24.02.13

Hamburger Staatsoper

Kent Nagano: Staatsoper hat eine fantastische Tradition

Weltstar Kent Nagano löst 2015 Simone Young an der Hamburgischen Staatsoper ab. Seine neue Aufgabe empfindet er als große Ehre.

Foto: dpa
Kent Nagano
Der künftige Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper Kent Nagano

Hamburg. Star-Dirigent Kent Nagano, 57, Amerikaner mit japanischen Wurzeln, dirigierte bei den Salzburger Festspielen, war Chefdirigent der Deutschen Symphonie Orchesters in Berlin und arbeitete mit vielen Orchestern von Weltrang. Derzeit ist er Generalmusikdirektor des Bayrischen Staatsorchesters in München und des Orchestre Symphonique in Montreal.

Ein Gespräch über den zweifelhaften Wert des Neuen, über Perfektionismus und manchmal Tränen beim Dirigieren.

Hamburger Abendblatt: Herr Nagano, als erstes Orchester der Welt haben Sie mit dem Montreal Symphony Orchestra für die Ureinwohner am Polarkreis gespielt. Warum war Ihnen das so wichtig?

Kent Nagano: Die symphonische Form kam vor etwa 225 Jahren aus der Zeit Beethovens auf demokratische Weise in die Gesellschaft. Wir alle tragen im Orchester den gleichen Frack als ein Zeichen demokratischer Vereinheitlichung. Wenn das der Idee entspricht, dass Musik jedem gehört, dann müssen wir als Montreal Symphony Orchestra auch für jeden in Kanada spielen. Es wurde ein sehr wichtiger kultureller Austausch.

Warum?

Kent Nagano: Können Sie sich vorstellen, wie das ist, für ein Publikum ein Programm zu machen, das noch nie klassische Musik gehört hat? Wir spielten Mozart, Strawinsky und eine Uraufführung mit zwei Kehlkopf-Sängerinnen. Was glauben Sie, ist am besten angekommen? Die Mozart-Serenade war es! Überall, wo wir spielten, reagierten die Leute so, als sei der berühmteste Pop-Star aufgetreten. Es ging auch um unsere Identität, um Bestätigung für die Musik, an die wir glauben.

Was zieht Sie nun nach Hamburg?

Kent Nagano: Hamburg ist sehr dynamisch, sehr kosmopolitisch. Eine Stadt mit vielen internationalen Handelsbeziehungen. Die Staatsoper hat eine fantastische Tradition mit vielen Kreuzungen, über die sich die ganze europäische Musikgeschichte entwickelt hat. Ich habe jetzt das Glück, Teil dieser Tradition zu sein, die Chance, ihr zu dienen. Es ist eine große Ehre.

Hat der Neubau der Elbphilharmonie Ihre Entscheidung mit beeinflusst?

Kent Nagano: Ja. Sie ist ein Zeichen, dass eine Stadt anspruchsvoll ist. Stolz. Du musst nicht die größte sein. Aber Du solltest etwas von außerordentlicher Qualität repräsentieren. Der Bau der Elbphilharmonie ist international sehr eindrucksvoll. Ein bedeutendes architektonisches Statement. Die Frage nach den Künsten ist wichtig. Warum tun wir das, obwohl es Arbeitslose gibt, Geld für Schulen fehlt, für Straßenbau und Krankenhäuser? Schwierige Fragen. Es ist sehr, sehr mutig.

Verraten Sie uns erste Ideen zu Ihrer Eröffnungs-Saison?

Kent Nagano: Dazu kann ich noch nichts sagen. Fragen Sie mich gern in einem Jahr.

Sie haben Musik und Soziologie/Anthropologie studiert. Warum?

Kent Nagano: Aus Faszination. Ich habe dabei gelernt, die Zukunft dadurch zu verstehen, dass man zurückblickt in alte Kulturen.

An der Hamburgischen Staatsoper gab es eine wichtige Ära, die mit dem Namen Rolf Liebermann verbunden ist.

Kent Nagano: Er war legendär! Er war eine gigantische Figur während meiner Studienzeit in den USA. Wir verfolgten mit großer Neugierde, was dort geschah, wo er war. In Paris, in Hamburg. Liebermann war sehr, sehr wichtig.

Er gab viele Werke in Auftrag, liebte es, junge Komponisten zu ermutigen, Neues zu wagen.

Kent Nagano: Für mich war es nicht so wichtig, dass er das alles tat. Experimente, Neues sind nicht per se interessant. Es war die Qualität der Arbeit, die sehr große Tiefe und Verfeinerung. Und eine aufwendige Dramaturgie, welche eine Art wissenschaftlichen Denkens ist. Wir haben uns sehr gut kennengelernt. Liebermann brachte uns zu diesem Fokus sehr hoher Qualität. Und er verhalf uns zu einer anderen Perspektive auf unser großes Standard-Repertoire. Er vollendete, was man Reflektion der eigenen Identität nennen könnte. Das bewundere ich.

Wie begann Ihre Beziehung zur Musik?

Kent Nagano: Als Kind. Ich wuchs in Kalifornien in einer sehr schönen Natur auf, aber wir hatten keine Gelegenheit, zu reisen. Durch Musik kann man aber überall hin reisen. Mein Lehrer erzählte mir Geschichten, die die Vorstellungskraft öffneten. Ihm ging es um den Effekt von Musik auf Kinder. Und um Disziplin.

Ihr Lehrer Wachtang Korisheli vermittelte Ihnen auch, was Europa ist.

Kent Nagano: Er gab uns Ideen davon. Bilder. Bei ihm ging es immer darum, zu lesen, zu singen, zu malen. Sich Farben vorzustellen, Klänge. Den Klang der Glocken in Tirol. Natürlich klingen die ganz anders als A und B auf dem Klavier. Wie interpretiere ich melodische Intervalle? Seine Übungen gingen oft durch sein Haus, die Stufen hinauf in die Galerie, in sein Maleratelier, Zwölf Stufen hinauf, das war Dodekafonie. Wir lernten, unsere Ohren zu trainieren, musikalisches Wissen mit Schritten zu kombinieren. Einen kleinen oder einen großen Schritt zu tun, meint unterschiedliche Interpretation oder Spannung. Deshalb ist Musikerziehung so wichtig. Es geht nicht darum, Millionen von Solomusikern heranzuziehen. Es ist etwas, was einem jungen Menschen anbietet, die Welt in einer solch offenen, reichen Weise zu sehen.

Sprechen Sie auch mit Ihrem Orchester über solche Dinge?

Kent Nagano: Nur wenn nötig. Ich rede nicht zu viel.

Wie würden Sie sich als Orchesterchef charakterisieren?

Kent Nagano: Das einzige, was wirklich zählt, ist: Man sollte man selbst sein, ehrlich sein.

Und wenn Sie unterschiedlicher Meinung sind in der Interpretation?

Kent Nagano: Meinungsunterschiede können manchmal sehr provokativ sein und in etwas Aufregendem münden. Man sollte unbedingt dem Komponisten und dem Werk treu bleiben. Es geht um Integrität. Wenn nicht, riskiert man, sich in Effekten zu verlieren.

Sind Sie ein Perfektionist?

Kent Nagano: Oh. Man kann kein Künstler sein, ohne Perfektionist zu sein. Du musst mit all Deiner Energie, Deinem ganzen Herzen, all Deinem Willen versuchen, Perfektion zu erreichen. Natürlich sind wir Menschen. Wir sind nicht perfekt. Nur Gott ist perfekt. Aber wenn Du nicht versuchst, perfekt zu sein, hast Du keine Chance (lacht). Ich erinnere mich gerade an Günter Wand…

Waren Sie und der werktreue Günter Wand, der frühere Chefdirigent der NDR Sinfoniker, eigentlich Freunde oder kannten Sie sich nur gut?

Kent Nagano: Ich habe mehr als zehn Jahre mit ihm gearbeitet. Ich erzähle Ihnen, was er über Perfektionismus sagte. Er erzählte mir: Manchmal bin ich sehr unzufrieden mit mir. Ich studiere sehr hart, ich gebe alles, um eine Sinfonie gut aufzuführen, aber vielleicht einmal alle zwei Jahre weiß ich, es war eine gute Vorstellung. Wir Musiker erkennen alle diesen kurzen Moment, wenn Du ein Niveau erreichst, von dem aus Du siehst, was hinter den Sternen liegt. Für einen Moment. Ein Glimmen.

Kinder und junge Leute finden es nicht sehr cool, die Oper oder ein klassisches Konzert zu besuchen…

Kent Nagano: In Montreal sind 45 Prozent des Publikums unter 30. Wir sind in jeder Vorstellung ausverkauft. Aber das hat lange gedauert. Nichts geschieht in 24 Stunden. Es erfordert ein Engagement über viele Jahre, einen so tiefgehenden Wechsel zu erreichen. In Montreal, wo die Gesellschaft auch nicht jünger ist als in europäischen Städten, hatten wir kein Geld für PR und Marketing. Die Lösung bestand in dem, woran wir alle glaubten: Auf dem höchsten Niveau zu spielen und nur die allerbeste Musik. Manchmal vergibt man Auftragswerke, dann weiß man nicht, was dabei herauskommt. Ein Konzert sollte außerdem in einem Kontext aufgeführt werden, in dem die Leute sich spüren können, sich sehen. Dass sie realisieren, dass Musik nicht von dem handelt, was 210 Jahre her ist, sondern von dem, was 2013 wichtig ist.

Geben Sie Konzert-Einführungen?

Kent Nagano: Nein. Es geht darum, wie man spielt. Ich denke zum Beispiel an wirtschaftliche Instabilitität, an Krieg, Spannungen zwischen den Supermächten, an Kämpfe, Energie innerhalb der sozialen Fabrik der Werte, der Moral, die sich gerade verändert, so dass ein Riss durch die Generationen geht. Und dann ein Riesenschritt in der technologischen Entwicklung: Ich spreche von der Welt von Anton Bruckner. Der Welt von 2013.

Weil alles darin enthalten ist?

Kent Nagano: Natürlich. Wir sprechen davon, unsere humanistischen Werte zu teilen und wie sich das heute anfühlt. Es reicht nicht, dass etwas aufregend oder intellektuell stimulierend ist.

Wie groß ist der Unterschied, ein Orchester oder eine Oper zu dirigieren?

Kent Nagano: Historisch betrachtet, lassen sich beide nicht trennen. Die symphonische Form ist aus der Oper hervorgegangen. Die französische Ouvertüre wurde ein fundamentaler Baustein für die Form der Sonate. Die Formen müssen respektiert werden, aber sie sind tiefstens miteinander verbunden.

Hélène Grimaud hat während eines ihrer Klavier-Recitals Natur-Fotos ihres Lebensgefährten gezeigt. Jeffrey Tate und Daniel Kühnel gaben zu Messiaens "Des canyons aux Étoiles" einen Film in Auftrag. Und Simone Young gab ein Konzert an 100 Orten der Stadt. Braucht die Welt neue Konzertformen?

Kent Nagano: Wenn man nichts ausprobiert, kann man es nicht herausfinden. Es hängt total von der Situation ab. Mit dem Symphonieorchester machen wir gelegentlich derartige Projekte. Aber grundsätzlich geht es mir um die Beziehung, die wir jetzt zwischen Gesellschaft und Orchester entwickeln. Sie ist so intensiv, so intim geworden! Unsere Konzerthalle hat 2000 Sitze, manchmal fühlt sich das so an, als spiele man in seinem Wohnzimmer. Eine solche Intensität steigert die musikalische Erfahrung.

Wie denken Sie über Unwiederholbarkeit in der Kunst?

Kent Nagano: Günter Wand sagt, da ist etwas, was Du nicht kontrollieren kannst. Alles was Du tun kannst, ist vorbereiten. Eine Vorstellung bietet eine Art Freiheit. In manchen Konzerten liefen mir unkontrollierbar die Tränen über das Gesicht. Weil die Interpreten so außerordentlich waren. Oft ist es ja so: Du betrittst die Halle, vorher war Stau, 15 SMS, etwas im Büro vergessen, Hektik, die Leute drängen sich rein, hinsetzen, Licht aus. Aber für jeden, den ich kenne, gibt es dann Momente, wo man nicht in der Konzerthalle, nicht im Büro ist, sondern an irgendeinem Ort. Das haben sogar Wissenschaftler festgestellt. Das macht Musik so speziell.

Die Elbphilharmonie-Konzerte haben in Hamburg einen neuen Wettbewerb unter den Orchestern ausgelöst.

Kent Nagano: Er ist notwendig, aufregend, inspirierend. Hamburg ist eine große Stadt. Sie sollte sich als Ort verstehen, der große Institutionen anzieht. Diese Konzerthalle zu bauen, halte ich für sehr gesund. Es macht die Gemeinschaft reicher.

Bringen Sie Ihren Dramaturgen mit?

Kent Nagano: Bis jetzt gibt es an der Hamburgischen Staatsoper, glaube ich, keinen festen Dramaturgen. Ich studiere sehr die Geschichte und Tradition dieses Orchesters. Es ist eines der ältesten in Deutschland. Aber gemeinsam studieren wir die Details. Das, was diese Tradition ausmacht und was sie für uns heute bedeutet. Die Philharmoniker waren eines der ersten Orchester, mit denen ich in Deutschland arbeitete, in den 1990ern.

Die Hamburgische Staatsoper wurde als Bürgeroper gegründet.

Kent Nagano: Ja, fantastisch. Wissen Sie, was das bedeutet? Das bedeutet Demokratie!

Mit vier Jahren begann Kent Nagano, Klavier zu spielen. Sein Studium schloss er mit zwei Diplomen ab: Musik und Soziologie/Anthropologie. Sein Blick auf Konzerte ist immer sozial und historisch verankert.

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