Wolfgang Wagner wurde 90 Jahre alt
Später Ruhestand des Patriarchen von Bayreuth
In den letzten Amtsjahren wurde ihm mitunter Starsinnigkeit vorgeworfen. Doch Wolfgang Wagner bleibt eine Ausnahmegestalt der Kulturgeschichte.
Feiert am 30. August seinen 90. Geburtstag: Wolfgang Wagner, Enkel des Komponisten Richard Wagner und bis vor kurzem Leiter der Bayreuther Festspiele.
Foto: AP
Bayreuth. Es gibt gewiss nicht viele Deutsche, die erst an ihrem 90. Geburtstag endlich im Ruhestand sind. Bei Wolfgang Wagner, der am 30. August dieses biblische Alter erreichte, ist eben das aber der Fall.
Der Mann, der 57 Jahre – erst mit seinem Bruder Wieland, nach dessen frühem Tod dann alleine – die Bayreuther Festspiele mit ebenso festem Willen wie großem Erfolg geleitet und das Erbe seines genialen Großvaters Richard gemehrt hat, ist ohne Zweifel eine Ausnahmegestalt der deutschen Zeit- und Kulturgeschichte nach 1945.
Als Wolfgang Wagner im Herbst 2008 von der öffentlichen Bühne abtrat, war das natürlich ein bedeutsamer Einschnitt. Wie bedeutsam, das machten die nervösen Wochen vor den diesjährigen Festspielen unter der erstmaligen Leitung seiner beiden Töchter Eva und Katharina deutlich.
Denn plötzlich gab es Tarifverhandlungen im Festspielbetrieb, ja bestand sogar die Gefahr eines Streiks zur Unzeit, also just zu Beginn der Aufführungen Ende Juli. Das wäre in der langjährigen Regentschaft Wolfgangs undenkbar gewesen, denn zu groß waren Ansehen und Autorität des weißhaarigen Mannes bei den Weltstars der Oper bis hin zu den Bühnenarbeitern.
Diese Autorität beruhte auf einer Lebensleistung, die auf ganz eigene Weise das Geschick eines Handwerkers, die Weitsicht eines Kaufmanns und die Leidenschaft eines Künstlers zu vereinen wusste. Gewiss waren dem Herrn und Diener des monumentalen großväterlichen Werks autoritäre, in den letzten Amtsjahren auch starrsinnige Züge eigen. Aber sie wurden stets gemildert von ungekünstelter fränkischer Bodenständigkeit, Humor und nie versiegender Begeisterungsfähigkeit für eine Aufgabe, die einen nimmermüden Vermittler und Koordinator weit mehr erforderte als einen selbstherrlichen Befehlshaber auf dem legendären Grünen Hügel.
Als Regisseur war der ehemalige Festspielchef, der alle Opernwerke Richard Wagners im Laufe der Jahrzehnte selbst und oft mehrmals inszeniert hat, schon seit längerer Zeit in den Altersruhestand getreten. Dieser Schritt hinter den Vorhang ist ihm nicht leicht gefallen, doch hat er ihn noch aus eigenem Willen, wenngleich von teilweise hämischen Kommentaren bedrängt, vollbracht.
Wer der Urenkel von Franz Liszt, der Enkel Richard Wagners und der Sohn einer glühenden Bewunderin jenes Adolf Hitlers ist, den der junge Wolfgang noch in sehr privater Umgebung erlebt hat, trägt nicht nur an einem einzigartigen, sondern auch schwerem Erbe.
Weniger robuste Naturen hätten an dieser Rolle leicht zerbrechen können. Doch nicht so Wolfgang Wagner: In Bayreuth galt und gilt er als volkstümlicher Mann, der seine oberfränkische Mundart nicht verleugnet und glaubwürdig versichern konnte, in seinem kleinen Reich sei „vom Kammersänger bis zur Klofrau“ jeder Mitarbeiter gleich wichtig.
Es zählt zu den unbestreitbaren Verdiensten des eher konservativen Mannes, stets unkonventionelle Regisseure und Aufführungen gegen den Protest der selbsternannten Gralshüter des großväterlichen Werks verteidigt zu haben.
Schwerer Abschied von der Macht
Ob Götz Friedrichs provokativer „Tannhäuser“ von 1972 oder der am Anfang heftig angefeindete, später begeistert gefeierte „Jahrhundertring“ von Patrice Chereau und Pierre Boulez ab 1976 - ohne den unerschütterlichen Rückhalt Wolfgangs hätte es diese Meilensteine der Wagner-Interpretation so wenig gegeben wie vor einigen Jahren noch Christoph Schlingensiefs wirre „Parsifal“-Version, mit der sich der greise Festspielchef allerdings nur deshalb schweren Herzens zu arrangieren vermochte, weil er schon die Nachfolgeregelung im Blick hatte.
Um Katharina, seine Tochter aus zweiter Ehe, an die Spitze der Festspielleitung zu bringen, war Wolfgang um keinen Schachzug verlegen. Am Ende aber musste auch der lange so allmächtige Herrscher des Grünen Hügels einem Kompromiss zustimmen, der neben der jungen Katharina die wesentlich ältere Eva Wagner-Pasquier, die viele Jahre von ihm verstoßene Tochter aus erster Ehe, zu seiner Nachfolgerin gemacht hat.
Weit schmerzlicher für den Patriarchen dürfte allerdings gewesen sein, dass die im Herbst 2008 getroffene Regelung auch das Ende des Familienbesitzes an den Festspielen brachte. Keine Zeile aus dem Werk Richards hat der Enkel so geliebt und befolgt wie diese: „Was du bist, bist du nur durch Verträge“.
Wolfgang Wagner war zeitlebens ein Meister darin, mit Verträgen auch die größten Künstler zu binden und zugleich seine eigene Vormachtstellung abzusichern. Diese Epoche Bayreuths ist Vergangenheit.
Der alte Mann ist sehr gebrechlich geworden und in der Öffentlichkeit kaum mehr präsent. Von großen Feiern hat er nie viel gehalten, der runde Geburtstag am 30. August wird also still begangen. Doch Wolfgangs Werk ist getan, Richard Wagner kann vom Musiker-Olymp sehr wohlgefällig auf den Enkel herabblicken, der jetzt schon 20 Jahre mehr leben und wirken durfte als einst der Großvater.





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