ZDF

Dreiteiler "Unsere Mütter: Eine verlorene Generation

Foto: David Slama/ZDF

Schonungslos inszenierte Bilder: ZDF zeigt im Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" den Zweiten Weltkrieg so drastisch wie selten zuvor.

Kritik am weichgespülten Sonntagabendprogramm im ZDF ist wohlfeil. Doch wer Herzschmerz à la Rosamunde Pilcher oder Inga Lindström gewöhnt ist, dürfte an diesem Sonntag schwer enttäuscht werden. Denn statt auswechselbar romantisch wird es äußerst brutal und dreckig. Schon in der ersten Folge des ZDF-Dreiteilers "Unsere Mütter, unsere Väter" springt die Gewalt des Vernichtungskrieges den Zuschauer unmittelbar an. In schonungslos inszenierten Bildern, vor allem aber in den Gesichtern der wenig bekannten Hauptdarsteller.

Fünf junge Freunde aus Berlin, drei Männer und zwei Frauen, stehen im Mittelpunkt. Sie verabschieden sich im Sommer 1941 voneinander: Der Angriff auf die Sowjetunion steht bevor, der Hitlers Krieg endgültig zum Weltenbrand macht. Nur drei von ihnen werden überleben und sich am Ende des letzten Teils in ihrer Kneipe wiedersehen. Dort, wo sie sich vier Jahre zuvor voneinander verabschiedet haben.

Der Leutnant Wilhelm (Volker Bruch) will unbedingt ein guter Soldat sein, auch um seinem preußisch geprägten Vater zu gefallen. Doch ausgerechnet er wird desertieren und die Konsequenzen tragen müssen. Sein kleiner Bruder Friedhelm (Tom Schilling), ein Feingeist, dem das raue Soldatenleben zuwider ist, erweist sich zuerst als Kriegsgegner. Dennoch wird ausgerechnet er zum zynischen Vollstrecker.

Der junge Jude Viktor (Ludwig Trepte) wiederum gerät in den Mahlstrom des Rassenwahns, seine Eltern werden deportiert. Er versucht mit falschen Papieren zu entkommen, wird aber gestellt und inhaftiert. Viktor kann jedoch aus dem Zug nach Auschwitz fliehen und schließt sich einer nationalpolnischen Partisanengruppe an.

Seine "arische" Freundin Charlotte (Miriam Stein) lässt sich mit einem SS-Offizier ein, um ihrem Freund zu helfen. Doch nachdem sie sich dafür einmal entschieden hat, findet sie nichts dabei, so weiterzumachen - zugunsten der erträumten Karriere als Sängerin. Schließlich landet sie doch im Gestapo-Gefängnis. Die anfangs naive Greta (Katharina Schüttler) geht dann als begeisterte Krankenschwester in ein Lazarett hinter die Front. Hier erlebt sie tagtäglich die Qual und das Sterben der Soldaten auf fremdem Boden. Obwohl desillusioniert, macht sie sich selbst eines Verrats mit tödlichen Folgen schuldig.

Natürlich ist es extrem unwahrscheinlich, dass es tatsächlich eine solche oder auch nur entfernt ähnliche Konstellation wirklich gegeben haben könnte. Derlei Verdichtungen gehören zur künstlerischen Freiheit eines Drehbuchautors. Wichtiger ist, dass die Produktionsfirma Teamworx alles getan hat, um realistische Bilder zu gestalten. Das bestätigt auch der Berliner Militärhistoriker Sönke Neitzel, der an der London School of Economics lehrt: "Der Aufwand hat sich gelohnt. Schmutz, Dreck, Kälte vermitteln sich dem Zuschauer ebenso wie Angst, Freude und Verzweiflung der Soldaten."

Doch darauf beschränkt sich das Innovative des Films nicht: Drastischer als je zuvor in einem deutschen Film zeigen Produzent Nico Hofmann, Autor Stefan Kolditz und Regisseur Philipp Kadelbach Verbrechen der Wehrmacht im Vernichtungskrieg an der Ostfront.

Schon in der ersten Folge erschießt Leutnant Wilhelm offenbar regungslos einen gefangenen Rotarmisten. Ein SS-Offizier tötet ein kleines Mädchen, um einem jungen Landser eine Lektion zu erteilen - auch wenn ihm dabei Hirn und Blut ins Gesicht spritzen. Außerdem treiben Wehrmachtssoldaten russische Zivilisten als "menschliche Schutzschilde" in einen verminten Sumpf. Der zweite Teil am Montag überbietet solche Exzesse noch - etwa wenn ein Peloton aus neun deutschen Soldaten sechs Bauern hinrichtet. Doch ein Schuss geht fehl, eine junge Frau bleibt stehen. Da lädt einer der Soldaten nach, geht ganz nah an sie heran und schießt ihr aus kaum einem Meter Entfernung in den Kopf. Man sieht Hirn und Blut aus dem Schädel spritzen.

Natürlich gehört die Darstellung extremer Gewalt zum Repertoire des Genres, das man gewöhnlich "Antikriegsfilm" nennt. So wie Liebesfilme üblicherweise einseitig romantisch sind, verherrlichen normale Kriegsfilme Heldentum und Kampfkraft der Soldaten - während der "Antikriegsfilm" die Gewalterfahrungen Einzelner in den Mittelpunkt stellt, als Opfer oder als Täter oder als beides gleichzeitig.

Für das deutsche Fernsehen jedoch erreicht "Unsere Mütter, unsere Väter" eine neue, ernsthafte Dimension der Gewaltdarstellung. Der Kontrast zu rein voyeuristischen Inszenierungen wie bei "Inglourious Basterds" von Quentin Tarantino fällt besonders auf. Das betrifft nicht nur die ausgewählten Verbrechen, die nachgestellt worden sind, sondern auch die Gesamtgestaltung der drei Teile.

Der Regisseur und sein Kameramann David Slama haben sich deutlich an der Ästhetik von Filmen wie "Der Soldat James Ryan" oder hoch gelobten Serien wie "Band of Brothers" orientiert. In beiden US-Produktionen bekommen Kampfszenen durch hartes Licht und Filter eine gewisse Fremdartigkeit - und wirken gerade dadurch unmittelbar. Dieser inszenatorische Trick hebt die Gestaltung des Dreiteilers ab von anderen deutschen Kriegsfilmen, etwa den Stalingrad-Dramen "Hunde, wollt ihr ewig leben" von Frank Wisbar (1959) und "Stalingrad" von Joseph Vilsmaier (1993). Auch der Kontrast zu Bernhard Wickis "Die Brücke" ist deutlich. Im Gegensatz zu diesem Drama um den so verzweifelten wie sinnlosen Verteidigungskampf irregeleiteter Jugendlicher lässt "Unsere Mütter, unsere Väter" keinerlei Raum, um Kriegsverherrlichung zu vermuten.

Dankenswerterweise vermeidet der Dreiteiler, dem Zuschauer eine konsumierbare "Moral aus der Geschicht" zu präsentieren. Darin geht "Unsere Mütter, unsere Väter" deutlich über das erzählerische und ästhetische Vorbild "Band of Brothers" hinaus. Die Miniserie hatte die aus US-Sicht einleuchtende Botschaft von Heldentum der "größten Generation" erzählt, die Hitler-Deutschland und Japan niederrang. Das war die einzige Einschränkung, die man gegenüber dieser beeindruckenden Produktion machen musste.

Leicht konsumierbarer Stoff jedenfalls ist auch "Unsere Mütter, unsere Väter" gewiss nicht - und allein das ist ein großer Fortschritt für den prominenten Sendeplatz.

"Unsere Mütter, unsere Väter" ZDF, So (17.3.), Mo (18.3.) u. Mi (20.3.), jeweils um 20.15 Uhr