Werner Bokelberg im Interview
"Kommt mit einer schönen Blonden"
Seine Portraits von Romy Schneider, Uschi Obermeier und Picasso kennt die ganze Welt: Starfotograf Werner Bokelberg im Interview.
Romy Schneider, Uschi Obermaier, Salvator Dali, Alain Delon - er fotografierte sie alle: Starfotograf Werner Bokelmann.
Foto: Reto Klar
Seine Portraits von Romy Schneider, Uschi Obermeier und Picasso kennt die ganze Welt. Werner Bokelberg ist der Kult-Fotograf der 60er Jahre und seine Motive mittlerweile die meistpublizierten der Welt. Seen.by sprach mit dem Fotografen und Sammler über Jungfräulichkeit in der Fotografie, Dalì mit Zipfelmütze und seine neueste Leidenschaft: historische Fotografien aus Frankreich.
Herr Bokelberg, sind Sie als Fotograf mehr Jäger oder mehr Sammler?
Das eine bedingt natürlich das andere. Sie können nicht sammeln, wenn Sie nicht jagen. Als ich 1964 angefangen habe mich für die historische Fotografie zu interessieren, da gab es in Deutschland vielleicht ein oder zwei Sammler bzw. Händler. Ausgelöst wurde all das durch Daguerrotypien. Ich ließ sie Hamburger Auktionshaus von einer Kundin ersteigern, weil ich selbst arbeiten musste. Sie haben mich so fasziniert, dass ich angefangen habe, systematisch danach zu suchen.
Als Fotograf wurden Sie bekannt durch die Arbeiten, die Sie in den 60er Jahren für den Stern gemacht haben, u.a. mit Portraits von Romy Schneider, Picasso, Dalì, Uschi Obermeier. In welchem Zusammenhang sind diese Bilder entstanden?
Der Stern hatte damals die besten Fotografen in Deutschland. Jeder konnte seinen Neigungen nachgehen. Max Scheele beispielsweise hat sich als erster für die Beatles interessiert und ist dann einfach nach Liverpool gefahren. Ich habe mich für Dalì interessiert und wollte Zeit mit ihm verbringen. Für diese Geschichte kamen wir an einem Abend in Paris an. Dalì öffnete uns die Tür mit Zipfelmütze und im Brokatmorgenmantel. Er fragte uns: was wollt ihr jetzt machen? Wollt ihr mich in einem Supermarkt am Champs-Elysée fotografieren, wenn ich etwas stehle, oder soll ich euch einladen? Ihr kommt dann mit einer schönen Blonden zu mir, bleibt solange ihr wollt und macht eine große Geschichte... Wir haben uns für die große Geschichte entschieden.
Was haben Sie damals versucht einzufangen, was war Ihnen beim Fotografieren wichtig?
Ich habe mich bei solchen Geschichten immer sehr zurückgenommen und auf die Person konzentriert. Ich konnte Dalì nur durch mein Verhalten meine Faszination signalisieren, um ihn so möglichst lange bei Laune halten, damit er möglichst viele Dinge macht. Das ging dann ungefähr zehn Tage lang. Seine Inszenierungen, sein Surrealismus - für mich war das alles neu, für ihn alles alt, weil er natürlich schon 1937 gemacht hat, was er uns 1965 vorgeführt hat. Heute interessieren sich die jungen Leute auch wieder dafür. Die Bilder waren vor zwei Jahren im Museum in Rotterdam ausgestellt und hatten in fünf Wochen 86.000 Besucher!
Letztes Jahr wurde die Vergrößerung eines Original-Kontaktabzugs von einem Shooting mit Uschi Obermeier bei Christie´s für viel Geld versteigert. Ist das ein Geschäft wie jedes andere für Fotografen?
Die Fotografie wird ja heute in den meisten Zeitschriften nicht mehr so gepflegt wie früher. Der Stern hat nicht selten große Strecken von zehn, zwölf Seiten gemacht. Heute versuchen sie ja auf zehn, zwölf Seiten sechs Themen unterzubringen. Davon vielleicht ein Bild groß. Die Auktionshäuser haben ein bisschen diese Funktion übernommen. Unter anderem helfen die Auktionskataloge den Fotografen publiziert zu sein. Momentan nimmt das wieder ab, aber vor ein bis drei Jahren konnte man ganz viele von den lebenden, jetzt arbeitenden Fotografen bei Christie`s und bei Sothebys finden und weniger im Stern und anderen Illustrierten.
Warum sind Sie in die Werbefotografie gewechselt?
Man kann das leider immer nur aus der Zeit heraus begründen und verstehen. Die Hoch-Zeit der Zeitschriftenfotografie ging ungefähr von 1960 bis Anfang der 70er Jahre. Dann wurde das Foto dort ein bißchen unwichtiger, es wurde alles politischer, kommerzieller, die Zeitschriften selbst und die Leute waren andere. Henri Nannen beim Stern war nicht mehr da. Die Zeitschriften wurden anders hergestellt, das Leserverhalten bestimmend und das Emotionale ist rausgegangen. Die Werbung hat relativ naiv angefangen und den Spielraum, der in den Zeitschriften verloren gegangen war, an die Fotografen abgegeben. Bruce Webber, Helmut Newton, all die haben dann in der Werbung gearbeitet. Das war aber nur eine Spanne von zehn Jahren. Dann hat sich auch die Werbung wieder geändert. Das sind Perioden, die nachträglich erst auffallen. Es gab aber in Deutschland eine Zeit, da konnte man in der Werbung schönere oder interessantere Fotos machen, als man es zurzeit machen kann.
Und jetzt gilt Ihre Leidenschaft den alten französischen Postkarten. Wie kam es dazu?
Wenn ich zehn Jahrgänge Sothebys- und Christie`s-Kataloge nebeneinander lege, so sind insgesamt vielleicht 30.000 Bilder drin. In Wirklichkeit sind es aber nur etwa 800, weil es sich immer um die gleichen Motive handelt. Als ich die Postkarten zufällig entdeckte, habe ich mich gefragt, wie es eigentlich sein kann, dass da Bilder sind, die ich nie vorher gesehen habe. Die Aufklärung ist ganz simpel: Die fotografischen Postkarten wurden hauptsächlich zwischen 1900 und 1910 hergestellt. Das heißt also, wenn ein Fotograf ein Foto gedruckt haben wollte, dann musste er das auf der Postkarte machen. Es gab noch keine Zeitschriften, die Bilder gedruckt haben und noch keine Fotobücher. Wenn man sich unter diesem Gesichtpunkt die Postkarten ansieht, dann stellt man fest, dass die Fotografen, die später kamen und andere Möglichkeiten der Publikation hatten, sagen wir Cartier-Bresson oder all die anderen, die in Paris gearbeitet haben, um keinen Deut besser waren, denn sie haben in der Tradition der Postkarte weitergearbeitet. Es existierte keine andere Tradition. Zwischen 1900 und 1910 gab es in Frankreich 100.000 Editeure von Postkarten. Das war eine riesengroße Industrie.
Sind solche Bilder heute noch von öffentlichem Interesse?
In Amerika lief gerade eine Postkartenausstellung im Metropolitan Museum, die Walker Evans zusammengetragen hat. In Amerika wurden, als sich 1907 das Porto verringerte, über 700 Millionen Postkarten pro Jahr verschickt. In England gibt es den Sammler D`Offay, der die größte Nachkriegssammlung von Kunst zusammengetragen und der Tate Gallery verkauft hat, der jetzt nichts anderes mehr macht, als Postkarten zu sammeln. Er hat gesagt, dass ihn dieser unentdeckte Bildreichtum dazu gebracht hat. Das war auch meine Empfindung. Er hat in kürzester Zeit mit drei Agenten 12.000 Postkarten zusammengetragen. Die Postkarte unter ästhetischen Punkten zu sammeln erlebt jetzt eine große Renaissance.
Wieviele dieser Postkarten haben Sie gefunden?
Ich habe sie nicht gezählt, aber meine Sammlung „Bonjour Charles“ umfasst momentan ungefähr 150, die wir auf seen.by zeigen und die mich fotografisch besonders faszinieren. Die Postkarten sind alle in dem Sinne original, als es noch kein Druckverfahren gab, sondern nur Heliogravüren, die man in nicht allzu großer Auflage machen konnte. So besessen wie Herr D´Offay mit seinen 12.000 Karten bin ich nicht, aber ich versuche schon weiterzumachen. Die Sammlung vermittelt so einen Reichtum von Eindrücken und erzählt so viel über eine verlorene Welt. Man sieht glücklich wirkende Leute, die man relativ häufig beneidet um das, was sie gerade tun.
Die Bilder sind wie ein Geschichtsbuch, das man aufschlägt...
Ja, keiner von uns wusste, was die Leute zu diesem Zeitpunkt in diesen Fall in Paris gemacht haben. Wir kennen nur die Interpretation der Maler zu jener Zeit, doch jetzt sehen wir eben plötzlich in großer Intimität, was da wirklich war. Die Unschuld sowohl der Fotografen als auch der Abgebildeten bringt eine sehr große Authentizität. Bei meinen Karten geht es eben um die Menschen und nicht vorrangig um Gebäude oder Brücken - die sind einfach da. Die Aufnahmen sind ja gerade mal hundert Jahre alt, und es hat sich zugleich so viel und nichts verändert.
Gab es einen Zusammenhang zwischen Ihrer Art zu Fotografieren und den alten Fotografien, die Sie gesammelt haben?
Ja, indem ich versucht habe, das zu sammeln, was ich selbst nicht machen konnte. Ich habe also versucht im Kontrast zu sammeln. Wenn ich ein Foto in die Sammlung genommen habe, dann das eines Fotografen, der in einer speziellen Richtung der Fotografie die schönsten Bilder gemacht hat. Der erste Fotograf, der das Meer richtig faszinierend fotografiert hat, war Gustave Le Grays. Wenn ich ein Meerbild suchte, habe ich das von Gustave Le Grays genommen und nicht das von einem Epigonen. Bei den Portraits waren das Nadar in Frankreich und Cameron in England. Die schönsten Architekturaufnahmen hat Baldus gemacht, auch Nègre und Le Secq. Ich habe immer versucht da zu sammeln, wo ich gespürt habe, dass ein Foto sozusagen zum ersten Mal gemacht wurde, im Sinne von am Ursprünglichsten. Der Emir von Katar baut übrigens gerade ein Museum für diese Sammlung.
Welchen Bezug hat das zur Fotografie heute?
In der Fotografie ist heute keine Jungfräulichkeit mehr herzustellen. Die Fotografie hat sich auch durch die Industrie wahnsinnig verändert. Damals haben die Fotografen ihre Daguerrotypieplatten oder ihr Salzpapier noch selbst beschichtet. Heute braucht man nicht mal mehr Filme. Der Beruf ist eigentlich in die Hand von Amateuren gegangen. Das ist, glaube ich, irreparabel.
Das Interview führte Anna Wander, seen.by





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