936 in Schlesien geborene Mahler und der 1939 in Halle geborene Ströbele in den bewegten Revoltejahren der Bundesrepublik zu den prominentesten Anwälten, aber auch Akteuren der außerparlamentarischen neuen Linken wurden. Gezeigt wird ferner, welche Wege sie bis heute eingeschlagen haben. Wer mit der politischen Geschichte Deutschlands seit den 60er-Jahren vertraut ist, wird in der Dokumentation, die mit allzu wenig Fantasie und noch weniger Witz zusammengestellt wurde, nicht viel Neues erfahren.
Für alle anderen, insbesondere jüngere Zuschauer, ist die Begegnung mit den drei Anwälten, von denen einer Bundesinnenminister, der andere bekennender Nationalsozialist und Holocaust-Leugner, der dritte schließlich grüner Bundestagsabgeordneter wurde, lohnend. Was die Männer einst verbunden hat, das trennt sie nun: ihr politisches Bekenntnis.
Schily, der einst die RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin verteidigt hat, gelangte über ein Bundestagsmandat für die Grünen in die SPD, wo er in der Kanzlerschaft seines Anwaltskollegen Gerhard Schröder ebenfalls zum allseits respektierten Minister mit einigen autoritären Neigungen aufstieg. Mahler, der 1970 selbst zum Terroristen wurde und lange ins Gefängnis musste, wandelte sich vom radikalen Linken zum kompromisslos agierenden Rechtsextremisten, der bis in die Gegenwart immer wieder hinter Gittern landet, doch sichtlich Gefallen an seiner Rolle als Märtyrer der „nationalen“ Sache gefunden hat.
Ströbele schließlich, vor einigen Monaten erneut in seinem Berliner Wahlkreis direkt in den Bundestag abgeordnet, ist zum linken Urgestein einer Partei geworden, die sich längst recht bürgerlich gibt. Die drei Männer und ihr Werdegang sind nicht denkbar ohne die rebellischen Turbulenzen der Jahre um 1968 und die spezifische Situation West-Berlins jener Zeit.
Die Bilder, die Schulz in diesem Zusammenhang auf die Leinwand bringt, sind schon zu oft zu sehen gewesen, um noch Neuigkeitswert zu besitzen. Viel interessanter ist es, wenn die in die Jahre gekommenen Anwälte zu sehen sind und über sich und ihr Verhältnis untereinander berichten. Dann nämlich wird sehr deutlich, um welch unterschiedliche Charaktere es sich dabei handelt: Der nun 77-jährige Otto Schily wirkt abgeklärt und auch etwas müde. Er war eigentlich nie ein echter Linker, sondern ein musischer Liberaler aus gutem Haus, der stets Distanz zu denen hielt, die er vor Gericht so brillant zu verteidigen wusste.
Von ganz anderem Zuschnitt ist Horst Mahler, der trotz seiner politischen Verirrungen, die Schily als „Tragödie“ bezeichnet, in dem Film den größten Eindruck macht. Der Sohn von begeisterten Hitler-Anhängern hatte schon immer die Neigung, sich als der Radikalste von allen beweisen zu müssen. Dafür hat Mahler bis in die Gegenwart seine bürgerliche Existenz geopfert, ganz im Gegensatz zu den beiden anderen Protagonisten des Films. Gerade deshalb ist es erstaunlich, wie positiv und warmherzig Mahler über Schily und Ströbele redet, die politisch für ihn doch längst im Feindeslager stehen.
Zu Mahlers Entwicklung will sich Ströbele nicht äußern: „Da fehlen mir die Worte.“ Seinen eigenen Weg weiß der Bundestagsabgeordnete mit den buschigen Augenbrauen dagegen im Blick auf seine Kindheit gut zu erklären: „Ich erinner' mich daran, dass ich durch nichts so aufgewühlt wurde wie Ungerechtigkeiten, die entweder mir selbst passiert sind oder anderen.“
Schily, Mahler und Ströbele haben an der Nachkriegsgeschichte Deutschlands mitgewirkt durch ihr Tun, im Positiven wie im Negativen. Wer mehr darüber wissen will, wird in der Dokumentation von Birgit Schulz gut bedient. Das Prädikat „Besonders wertvoll“ für diesen sehr konventionell gemachten Film ist allerdings eine deutliche Überbewertung.







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