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Kultur & Live

"Wüstenblume"-Autorin Waris Dirie im Gespräch

"Stopp! Haltet an! Fasst sie nicht an! Ich komme!"

Mit dem Buch "Wüstenblume" machte Waris Dirie auf das grausame Schicksal afrikanischer Frauen aufmerksam. Am 24. September kommt die Verfilmung der bewegenden Autobiografie in die Kinos.

Wüstenblume: Das bewegende Schicksal vom Nomadenmädchen Waris Dirie (Soraya Omar-Scego ), das im Alter von fünf Jahren beschnitten wird.
Foto: majestic

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Sie machte als Topmodell international Karriere und zierte die Cover unzähliger Hochglanzmagazine. Auf dem Höhepunkt dieser Karriere offenbarte Waris Dirie in einem Interview dann, dass sie als Fünfjährige verstümmelt worden war.

Seitdem widmet sie sich dem Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelungen, wurde UN-Sonderbotschafterin und gründete 2002 die Waris Dirie Foundation. In einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa und anderen Medien spricht Dirie – die mittlerweile die österreichische Staatsangehörigkeit hat – über ignorante Politiker, ihre Wut und die Schwierigkeit, sich immer wieder mit dem Thema zu konfrontieren. Seitdem Sie vor Jahren in einem Interview über Ihre Genitalverstümmelung sprachen, bestimmt dieses Thema ihr Leben und Sie sind damit in den Medien immer wieder sehr präsent. Es ist allerdings auch ein sehr intimes Thema.

Fällt es Ihnen nach all den Jahren nicht immer noch schwer, darüber zu sprechen?

Dirie: „Jede Frau hat eine Vagina, jeder Mann weiß das. Es ist nichts, wofür man sich schämen müsste. Aber: Es sollte eigentlich nicht diskutiert werden, eben weil es eine private Sache ist. Deswegen muss ich mich auch selber irgendwie distanzieren, um über diese Sache zu sprechen. Ich muss an dieses Kind denken, dass morgen verstümmelt werden soll. „Stopp! Haltet an! Fasst sie nicht an! Ich komme!“ Daran denke ich, während ich mich gleichzeitig davon distanziere – denn sonst würde es mich emotional und mental zerstören Das ist nicht einfach, überhaupt nicht. Es ist auch nicht einfach, wenn du für jeden einfach „weibliche Genitalverstümmelung“ im Gesicht stehen hast. Aber das bin ich, das ist mein Leben. Es ist allerdings auch nicht nur mein Leben, es ist überall.“

Gab es einen bestimmten Punkt in Ihrem Leben, an dem Sie sich entschieden haben, nicht nur hin und wieder über das Thema zu sprechen, sondern wirklich den Kampf aufzunehmen?

„Nein, so war es nicht. Das geschah nach und nach. Damals lebte ich schon fast 20 Jahre mit dieser Sache, doch niemand sprach über weibliche Genitalverstümmelungen. Ich wusste, dass diese Verschwiegenheit weiterbestehen würde. Mir war aber auch klar, dass irgendjemand irgendetwas dagegen unternehmen muss. Andererseits hatte ich riesige Angst. Würde ich das alles durchstehen? Ich war hin und her gerissen. Ein Teil von mir sagte aber „Tu es!“ und irgendwann merkte auch der andere Teil, dass das der richtige Weg ist.“

Was treibt Sie bei ihrem Kampf an?

„Wir alle haben eine Verantwortung in unserem Leben, der wir uns stellen müssen. Ich dachte mir: Keiner tut etwas dagegen und das Problem wird länger bestehenbleiben, als ich gedacht habe. Es ist nicht so, dass es morgen einfach verschwinden wird. Außerdem kennt niemand das Thema besser als ich.“

In einigen afrikanischen Ländern ist die weibliche Genitalverstümmelung mittlerweile offiziell verboten, doch nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind weltweit mindestens noch immer 150 Millionen Frauen von weiblichen Genitalverstümmelungen betroffen. Wie beurteilen Sie die Arbeit der Politiker?

„Das Problem ist, dass die Politiker einen Scheißdreck dagegen unternehmen. Sie interessieren sich einfach nicht dafür. Einfach deswegen, weil es ein weibliches Problem ist. Dabei haben alle Politiker eine Mutter, eine Frau oder eine Tochter. Ich verstehe das nicht. Ich finde das sehr frustrierend. Es macht mich traurig, dass sich so wenig verändert und dass ich nach zehn Jahren immer noch hier sitze und über dasselbe Thema spreche. Die Welt weiß, dass diese Verstümmelungen falsch sind und doch passiert nicht viel – ich verstehe nicht, warum die Welt dabei nur zuschaut.“

Ich kann mir vorstellen, dass Sie mit dem, was Sie erlebt haben auch eine ganze Menge Wut im Bauch haben.

„Ich spüre nicht immer Wut, nur in bestimmten Situationen. Ich bin nicht wütend, dass mir diese Dinge passiert sind, aber ich bin traurig darüber. Kann ich etwas dagegen tun? Nein. Aber das ist in Ordnung, ich bin ok. Wenn ich mir das gesamte Problem anschaue, weiß ich auch, dass ich noch eine der Glücklicheren bin. Wenn ich aber über Wut sprechen würde, dann über die Wut, die ich für die Mächtigen empfinde, die etwas verändern konnten, es aber nicht tun.“

Sie hoffen sicher auch, dass sich noch mehr verändert?

„Ich mag das Wort Hoffnung nicht. Das klingt so faul. Wenn etwas falsch ist, muss man etwas unternehmen und dagegen tun.“

Eine Möglichkeit könnte dabei der Film sein, weil er in vielen Ländern Menschen erreicht. Wie schwierig war es aber für Sie selbst, den Film anzuschauen?

„Es war sehr schwierig für mich. Es war sehr verwirrend, widerlich und hat mich traurig gemacht. Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass ich ihn noch einmal ansehen kann. Ich ertrage das nicht.“ (DPA)

 

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