10.01.13

Hamburg Ballett

"Préludes CV": Tanz in technischer Perfektion

Die Kunst des Hamburg Balletts ist selten so pur wie in John Neumeiers Szenencollage "Préludes CV" zu bewundern.

Von Klaus Witzeling
Foto: dpa
Wiederaufnahme des Balletts Preludes CV
Patricia Tichy und Carsten Jung durchleben in "Preludes CV" Höhen und Tiefen einer Sex-Beziehung

Hamburg. Der Tag hat 24 Stunden. Je 24 Präludien erklingen im ersten und zweiten Teil von John Neumeiers Choreografie "Préludes CV", die er für wenige Vorstellungen in der Staatsoper neu einstudierte. Der Ballettabend führt durch einen oder zwei Tage, aber vielleicht auch durch ein ganzes Leben. Oder beginnt möglicherweise sogar bei Adam und Eva, dem ersten Menschenpaar. Jedenfalls "im Anfang", wie das Bibelwort heißt, sind die mit Kreide auf den schwarzen Hintergrund gezeichneten Konturen zweier Körper zu sehen. Aleix Martinez, später auch der Träger des Lebenslichts, gleitet aus der Zeichnung zu Boden, während sich Silvia Azzoni dehnend und streckend aus den Umrissen befreit. In Alexandre Riabko erhält sie einen "Adam"-Partner. Zeitschnitt. Eine Dame in Lila (Patricia Tichy) mit Boutiquen-Täschchen betritt den Raum. Die modebewusste Frau kommt von Shoppen und trifft auf einen Schwerenöter im Hawaii-Hemd (Carsten Jung). Blick, Gegenblick. Ein erster kurzer Gestenaustausch. Entspinnt sich da was?

So ließe sich stundenlang weitererzählen, weiterfantasieren und weitervermuten, was der Choreograf und seine Protagonisten dem Zuschauer erzählen wollen. Prophylaktisch warnt Neumeier den Besucher davor, eine Handlung verstehen zu wollen, ermutigt ihn, im Gesehenen eigene Geschichten zu entdecken. Tatsache ist, dass Neumeier die Szenencollage den Solisten der Uraufführung 2003 auf den Leib schrieb und sich durch deren Persönlichkeiten inspirieren ließ. Für die Wiederaufnahme übernahmen vor allem im zweiten Teil andere Solisten die Partien ehemaliger Kollegen. Als Animator der Zuschauerfantasie nähert sich der Choreograf mit einer für ihn seltenen Radikalität dem zeitgenössischen Tanz und findet stilistisch zu freieren Bewegungsformen.

Was gibt es nun wirklich zu sehen? Vor allem erstklassige Tanzkunst in technisch perfekter Reinheit und subtiler Ausdruckskraft. Sie entspricht der kompositorischen Farbigkeit der für Cello und Violine geschriebenen Präludien Lera Auerbachs, die sie auch im ersten Teil am Klavier mit der Cellistin Ani Aznavoorian vorzüglich interpretiert. Die Stücke sind mal barock, mal klassisch, mal romantisch oder modern getönt und vermitteln durch Rhythmus und Temperament die Stimmungen in den Momentaufnahmen eines Charakters oder einer Paar-Beziehung.

Kein Bühnenbild lenkt ab von der Bewegungssprache der Solisten.

Die Kostüme sind einfach und haben Signalwirkung. Sie betonen einzelne Charaktere wie die Dame in Lila in ihren verschiedenen Lebensphasen. Oder sie fächern Charaktere auf wie im (alb)traumhaften Walzer der Männer im Hawaii-Hemd mit der neuen Solistin Florencia Chinellato (ein präsentes, auch darstellerisch attraktives Rollendebüt), die sich an die Schulter des Geigers flüchtet (furios: Vadim Guzman im Duo mit Pianistin Angela Yoffe).

Das Kernstück der Choreografie und sozusagen deren roten Faden bildet die Reihe der unterschiedlichen Pas de deux. Azzoni und Riabko eröffnen sie meisterhaft in ihren linienklaren Duos. Hélène Bouchet und Lloyd Riggins durchleben die intensiv und abrupt wechselnden Gefühlsschwankungen eines Geschlechterkriegs. Jung und Tichy zeigen dagegen die rauschhaften Höhenflüge und ernüchternden Tiefschläge in einer auf sexueller Attraktion basierenden Leidenschaft. Im zweiten Teil gibt Ivan Urban als Jungs Alter Ego eine liebenswerte Parodie des Kollegen als Macho-Gockel und liefert sich mit Anna Laudere komödiantisch hinreißende Balztänze.

Man muss allerdings schon sehr genau und konzentriert hinsehen, um im Flug der Bilder und Szenenwechsel die ausgefeilte Tanz- und Darstellungskunst der Solisten mitzubekommen. Ein weiterer, das Publikum und seine Aufmerksamkeit strapazierender Schwachpunkt des Balletts ist, dass es sich gegen Ende so bedeutungsschwer und diffus dahinzieht, als währte es einen lieben langen Tag. Dennoch lohnt die Anstrengung für Tanzliebhaber.

"Préludes CV" 11., 12. u. 13.1., jeweils 19.30, Staatsoper, Karten unter T. 35 68 68;

Signierstunde Lera Auerbach im Anschluss an die Vorstellung am 11.1. gegen 22 Uhr: Die Komponistin und die Musiker verkaufen und signieren die CD-Aufnahmen der 24 Präludien für Violine und Klavier beziehungsweise Cello und Klavier.

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