Michael Naura wird morgen 75
"M. wie Monster, N. wie Narr"
Vom Pianisten zum Journalisten und Jazz-Papst: Michael Naura hat viel für Hamburgs Szene getan.
Hamburg. Ob das heute noch ginge? Dass da einer, nachdem er als knapp 30-jähriger Bandleader mit seinem Ensemble zur besten deutschen Jazzband gekürt wird, noch eine in die Spitze führende Karriere als Publizist und Jazzredakteur hinlegt? Michael Naura jedenfalls hat das hingekriegt. Morgen wird der streitbare M.N. (Eigenbeschreibung "M. wie Monster. N. wie Narr") 75 Jahre alt - und ist kein bisschen leise.
1934 in Memel/Litauen geboren, wächst Naura in Berlin auf, studiert Publizistik, Philosophie und Soziologie, bricht das Studium ab und wird Swingpianist. Von 1953 bis 64 ist sein Quintett eine der erfolgreichsten Jazzformationen Deutschlands (Hannes Elsner seinerzeit in der "Bild"-Zeitung: "Der Name einer der besten modernen deutschen Gebrauchsbands"). Hört man alte Aufnahmen der Naura-Band, hört man viel Swing à la George Shearing, dann Hardboppiges, aber auch Kammermusikalisches im Stil des Modern Jazz Quartets, nicht zuletzt deshalb, weil mit dem Vibrafonisten Wolfgang Schlüter einer der besten Spitzenklöppler in Nauras Formation von Anfang an dabei ist.
Im Hamburger Jazzkeller in den Colonnaden hat die Band über sieben Jahre sechs Nächte die Woche ein Dauerengagement (Naura: "Wir hotteten, bis uns fast die Finger abfielen"). Eine Polyserositis-Erkrankung zwingt Naura schließlich dazu, die Finger von den Tasten zu lassen.
Er verlegt sich aufs Schreiben und nimmt hier kein Blatt vor den Mund. Seine Rezensionen und Texte sind oft pointiert, zuweilen grob, voller derber Metaphern, auf jeden Fall extrem und niemals langweilig, was in der, wie er es nennt "westlichen Doof- und Lustiggesellschaft" schon mal was wert ist. 1971 übernimmt Naura die Leitung der NDR-Jazzredaktion. Nun hat er die Freiheit, Musiker, die er gut, aber sein Publikum manchmal gar nicht findet, zum NDR einzuladen und dergestalt das Konzertspektrum Hamburgs zu erweitern. Und auch hinter dem Mikro läuft er in Rundfunk-Glossen gelegentlich zu Hochform auf, stichelt und stochert, löckt wider den Stachel und mit der Sprache für und gegen den Jazz.
Gleichzeitig findet er durch die Freundschaft mit dem Dichter Peter Rühmkorf auch künstlerisch ein neues Betätigungsfeld, auf dem Musik und Lyrik sich umschlingen und befruchten.
Zu Nauras 75. kommt nun eine sogenannte "Naura-Box" auf den Markt, sechs CDs darinnen und ein Büchlein voller Elogen, Erinnerungen, Anekdoten und Nauras speziellen Zeichnungen, die so gut wie jedes Stückchen Papier zierten, das ihm unter die Finger kam, Gedichte inklusive. Eine lustige Zeit muss das demnach damals gewesen sein im deutschen Jazz und beim NDR, "Sag die Wahrheit! Aber lüge! Auf jeden Fall entscheide dich!" lautet einer der hingeworfenen Naura-Verse, die zusammen mit seinen legendären Zeichnungen den eigentlichen Reiz des Büchleins ausmachen.
In die (Platten-)Presse gehauen wurden sechs Tonträger, auf denen sich ein Leben zwischen Künstler und Kunstrichter nachvollziehen lässt, mit Aufnahmen der Naura-Formationen aus vier Jahrzehnten und Jazzworkshops mit Solisten wie Albert Mangelsdorff, Ack van Rooyen und Klaus Doldinger über Studioproduktionen mit Großensembles und einem sehr hörenswerten Mitschnitt einer Aufführung mit Peter Rühmkorf aus dem NDR-Funkhaus Hannover von 1977.
Mag Naura durchaus Selbstdarsteller sein, ungerecht, zornig, nicht leicht im Umgang, zuweilen anmaßend, ein Wohllautgefangener seiner selbst, so ist er aber auch einer derjenigen, die was zu sagen haben und nicht nur zu reden. Einer, der zu Recht mit Adorno bekrittelt, dass es "bei manchen Menschen schon eine Unverschämtheit ist, wenn sie "ich" sagen". Bei ihm jedenfalls nicht.
Naurabox - Fortissimo: Eine deutsche Jazzologie. 6 CDs/Booklet, ca. 50 Euro



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