02.01.13

Konstantin Graudus

Die richtige Stimme zur richtigen Stimmung

Schauspieler Konstantin Graudus synchronisiert Filme, TV-Serien, spricht Hörbücher und Werbung - zur Not auch unter einer Decke.

Von Armgard Seegers
Foto: Roland Magunia
Schauspieler Konstantin Graudus
Der in Hamburg lebende Schauspieler Konstantin Graudus spricht im Stundentakt neue Rollen

Hamburg. So gut wie jeder Film, der bei uns gezeigt wird, ist ins Deutsche übersetzt und synchronisiert. Selten hört man die Originalstimme, die Ausdrucksmittel jedes Schauspielers ist. George Clooneys Bass kennt man beispielsweise nur, wenn man sich für Kaffeewerbung interessiert. "Synchron ist die späte Rache der Deutschen an den Alliierten", heißt es. "In keinem Land werden so viele Filme synchronisiert wie bei uns. Das ist nicht mehr wegzudenken", sagt Konstantin Graudus. Er ist Schauspieler. Schon in jungen Jahren gehörte er zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses. 2006 erhielt er den renommierten Rolf-Mares-Preis. Heute ist er frei, ein Los, das er mit geschätzten 15.000 Schauspielern teilt.

Graudus kann sich allerdings über Aufträge nicht beklagen. Er spielt Theater - zuletzt in "Die Nashörner" am Ernst Deutsch Theater, vom 7. Februar an in der "Kontraste"-Reihe an der Winterhuder Komödie - er dreht Filme, Fernsehspiele. Die Liste seiner Rollen, die in der "International Movie Data Base" verzeichnet ist, umfasst Hunderte von Rollen. Und er ist Synchronsprecher. Ein viel Beschäftigter. Seine Stimme klingt klar, jugendlich, angenehm tief und deutlich, mit warmer Färbung. Er spricht die deutsche Fassung in Filmen (Woody Harrelson in "Natural Born Killers"), TV-Serien ("Die Sopranos", "Dr. House"), Zeichentrickfilmen, Computerspielen. Er spricht Hörspiele ("Winnetou", "Herr Lehmann"), Werbung. Graudus macht nie Urlaub, "manch ein Werbeslogan muss jede Woche neu gesprochen werden ("Netto") und wenn ich mal mit einem Theater auf Gastspielreise bin, bekomme ich ein Aufnahmegerät mit. Damit hocke ich mich, in eine Decke gehüllt in einen Schrank, das schluckt die Außengeräusche. Im Schrank nehme ich den neuen Text auf und verschicke ihn."

In Graudus' Kalender stehen oft fünf Arbeitstermine am Tag. Früh synchronisiert er im Studio einen Film. "Man arbeitet fast nur noch alleine", sagt er. Hoch konzentriert, neben Tontechniker und Regisseur. "Das Mikrofon ist mein Partner." Danach geht's auf die Theaterprobe. Im Anschluss folgen im Stundentakt Synchronaufnahmen für Werbung, Film, Fernsehen, Hörbücher. "Konstantin ist überall", sagt ein Kollege. Hört man seine Stimme, weiß man erst, wie oft er einem begegnet.

Was unterscheidet eine gute von einer schlechten Synchronisation? Warum klingt vieles, das man im Fernsehen, etwa in Serien hört, im Deutschen so übertrieben, aufgekratzt und unnatürlich? Graudus erklärt: "Es gibt sehr viele Gründe, die dazu führen. Die meisten Synchronisationen werden in Berlin, Hamburg oder München gemacht. Wir hören sofort, welche Synchronisation aus welcher Stadt kommt. Man hat unterschiedliche Vorlieben. So einig ist Deutschland noch nicht. Stimmdruck und Rauf-runter-Betonungen bei einem Satz wie 'Ich hab aber verdammt noch mal das Recht auf ein eigenständiges Leben' (bei Leben bleibt die Stimme oben) kommt meist aus Berlin. Das können wir in Hamburg nicht", lacht er. Berlin ist die Hochburg des Synchronisierens. Da entsteht viel Massenware. Und es wird immer knapper kalkuliert. "Jemand, der jeden Tag 250 Takes spricht, der gewöhnt sich, um das durchzuhalten, so eine künstliche Synchronstimme an. Nur gute Regisseure verbieten ihm das. Es ist leichter, weil man nur Töne macht. Von dem Moment an, wo man spielen muss, wird es aufwendiger und anstrengender. Das könnte den Produktionsablauf aufhalten." Spielen heißt dann, die nötige Körperspannung für eine Szene aufzubauen und nicht nur sprechen. Wenn man vom Spiel her synchronisiert, hat man mehr Möglichkeiten und ein weites Spektrum. Da kann ein 'ja' bestimmt, komisch, zögernd, zustimmend oder vieles andere sein. Aber wie in den meisten anderen modernen Berufen, muss auch hier alles schnell gehen und darf möglichst nichts kosten.

"Synchron besteht darin zu gehorchen", sagt Graudus. "Das Startband fängt an, man zählt eins, zwei, drei, bei vier spricht man los. Und das darf keine Zehntelsekunde zu spät kommen." 25 Takes pro Stunde zu sprechen ist die Regel beim Synchronisieren.

Die Lippensynchronität muss geprobt werden. Die richtige Stimmung für die Stimme muss vom Sprecher eingefangen werden. Manche Sprachen, beispielsweise asiatische, sind schwieriger als andere. "Für uns klingen sie oft wie gebellt", sagt Graudus. "'Ich liebe dich' hört sich für unsere Ohren wie eine Kampfansage an. Da muss man sich im Deutschen erst einmal eine andere Stimmlage geben." Südeuropäer sprechen schnell. "So viel Inhalt bekommen wir in unserer Sprache gar nicht rein. Natürlich haben wir den Anspruch, dass es sich nicht nur richtig anhört, sondern dass es auch gut aussieht. Bei Lispellauten wird das schwierig. Dafür gibt es keine deutschen Entsprechungen."

Große oder schwierige Rollen schaut Graudus sich vorher im Original an. "Ich könnte vor dem Synchronisieren auch das deutsche Drehbuch lesen, aber ich weiß aus Erfahrung, dass das wenig bringt", sagt er. Wenn er ins Synchronstudio geht, bekommt er den Text für den Take, den er sprechen soll, in die Hand. "Im guten Fall hat man einen Tonmeister, einen Regisseur und einen Cutter", sagt Graudus. "Der Cutter sitzt neben mir, achtet auf Lippensynchronität, der Regisseur achtet aufs Spiel und der Tonmeister auf den Ton." Wenn es billiger gehen soll, wird oft auf den Cutter verzichtet. "Ich habe mir angewöhnt, immer den gleichen Abstand zum Mikrofon zu halten", sagt Konstantin Graudus, "Es gibt Explosiv- und Knalllaute, die sind tödlich fürs Mikrofon, da muss ich leicht vorbei sprechen. Es gehört viel Stimmtechnik dazu."

Die Qualität der Bücher ist "sehr, sehr wichtig", sagt Graudus. "Auch hier wird aus Kostengründen leider immer häufiger gespart". Sprecher gibt es Tausende, Sprecher werden kann jeder. "Der Sprechermarkt ist übervoll", weiß der viel beschäftigte Graudus, der sich nach wie vor als Schauspieler sieht, nicht als Sprecher. In den letzten Jahren hat er Hörbücher wie Siegfried Lenz' "Die Schweigeminute" als Hörbuch eingesprochen oder Alex Garlands "The Beach". Er hat 160 Hörspiele gemacht, darunter "Der Zauberberg". Und Reklame - Discounter und Telekommunikationsfirmen. Werbung wird natürlich nicht "normal" gesprochen. Es geht darum, wofür spreche ich was? "Meist sind das 20-Sekünder. In der Zeit müssen die Kunden angesprochen werden, und sie sollten sich etwas vom Inhalt merken können. Sprecher für diese Werbung werden inzwischen europaweit gesucht." Wie, auch unter Franzosen und Finnen? "Inzwischen geht alles", weiß Konstantin Graudus "Es wird bis zum Umfallen getestet, welche stimmlichen Parameter und Persönlichkeitsmerkmale bei den Menschen am besten ankommen. "Natürlich gibt es auch Berufssprecher. Die können alles aussprechen, richtig aussprechen, dass es sich so anhört, als hätten sie's verstanden. Solche Leute haben meist eine musische Ausbildung." Synchronsprecher werden engagiert, weil sie demjenigen, den sie synchronisieren, ähnlich sehen. Oder weil ihre Stimme einen erwünschten Klang hat, eine Färbung, die man braucht. Oder weil sie bestimmte Charakteristika in der Stimme haben, Kraft, etwas Vornehmes, Väterliches oder Lustiges.

Studio, Disponent oder Regisseur suchen klassischerweise den Sprecher aus. "Alle Aufnahmeleiter tragen die Kontaktdaten aller Sprecher, mit Sprachproben und Daten bei sich", sagt Graudus. "Oft muss man aber auch als erfahrener Sprecher noch zum Stimmcasting." Ist dann ein Sprecher gefunden, kann's schon mal international zugehen. "Vor Kurzem habe ich eine Werbung gesprochen, da saß mein Regisseur in Los Angeles, der Kunde in London, die Werbeagentur in München und ich in Hamburg am Mikro. Dann heißt es 'mach's mal etwas gelber'. Ja, so muss ich mich annähern."

Konstantin Graudus ist als junger Schauspieler am Schauspielhaus zum Synchronisieren für Serien und Fernsehspiele aufgefordert worden. Einfach war es nicht. "Ich hab mir jahrelang die Ohren abgebrochen", sagt er "und jahrzehntelang geübt. Das Rotlicht ist wie eine Alarmglocke und man muss so wahnsinnig gehorchen, das hat mich oft fertiggemacht. Angst hat immer mitgespielt". Viel später hab ich erst gewusst, dass der beste Rat heißt: "Immer ruhig bleiben."

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