Schauspieler Udo Kier feiert 65. Geburtstag
Von Andy Warhols Dracula bis zu Madonnas Sex-Gespiele im Video
Der Darsteller Udo Kier hat in mehr als 160 Kinofilmen mitgespielt. Er ist einer der wenigen anerkannten Deutschen in Hollywood.
Diese Augen hypnotisieren: Der charismatische Schauspieler Udo Kier wird diese Woche 65.
Foto: ddp/DDP
Frankfurt/Main. Er war blutrünstiger Vampir, androgyner Schönling und psychopathischer Killer: In unzähligen Filmen hat Udo Kier geheimnisvolle und finstere Rollen gespielt. Den Namen werden viele nicht auf Anhieb kennen, aber dem Gesicht mit den blassgrünen Augen sind sie bestimmt schon begegnet. Mit seinem hypnotischen Blick und dem gepflegt, boshaftem Auftreten ist Kier ein gefragter Darsteller, wenn auch meist nur für Nebenrollen. Am kommenden Mittwoch wird Deutschlands heimlicher Hollywood-Star 65 Jahre alt.
Am 14. Oktober 1944, in der Nacht seiner Geburt, fallen Bomben auf Köln. Er wächst als unehelicher Sohn einer Schneiderin in Kriegstrümmern und beengten Verhältnissen auf. Der Vater war früh verschwunden, Kier sollte ihn erst als Erwachsener kennenlernen. Schon als Kind unterhält er die Nachbarschaft mit kleinen Einlagen und putzt sich als Messdiener gern mit Rock und Bluse auf.
Aus Liebe zur Mutter lernt er "etwas Ordentliches", er macht eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann in der Werkzeugbranche. Dann arbeitet er bei Ford am Fließband. Die monotone Schrauberei erträgt er nur so lange, bis er das Geld zusammen hat, um sich aufzumachen in die große weite Welt. Von seinem eigentlichen Namen Kierspe kappt er die zweite Hälfte, denn Kier, das klingt doch mehr nach Cocktail und Champagner.
Er geht nach Cannes und London. An der Cote d'Azur arbeitet als Kellner und Fotomodell, lässt sich ein bisschen vom Krupp-Erben Arndt von Bohlen und Halbach aushalten und trifft Schauspieler wie Alain Delon und Jean Marais. Mit Marais hat er mehrere Jahre ein Verhältnis. Das Leben im Jet-Set verschafft dem hübschen Deutschen auch erste Kontakte ins Filmgeschäft.
In „Road to St. Tropez“ spielt Kier 1966 seine erste Rolle, einen Gigolo. Doch die grünen Krokodil-Augen lehren die Zuschauer bald auch das Fürchten. Zu seinem Gruselfilm „Hexen bis auf Blut gequält“, einem echten Schundstreifen, wurden wegen der extremem Gewaltszenen an der Kinokasse sogar Spucktüten verteilt.
International bekannt wird er schließlich durch den Pop-Art-Star Andy Warhol. Für ihn spielt Kier Frankenstein und Dracula. In den Horrorfilm-Persiflagen leckt er das Blut von Jungfrauen und wühlt in Eingeweiden. Den ekelhaften Geruch der Organe vom Schlachthof, die er sich beim Dreh ins Gesicht halten muss, den wird er nie vergessen. Doch das Grauen lohnt sich, durch die Filme wird Kier Mitte der 70er Jahre zum Underground-Star und bekommt Kultstatus.
In Deutschland beginnt zu dieser Zeit auch die Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder. Die beiden kennen sich schon aus Jugendjahren, als sie noch zusammen durch die Kölner Kneipen zogen. Als Teil der Fassbinder-Clique dreht Kier mit dem inzwischen berühmten Regisseur Filme wie „Bolwieser“, „Lili Marleen“ und „Berlin Alexanderplatz“.
In den 80ern agiert er als Durchgeknallter für Christoph Schlingensief in „Das Deutsche Kettensägen Massaker“. Er ist mit Lars von Trier befreundet und hat in nahezu jedem seiner Filme einen eindrucksvollen Auftritt. Kier ist sogar Patenonkel von dessen Tochter Agnes.
Neben dem europäischen Autorenfilm etabliert sich Kier auch in Hollywood. Seinen Einstieg in Amerika hat er in „My Own Private Idaho“ von Gus van Sant. Als schwuler Freier lässt er hier die Jungstars River Phoenix und Keanu Reeves für sich tanzen. Kier überzeugt als unheimlicher Biedermann namens Hans. Er werde in Hollywood eben typisch deutsch besetzt, die Krauts heißen eben alle Hans und haben einen harten Akzent, meint Kier. Danach spielt er auch in aufwendigen Blockbustern neben Stars wie Bruce Willis, Pamela Anderson und Arnold Schwarzenegger.
Kier bleibt aber weiterhin den kleinen, schrillen Formaten treu. Er hat kein Problem damit, dass er in so vielen schlechten Filmen zu sehen war: „Wenn man von 180 Filmen ausgeht, dann waren 100 schlecht. 50 sind akzeptabel. Nur 30 waren richtig gut. Ich bin damit zufrieden.“
Von seinem Charisma beeindruckt verpflichtet ihn auch Pop-Star Madonna. Als ihr SM-Gespiele flaniert Kier durch die Musikvideos und rezitiert bellend aus Goethes Faust. Für Fotos zu ihrem Sex-Buch schlürft er in einem heruntergekommen Leder-Club zwischen ihren Beinen aus einem hochhackigen Schuh.
Seit den 90er Jahren ist Kier auch wieder im deutschen Fernsehen zu sehen. In einer Kinderserie droht er als „Herrscher der Finsternis“ mit giftgrünem Fingernagel und im „Tatort“ aus Köln war Kier gerade als Obdachloser zu sehen.
Er lebt weiterhin überwiegend in Los Angeles, zusammen mit seinen drei Hunden in einer Villa mit Palmengarten. Dort in Hollywood hat sich der Exzentriker schon eine „schicke Grabstätte“, wie er sagt, gekauft. Bis dahin wird Udo Kier aber noch häufig diabolisch grinsen, denn für Film-Bösewichte gibt es kein Verfallsdatum.





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