Menschenschinder als Namensgeber für Straßen

Ausstellung im Kunsthaus beschäftigt sich mit gewalttätigen Kolonialherren

Hamburg. Die Proteste der 68er-Studentenbewegung waren nicht über Nacht gekommen, sondern sie folgten oft gründlichen Analysen. Deshalb war es auch keine spontane Guerilla-Aktion, als wütende Studenten in jenem Jahr der Revolte die bronzene Statue des Hans Dominik und die des Hermann von Wissmann vor der Hamburger Universität vom Sockel in den Dreck stießen. Recht hatten sie: In Jaunde (Kamerun) hatte Dominik über viele Jahre hinweg "mit offenem Terror" geherrscht, er "ließ ein Schreckensregime errichten, das tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der südkamerunischen Bevölkerung hinterlassen hat", schreibt der Kolonial-Wissenschaftler Albert Gouaffo von der Universität Dschang. Major Dominik steht laut Gouaffo bis heute "für Mord, Folter, Kopfsteuer und Zwangsarbeit". Hermann von Wissmann dagegen kolonisierte "Deutsch-Ostafrika" durch die verbrecherische Taktik der "Verbrannten Erde". Dennoch gibt es bis heute in Hamburg-Wandsbek einen Dominikweg und eine Wissmannstraße – posthume Ehre für gewalttätige Kolonialherren.

Der Dominikweg und die Wissmannstraße sollen demnächst umbenannt werden, denn langsam setzt auch in der Hansestadt ein Umdenken ein. Mit dem Thema postkolonialer Straßennamen befasst sich bis zum 22. September eine anschauliche, sehr informative Dokumentation im Kunsthaus: "Freedom Roads! Koloniale Straßennamen, postkoloniale Erinnerungskultur" heißt die Wanderausstellung, die an die Verhältnisse der jeweiligen Stadt angepasst wird und an der afrikanische, afrodeutsche und deutsche Wissenschaftler mitgearbeitet haben, darunter die schwarze Sozialökonomin Millicent Adjei, die Künstlerin HMJokinen und der Historiker Christian Kopp.

Hamburg sei "vor allem eine Kolonialmetropole" gewesen, schreibt die Afrikanistin Kathrin Treins: "Es wird weitgehend verdrängt und vergessen, dass der wirtschaftliche Aufstieg einherging mit der Ausbeutung und Versklavung Kolonisierter, deren Nachfahren bis heute durch unfaire Handels- und Wirtschaftsstrukturen benachteiligt werden." Befremdlicherweise sind auch die Straßen in der brandneuen HafenCity mit Namen von Männern übersät, die Kontinente entdeckt, mit Ländern, die von deutschen Kolonialherren unterworfen wurden: Die HafenCity "gibt sich neokolonial", so Treins.

Dennoch regt sich seit einiger Zeit eine Gegenbewegung: Auf Antrag der Grünen empfiehlt der Kulturausschuss nach interfraktionellem Beschluss der Hamburgischen Bürgerschaft, bis Ende 2013 ein hamburgweites postkoloniales Erinnerungskonzept zu erarbeiten: "Es ist höchste Zeit, die Beziehungen von Hamburg und den früheren kolonialen Handelsräumen erinnerungskulturell und wissenschaftlich aufzuarbeiten", sagt Christa Goetsch, kulturpolitische Sprecherin der Grünen. "Und das geht weiter als bis zu den Straßennamen. In Deutschland pflegt man ein Afrikabild, das von der Kolonialgeschichte überlagert ist".

Wer die Schau besucht, sollte sich die Mühe machen und die mit vielen Fotos bebilderten Informationstafeln lesen. Bald weiß man, wie sich deutsche Kolonialherren in Afrika aufgeführt haben. Warum zum Beispiel werden in Wandsbek insgesamt vier Straßen nach einem Mann benannt, dessen Familie im 18. Jahrhundert nachweislich durch massenhaften Sklavenhandel und Kinderarbeit steinreich wurde? Das Foto des Brenneisens mit den Buchstaben BVS (Baron von Schimmelmann) geht einem nicht mehr aus dem Kopf: Wieder und wieder wurde es in die Haut der mit Waffengewalt zusammengetriebenen schwarzen Menschen gerammt wie in das Fell von Schlachtvieh.

Auch die Ehrenbürgerschaft ist ein Thema: Das Leben mehrerer Hunderttausend Chinesen bei der Niederschlagung des Boxeraufstands und nachfolgenden Zerstörungen geht maßgeblich auf das Konto von Alfred Graf von Waldersee. Bislang bleibt er weiterhin unhinterfragt Ehrenbürger.

"Wie ist das möglich, dass in Hamburg Mörder verherrlicht werden?", empört sich Millicent Adjei. "Die Schattengeschichten hinter diesen Namen kann man nicht mehr gutmachen. Aber man sollte anders damit umgehen." Das Ziel der Ausstellung ist ein Bewusstseinswandel und nachfolgend die umfassende Dekolonisierung des Hamburger Stadtraums im Sinne der vom Deutschen Städtetag empfohlenen bundesweiten Resolution postkolonialer Initiativen von 2010.

"Freedom Roads" bis 22.9., Kunsthaus (U Steinstr.), Klosterwall 15, Di–So 11.00–18.00 Veranstaltungen: 8.9., 11 Uhr: Performativer Rundgang zu NS-Kolonialdenkmälern in der Lettow-Vorbeck-Kaserne, Wilsonstr. 45, Hamburg-Jenfeld. 11.9., 19.30 Uhr im Kunsthaus: "Evangelische Mission und deutsche Kolonialpolitik". Gespräch zwischen dem Pastor und Politologen Peter Mansaray und Pastor Klaus Schäfer vom Zentrum für Mission und Ökumene

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