30.06.13

300. Geburtstag

Denis Diderot ließ seine Gedanken flanieren

Er war der fröhlichste und sympathischste unter den großen Aufklärern des 18. Jahrhunderts. Eine Reise auf den Spuren Denis Diderots, von Langres in der Champagne bis ins große Paris.

Von Tilman Krause
Foto: picture alliance / maxppp

In seiner Geburtsstadt Langres dreht sich heute alles um Diderot: Er steht als Bronzefigur in der Mitte des Diderot-Platzes, rechts davon befindet sich sein Geburtshaus, und zu seinem 300. Geburtstag am 5. Oktober eröffnet ein Diderot-Museum
In seiner Geburtsstadt Langres dreht sich heute alles um Diderot: Er steht als Bronzefigur in der Mitte des Diderot-Platzes, rechts davon befindet sich sein Geburtshaus, und zu seinem 300. Geburtstag am 5. Oktober eröffnet ein Diderot-Museum

Langres in der Champagne – nicht gerade ein Hotspot. Aber zu Zeiten Diderots kannte es ganz Frankreich. Aus Langres kamen Klappmesser und chirurgisches Besteck. Heute hingegen ist Langres vor allem eins: Geburtsort eines großen Franzosen. Diderot hier. Diderot da. Sein Universum erstreckt sich auf 50 Quadratmeter.

Aber das bietet sich noch heute annähernd so dar wie im Jahr 1713, als der hellste Stern der französischen Aufklärung hier geboren wurde. Sein Geburtshaus an der Place Diderot mit der Diderot-Statue in der Mitte und schräg gegenüber das Gebäude, in das die Familie später umzog, sowie das prachtvolle barocke Jesuitenkolleg in der Rue Diderot, auf das man von dort blickt: Das war die Welt des kleinen Denis.

Eine Welt, in der die Häuser einen schönen Schimmer von Perlmutt besaßen, denn sie waren aus "pierre de Bourgogne", einem porösen Kalksandstein. Eine Perle, dieses Langres, fest umschlossen von einer Befestigungsanlage mit hohen Mauern, dicken Türmen. Wenn man sie jetzt, die ganzen, komplett erhaltenen achteinhalb Kilometer lang, abschreitet, teilt sich die Ambivalenz mit, mit der Diderot sein Langres sah: als Ort der Geborgenheit, doch auch des Eingeschnürtseins.

Ein Naturkind geht in die Stadt

Klar, ein freier Geist musste da raus. Aber Diderot, der fünfzehnjährig seine Vaterstadt verließ, um in Paris zu studieren und dort sein Glück zu machen, kehrte später mehrmals zurück. Dann stieß er sich erst an der Stumpfsinnigkeit, die dort herrschte. Doch nach einer Weile sah er auch das Gute, etwa die Unverfälschtheit der Umgangsformen. Diderot hatte sich längst mit Rousseau überworfen, aber am 10. Mai 1759 schreibt er doch, als sei's ein Stück von Jean-Jacques, an seine Lebensfreundin Sophie Volland: "Was mich betrifft, ich bin ein Kind dieses Landes, ein Naturkind (rustre)."

Rustre, rustikal ist Langres immer noch, nur leider nicht mehr auf so charmante Weise wie offenbar im 18. Jahrhundert. Im Hotel, das über die "meilleure table", den besten Tisch, verfügt, bedienen Gestalten mit der Figur von Sumo-Ringern. Bis in die Bettwäsche hinein hat sich in dem Gebäude der Geruch von ranzigem Fett festgesetzt. Und auch wenn man in den Straßen promeniert und sich die Leute anschaut, merkt man, dass den Bewohnern der Genuss des Essens und Trinkens über alles geht. Umso erstaunlicher dann die Oase der Kultur, die das Stadtmuseum verkörpert.

Endlich ein Diderot-Museum!

Hier hat man Großes vor. Denn bis zum Geburtstag Diderots am 5. Oktober soll seine Filiale fertig sein, "La Maison des Lumières Denis Diderot". Dem Direktor treten die Schweißperlen auf die Stirn, wenn er nur daran denkt. Denn das reizende Palais, das dieses Haus der Aufklärung einst beherbergen soll, wird gerade noch entkernt. Aber hat Langres denn überhaupt etwas Originales zu zeigen, oder behilft man sich bei der "Maison des Lumières" nur mit einem didaktischen Parcours, wie er letztes Jahr so kläglich im Genfer Geburtshaus Rousseaus eingerichtet wurde? "Aber ich bitte Sie", entrüstet sich der Direktor über diesen despektierlichen Vergleich mit der unmaßgeblichen Schweiz, "wir haben zum Beispiel die Erstausgabe der Enzyklopädie, vom Meister selbst seiner Heimatstadt in Dankbarkeit verehrt!"

Prompt wird ein Band dargereicht, dazu Handschuhe, um die Reliquie pfleglich zu behandeln. Und nun tun wir einen Blick in jenes Lexikon, das die Welt verändert hat. Es speicherte ja nicht nur das Wissen von der Antike bis in die allerneueste Erfindung hinein, was übrigens der Sextant war, mit dem man die Wassertiefe messen konnte, und einen Sextanten von 1780 haben sie in Langres auch.

Nein, die Enzyklopädie formulierte gleichzeitig das aufrührerische Gedankengut der Aufklärung, allerdings in Kassiberform. Und wenn Monsieur le Directeur gleich im ersten Band von 1751 unter dem Stichwort "Anthropophages (Menschenfresser)" die Beschreibung der Eucharistie vorliest, kommt Aura auf. Dann erhascht man selbst hier, in diesem lugubren Langres, einen Zipfel von Diderots Wirkmächtigkeit. Denn die Enzyklopädie, das war sein Werk. Nicht nur, weil er rund 5000 Artikel dafür verfasste. Und sie in der Zeit des Verbots von 1759 bis 1766 weiterführte. Sondern weil ihn die Zeitgenossen vor allem damit in Verbindung brachten. Seine wichtigsten Texte erschienen erst nach seinem Tod.

Viel Aura in Paris

Doch wer nach Diderot'scher Aura sucht, wird vor allem in Paris fündig. Die "Stadt des Noch", wie sie Kurt Tucholsky nannte, verfügt noch über jede Menge Zeugnisse aus Diderots Lebenswelt. Ein Spaziergang auf seinen Spuren beginnt naturgemäß im Quartier Latin. Und wieder ist das Diderot-Universum verblüffend klein.

Sein Studium begann er am Collège d' Harcourt, das später im Lycée St. Louis aufging. Das bezeichnet heute die Hausnummer 44 jenes Boulevard St. Michel, den erst im 19. Jahrhundert der Baron Haussmann anlegen ließ. Aber sonst ist alles wie gehabt: Man muss nur den Damm überqueren, und schon befindet man sich vor der Sorbonne, die Diderot als Magister der Theologie verließ. Und wenn man dann die Montagne Ste. Genviève hinaufsteigt, verliert man sich auch schon bald im Gassengewirr des gelehrten Zentrums von Alt-Paris, das seit dem Mittelalter kaum seine Gestalt veränderte.

Wuseliges Quartier Latin

Noch immer ist die wuselige Rue Mouffetard, in der das Ehepaar Denis und Antoinette 1742 seine erste Wohnung bezog, die Geschäftsschlagader dieses Viertels. Sein geistliches Zentrum bildet nach wie vor die gotische Kirche St. Médard, wo zu Diderots Zeit die "Konvulsionisten" ihre Verzückungen in die Nacht hinausschrien – eine Steilvorlage für die Aufklärer, um den hysterischen Wunderglauben der katholischen Kirche anzuprangern.

Ganz in der Nähe auch die Rue de l' Estrapade mit dem Haus, in dem Diderot 1749 verhaftet wurde, weil seine Schriften als anstößig empfunden wurden. Von der dreimonatigen Festungshaft in Vincennes kam der 36-Jährige als ein anderer zurück: Nun hielt er seine ketzerischen Texte weitgehend unter Verschluss, veröffentlichte nur das, was nicht allzu riskant war.

Der Aufstieg kam mit der Enzyklopädie

Und verließ jetzt auch das Viertel, in dem er als ewiger Student und Bohemien gelebt hatte. Die Mitarbeit an der Enzyklopädie brachte rasch sozialen Aufstieg. Diderot verkehrte nun mit d'Alembert und dem Baron Grimm, dessen (handgeschriebenes!) "Magazine littéraire" sein Hauptpublikationsort für die kommenden Jahrzehnte werden sollte.

Hier erschienen seine wichtigsten literarischen Arbeiten, die hinreißende Satire "Rameaus Neffe", die ein begeisterter Goethe übersetzte, seine so eminent französische Antwort auf Lawrence Sternes "Tristram Shandy", jener Roman "Jacques der Fatalist", den Schiller popularisierte. Zusammen mit Lessing, der sich für Diderots Theaterstücke einsetzte, bilden sie das Dreigestirn, das Diderot in Europa durchsetzte. Auf Deutsch konnte man Diderots Hauptwerke früher gedruckt lesen als auf Französisch!

Doch so weit war Diderot Mitte der Fünfzigerjahre noch nicht, als er nach St. Germain umzog. Ganz in der Nähe seiner verschwundenen Wohnung steht heute das Denkmal von Gautherin. Ein Meisterwerk! Wie Diderot hier, etwas zurückgesetzt vom tosenden Verkehr, auf seinem Fauteuil sitzt, lebhaft gestikulierend und im Furor des Gesprächs so weit nach vorn gebeugt, dass das Möbel zu kippen droht, das ist ganz der Mann, der die Systeme scheute, genial und vielseitig, temperamentvoll und neugierig, gesellig und auch wieder des Rückzugs in (Tag-)Traum und einsame Lektüre bedürftig.

Der erste bürgerliche Intellektuelle

Ach, es ist Paris, wo dieser erste bürgerliche Intellektuelle lebte, es kann und konnte ja nur Paris sein, die Stadt des Lichts, die sich doch auch immer wieder ins überschaubar Dörfliche verinselt. In der sich der Austausch der Besten ihrer Zeit so ungezwungen fröhlich, so stilvoll urban vollzieht.

Grüßt nicht schräg gegenüber der Statue der Dorfkirchturm von St. Germain des Prés, in dessen Schatten 200 Jahre später auch Sartre und seine Clique die Welt zu deuten und zu verändern suchen? Und muss nicht auch Diderot nur links am Turm vorbei über die Louvre-Brücke laufen, um auf die andere Seite der Seine zu gelangen, wo nun wiederum der Baron Holbach wohnte, wo sich die Aufklärer-Kohorte regelmäßig traf?

Oder um das Palais Royal aufzusuchen, das damalige Vergnügungszentrum von Paris, von dem es gleich am Beginn von "Rameaus Neffe" so hinreißend heißt: "Ob schönes, ob garstiges Wetter – ich bin's gewohnt, gegen fünf Uhr abends im Palais Royal spazieren zu gehen. Ich überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit; er mag der erstbesten Idee, die sich einstellt, sei sie klug oder närrisch, folgen, wie unsere lockeren Jünglinge einer Kurtisane mit kecker Miene, lachendem Gesicht, lockenden Blicken und stupsiger Nase nachsteigen, diese wieder verlassen, um einer anderen zu folgen, mit jeder anbändeln und an keine sich binden. Meine Gedanken sind meine Dirnen."

Ob er noch ins Pantheon kommt?

Aus den 50 Quadratmetern Diderot-Universum in Langres sind in Paris fünf Quadratkilometer geworden. Mehr nicht. Doch es reichte Diderot. Er war ja da, wohin sich alle Welt im 18. Jahrhundert träumte. Es kamen ja alle hierher, die kennenzulernen sich lohnte. Ein letztes Mal zog Diderot noch um, zwölf Tage vor seinem Tod am 31. Juli 1784, in die Nähe Holbachs, Rue Richelieu, wo sich auch heute noch sein Sterbehaus befindet. Sein Grab in der Pfarrkirche St. Roch existiert nicht mehr. Und auch ins Panthéon hat er's noch nicht geschafft. Ob es aus Anlass seines Geburtstags dazu kommen wird? Freie Geister haben keine große Lobby. Und sie brauchen auch keine!


Diderot, wie der Bildhauer Jean-Antoine Houdon ihn sah und wie er heute im Louvre steht
Foto: Getty Images Diderot, wie der Bildhauer Jean-Antoine Houdon ihn sah und wie er heute im Louvre steht
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