Interview: Stadtsoziologin Saskia Sassen
Die Krise des Kapitalismus und unsere Städte
Stadtsoziologin Saskia Sassen über das marode Finanzsystem, die Zukunft von Städten in der Globalisierung und die Herausforderung von Migration.
Gilt als eine Ikone der Stadt-Soziologie: Saskia Sassen.
Foto: Holcim Foundation/Kampnagel
Saskia Sassen wurde 1949 in Den Haag geboren und lebt in den USA. Die Soziologin und Wirtschaftswissenschaftlerin gilt als eine Art Ikone der Stadt-Soziologie. Bekannt wurde sie für ihre Analysen über die Globalisierung und über internationale Migration. Sie lehrt zurzeit als Professorin der Soziologie an der University of Chicago, und an der London School of Economics. Sie ist zudem Mitglied im Kuratorium der IBA Hamburg.
Abendblatt: Prof. Sassen, Weltweit kollabieren die Finanzsysteme. Ist der Kapitalismus fehlgeschlagen? Und was kommt als nächstes?
Saskia Sassen: Es ist eine traurige Geschichte. Wir haben ein Finanzsystem, das Regierungen und größere Teile der Gesellschaft missbraucht und einige der nationalen Ökonomien sind fast kollabiert. Es hätte bedeuten können, dass Regierungen nun hart gearbeitet haben, um zusammen ihre Verhaltensweisen zu ändern und um die schlechtesten Züge dieses Systems herauszuschneiden. Aber stattdessen stecken die meisten Regierungen ihre Rettungsgeld in die gleichen alten Banken. Ja, es wird mehr reguliert aber viel ist auch schon wieder verwässert worden.
Abendblatt: Hamburg hat als Hafenstadt viele Jahre von der Globalisierung profitiert. Jetzt kämpfen Reedereien und Werften gegen die Krise und die Stadt gibt Garantien für Landesbanken. Was bedeutet das für die Zukunft?
Sassen: Die großen Hafenstädte werden derzeit von einem doppelten Schlag getroffen. Auf der einen Seite ist der konventionelle globale Handel eingebrochen; der sich aber schon wieder erholen wird. Aber es ist unwahrscheinlich, dass noch einmal solche Höhen wie in den 1990er Jahren bis zum Jahr 2007 erreicht werden. Auf der anderen Seite kann und sollte der Fokus jetzt auf eine ökologische und nachhaltige Ökonomie mit einen Schwerpunkt auf Wachstum und Herstellung in der Region gelegt werden. In meiner Recherche habe ich viele, so wie ich es nenne, unnötige Mobilitäten ermittelt: warum sollte Deutschland tausende Tonnen Kartoffeln in die UK exportieren, und die UK exportiert noch einmal die gleiche Menge nach Deutschland. Die einzigen, die daran Gewinn machen, sind die Händler und die Banken und die Versicherer und die Buchhalter, die den Handel betreuen
Abendblatt: Wird angesichts der Finanzkrise für Kommunen genug Geld für soziale Themen wie Bildung oder aber infrastrukturelle Projekte übrig bleiben?
Sassen: Das ist eine komplexe Angelegenheit. Im Moment gibt es eine Menge Geld im System, aber es ist an eine finanzielle Logistik gebunden, die zum Beispiel Gewinnerwartungen mit einer stetig eskalierenden Geschwindigkeit der Erträge verbindet. Ich denke, der Schlüssel zur Lösung ist, dass man damit beginnen muss, unsere Wirtschaft zu ent-finanzialisieren. Das kann nie ganz vollständig geschehen, aber was wir nun haben, brauchen wir nicht: Die Höhe der Finanzvermögen beträgt 350 Prozent vom globalen Bruttosozialprodukt. In den USA und in England, nebenbei, liegt die Rate bei 450 Prozent. In Deutschland sind es indes weniger als 300 Prozent, was viel besser ist und erklärt, warum sich Deutschland schneller erholt als England und die USA. Und das ist gut für den Hamburger Hafen und gut für die Hamburger Wirtschaft, die eher eine der Menschen, der tatsächlichen Produktion als eine des Finanzwesens ist.
Abendblatt: Was hat das bisherige Finanzsystem den Menschen gebracht?
Sassen: Die verschiedenen Typen der Gewinnmaximierung, die wir seit den 90er Jahren erlebt haben, sind nicht wirklich am Menschen orientiert. Es stimmt zwar, dass durch Outsourcing einige gute Jobs in schlechter entwickelten Ökonomien entstanden sind. Und das ist gut. Aber durch viele dieser Jobs wurden Arbeiter auch ausgebeutet und gleichzeitig kleine, traditionelle, arbeitsintensive, Firmen und Landwirtschaften zerstört. Outsourcing in weniger entwickelte Nationen war nicht daran orientiert, diese zu entwickeln, sondern war daran orientiert, die Gewinne zu maximieren und die Kosten zu minimieren, und den so genannten "Shareholder-Value" zu steigern. Wirklich, man steigert den Wert für die Kapitaleigner und nicht für die Arbeiter und ihre Gemeinden. So gesehen ist das nicht alles gut für die Menschen gewesen. Es hat nicht die Entwicklung der südlichen Welt gefördert. Und es hat die Gewerkschaften in den alten Industrieländern zerstört oder zumindest geschwächt, hat die Arbeitslosigkeit gefördert und die Löhne der Arbeitnehmer gemindert. Sicherlich sind England und die USA darin extrem. Viele andere europäische Länder haben ein stärkeres soziales Sicherheitsnetz, aber trotzdem leiden viele europäische Länder unter diesen negativen Trends.
Abendblatt: . Globalisierung und Städte sind Ihr spezielles Thema. Globalisierung bedeutet auch Migration. In Hamburg hat die Hälfte der Schulanfänger einen Migrationshintergrund. Wie werden sie als Erwachsene in dieser Stadt leben?
Sassen: Das ist auch ein sehr schwieriges Thema. Aber lassen Sie mich zwei Sachen sagen. Viele Nationen haben viele dieser Migrationsbewegungen direkt durch Werbung in den 60er Jahren initiiert. Wir haben Brücken gebaut. Aber jedes Mal, wenn ein Abschwung da ist, brauchen wir die Migranten nicht und denken, dass sie der Grund für die steigende Arbeitslosigkeit sind. Dabei wurde diese aktuelle Krise vom Finanzsektor produziert. Diese Fakten zeigen aber, dass wir Migranten brauchen für eine funktionierende Ökonomie, die dem Wohl der Menschen und nicht dem des Finanzsektors dient.
Abendblatt: Sehen Sie, beispielsweise in Hamburg Ansätze, wo das deutlich wird?
Sassen: Die Initiativen, die ich in den verschiedenen Migranten-Gemeinschaften auf der Insel Wilhelmsburg gesehen habe, sind beeindruckend. Sie beziehen ihr handwerkliches Können mit ein. Organisationen auf der Insel wie der Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg, wo Migranten der ersten und zweiten Generation aktiv mitarbeiten, sind wichtig für die Idee, die ich die „Ökonomie der Menschen“ nenne. Migration ist daher wichtiger Wirtschaftsfaktor.




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