01.03.13

"The Next Day"

So klingt das Comeback des David Bowie

Ab sofort als Livestream zu hören: "The Next Day", das neue Album von David Bowie, ist eine ketzerische Bilanz seines Lebenswerks. Als Parodie seines früheren Ich kehrt er darin nach Berlin zurück.

Von Michael Pilz
Foto: dpa
David Bowie bei einem Konzert im Jahr 1990: Der Popstar hat ein neues Album veröffentlicht
David Bowie bei einem Konzert im Jahr 1990: Der Popstar hat ein neues Album veröffentlicht

Nach all seinen Verwandlungen konnte sich David Bowie nur noch selbst verschwinden lassen. Auch als Geist bewies er Stil und Würde. Er war einfach nicht mehr da, zehn Jahre lang, was im Informationszeitalter auch als das betrachtet wurde, was es war: ein Kunststück, das der Menschheit Rätsel aufgab.

Und nun sieht man Bowie plötzlich wieder, er spaziert durch einen Film zu seinem neuen Album "The Next Day", als Rentner. Er sitzt auf dem Sofa und sieht fern, trägt eine senffarbene Strickjacke und möchte nicht gestört werden. Schon gar nicht von den Nachbarn, androgynen, skandalösen, bowiehaften Rockstars. Bowie klopft erbost an ihre Tür und klagt: "Stars schlafen nie, weder die toten noch die lebenden."

Für Fotos steht er nicht zur Verfügung

Man hat nicht mehr als 17 Songs auf einem Album und zwei Videos, um David Bowies überraschende Rückkehr zu begreifen. Er steht nicht für Interviews und Fotos zur Verfügung, er hat sich entschlossen, ein Phantom zu bleiben. Allerdings hat er auch nie zuvor in seinen Schaffen mehr von sich erzählt und sich erklärt, als lebende Figur. Allein der Film zum Song "The Stars (Are Out Tonight)" zeigt nicht nur, wie er jetzt mit 66 Jahren aussieht, sondern auch, was ihn für Geister plagen.

Seine Frau, gespielt von Tilda Swinton, rast als Furie der alt gewordenen Popkultur durchs Eigenheim. Ein Bowiewesen hockt sich nachts auf seine Brust wie Johann Heinrich Füsslis "Nachtmahr". Und in seinen Liedern fantasiert er sich hinein in sterbende Diktatoren und in lebensmüde Kriegsheimkehrer: "Ich wäre lieber high, ich wäre lieber tot." Das hat man so noch nicht gehört, von keinem Rocksänger seiner Generation. Die Alten sind unfassbar stolz auf ihre Sünden, ihre ewige Jugend und ihre Allgegenwart im Rockbetrieb.

Aber er war ja immer schon ein anderer. Der Mann, der vom Himmel fiel. Vor 40 Jahren hat er kurzerhand den Pop noch einmal neu erfunden. David Bowie hat den Menschen beigebracht, dass sie sich selbst ihre Gedanken machen müssen, wenn sie ihre Stars und deren Songs verstehen wollen. Seit er Major Tom und Ziggy Stardust war, seit er sich selbst als Übermensch besungen hat, behalten wahre Stars ihre Geheimnisse für sich und singen in Zungen.

Dauerlutscher im Auge

Bowies letztes Album vor zehn Jahren hieß "Reality" wie die sich anschließende letzte Welttournee. Was sich bei der Konzertreise als Wirklichkeit erwies, hatte mit seiner großzügigen Vorstellung von Wirklichkeit nichts mehr zu tun. In Oslo rammte ihm ein überschwänglicher Besucher einen Dauerlutscher ins Auge. Als er während eines Festivals in Scheeßel an der Wümme einen Herzinfarkt erlitt, war für ihn nicht nur die Tournee erledigt, sondern auch das Popgeschäft. In seinem letzten Interview bekannte Bowie: "Ich habe die Nase voll von dieser Industrie, und das nicht erst seit heute. All meine Figuren haben ihren Zweck erfüllt, jetzt können sie in Rente gehen."

Er versteckte sich zwar mitten in New York. Aber er war nicht unsichtbar und führte das profane Dasein eines prominenten Ruheständlers. Er tauchte in Fernsehserien auf und auf der Bühne bei von ihm geschätzten Bands wie TV On The Radio, mit denen er "Province" sang, eine Hymne auf das kleine Leben. Er besuchte Filmpremieren seines Sohnes Duncan Jones, der dann am Vorabend des 8. Januar 2013, Bowies 66. Geburtstag, das Comeback im anschwellenden Twittersturm beglaubigte.

Am Morgen war bereits das erste Stück Musik da, es stellte die interessante Frage in den Raum: "Where Are We Now?" Die Antwort auf seine Ballade schickte David Bowie mit, als Video, das ihn wieder in Berlin verortete, seinem Exil Mitte der Siebzigerjahre. Die Berliner adoptierten Bowie als verlorenen Sohn und fühlten sich als Helden der Musikgeschichte. Dabei singt er klar und deutlich: "Ich bin nur mit Toten unterwegs."

Die Orte seiner Geschichten

Er zählt die Orte auf, die man aus den unzähligen Geschichten kennt, die jetzt wieder geschrieben werden. Den Potsdamer Platz, der im gedruckten Text zum "Potzdamer Platz" wird, die Bösebrücke und das KaDeWe. Als sänge er vom Navi seines iPhones. Es ist seine Parodie auf diesen drogenkranken und gehetzten Star aus England, der er damals war, und der Berlin als Geisterstadt besuchte und in lustigem Deutsch sang. Der ständig ins Brücke-Museum lief und sich für "Heroes" als Ernst Ludwig Kirchner fotografieren ließ, nach einem Porträt von Erich Heckel. In den Hansa-Studios löste er die Form des Popsongs auf.

Auf "The Next Day" setzt er seine Musik wieder zu Songs zusammen. Die Verpackung ist ein Witz: Das alte "Heroes"-Cover hat er mit dem aktuellen Titel überklebt: Ein Alter Meister musealisiert sich selbst. Das Londoner Victoria & Albert Museum würdigt David Bowie pünktlich mit einer Gesamtschau seines Schaffens, ohne dass die Kuratoren etwas von dem neuen Album hätten ahnen können. Aber Bowie hat von der geplanten Ausstellung gewusst. Zwei Jahre lang haben die Aufnahmen gedauert. Musiker waren zum Stillschweigen verpflichtet worden, selbst der umtriebige Produzent Tony Visconti hielt die Arbeiten geheim.

Und so erscheint das Album als Bilanz des Lebenswerks, die ketzerischer ausfällt als die weihevolle Ausstellung: Seine Musik war nur vorübergehend so durchdacht wie seine Images. Im ersten Song, dem Titelstück, wird man von Bowie mit dem Glamrock seiner Frühphase begrüßt und den gesungenen Worten: "Ich habe auf Wiedersehen zu sagen." Nun bedeutet das an sich noch nichts, schon gar nicht, wenn es Bowie singt in einer seiner Rollen, hier im Lied als tragischer Tyrann. Doch Bowie wäre auch nicht Bowie, wenn er anderen das allerletzte Wort in eigener Sache überließe.

Kindereien und Sterblichkeit

"Dirty Boys" nennt er das zweite Stück, in dem ein tiefes Saxofon erklingt, wie er es noch unter dem Namen David Jones geblasen hat, vor seiner Bowiewerdung in den späten Sechzigern. Er gönnt sich Kindereien und lässt seine Musiker im Chor "Apache" von den Shadows trällern wie ein Rudel Muppets. Es wird auf dem Album ausgiebig georgelt und getrommelt und dabei die Sterblichkeit beklagt. Es geht wieder um Raum und Zeit und um den lächerlichen Glauben, nicht von dieser Welt zu sein. Dann heißen Songs "If You Can See Me" oder "Dancing Out In Space".

Es wäre ein gelungener Abschied: David Bowie, der als Kunstfigur bereits komplett zerdeutet worden war, genießt die Interpretationshoheit über sich selbst, den Künstler hinter der Figur. Über den Musiker, dessen Musik heute nicht mehr erzählen kann als ihre Frühgeschichte. "The Next Day" ist eine schroffe Platte um ein schönes Stück herum, "Where Are We Now?". Ein Album mit der frohen Botschaft: David Bowie ist kein Geist, er ist gesund, es geht ihm gut. Mit 66 Jahren fängt das Leben an und die Legenden hören vielleicht auf.

Das neue David-Bowie-Album "The Next Day" ist auf iTunes als Stream anzuhören.

Und so sieht Bowie heute aus: eine Szene aus dem Video zum neuen Song "The Stars (Are out tonight)"
Foto: AFP Und so sieht Bowie heute aus: eine Szene aus dem Video zum neuen Song "The Stars (Are out tonight)"
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alles über Ihre Straße

Top Bildergalerien mehr
Eidelstedt

Osterfeuer greift auf Bürogebäude über

Bundesliga

HSV kassiert Heim-Debakel gegen Wolfsburg

Kate, William und George besuchen Australien

Formel 1

Hamilton siegt beim Großen Preis von China

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr