31.12.12

TV

Der Traum vom anderen Leben

Der Kölner "Tatort" widmet sich in "Scheinwelten" erneut dem oberen und unteren Ende der Gesellschaft. Er wird am 1. Januar ausgestrahlt.

Von Karolin Jacquemain
Foto: dapd
"Tatort: Scheinwelten"
Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) stattet dem Oberstaatsanwalt (Christian Tasche, l.) und seiner Frau (Jeanette Hain) einen Besuch ab

In Köln wird ja bekannterweise so manches hinter verschlossenen Türen ausgeklüngelt. Kleiner Dienstweg heißt das in Beamtendeutsch. Auch die Kölner Kommissare Freddy Schenk und Max Ballauf stecken nicht selten in der Zwickmühle herauszufinden, wie viel Klüngel noch nicht kriminell ist, wo Befangenheit anfängt und in welchen Situationen man besser einfach den Mund hält.

In "Scheinwelten" trifft es Oberstaatsanwalt Wolfgang von Prinz, normalerweise damit beschäftigt, zu als Kongresse getarnten Amüsierrunden zu fliegen und mit Generalstaatsanwälten an der Hotelbar einen zu heben. Alles für den Job, versteht sich. Im neuen Fall reicht die Mordermittlung in sein eigenes Haus hinein, wenn man die in weiß gehaltene Villa, in der die Kaffeemaschine so viel kostet wie ein Kleinwagen, einmal so nennen mag. Beate von Prinz, die junge Ehefrau des Staatsanwalts, ist mit Jakob Broich, dem Vater des Ermordeten, eng verbandelt. Auf dem Papier berät sie ihn in juristischen Fragen, in Wahrheit krault sie sein schütteres Haar, zündet ihm die Zigarette an und macht sich bei Gelegenheit kleine Geldgeschenke für ihre Arbeit. Die findet von Prinz später auf der eigenen Steuererklärung wieder.

Jeanette Hain als reiche Gattin ist der Hingucker dieses Films. Wunderschön und eiskalt. "Wie kommt der Prinz denn an so eine alte Zicke?", fragt Ballauf (Klaus J. Behrendt) nach der ersten Begegnung, bei der Beate ihn kühl mustert und sagt: "Mir gefällt ihr Ton nicht." Sie lebt in einer Welt, in der man Sonderbehandlungen und Gratisstreicheleinheiten auf dem Tablett serviert bekommt. Eine wie sie hat man besser nicht zur Feindin. Hain stöckelt auch dann noch mit hoch erhobenem Kopf durch diesen "Tatort", als ihre Niederlage längst feststeht. Sie trägt kurze Kleider mit Blumenprints, denen man schon von Weitem ansieht, dass sie nicht im Schlussverkauf erworben sind. Und sie strampelt sich auf dem Hometrainer neben den bösen Kalorien auch den angesammelten Frust über die eingefahrene Ehe und den überarbeiteten Ehemann von der Seele.

Aber noch eine zweite Geschichte erzählen Regisseur Andreas Herzog und Autor Johannes Rotter. Patriarch Jakob von Broich (Hans Peter Hallwachs) beschäftigt in seiner Firma vor allem Migranten, junge Frauen aus Ghana und Polen, die sich illegal in Deutschland aufhalten. "Ich bin unsichtbar, mich gibt es hier nicht", sagt eine Frau, als die Kommissare zum Verhör anrücken.

"Scheinwelten" ist ein Film über große und kleine Träume. Und über die Opfer, die Menschen zu bringen bereit sind, um sich ihre Träume zu erfüllen. Bei der Putzkraft, die in ihrem Heimatland eine Familie zu versorgen hat, ist es ein Leben ohne Angst. Eine Aufenthaltsgenehmigung, zu der auf aussichtsreichstem Weg eine Scheinehe führt. "Als Illegale in Deutschland hast du drei Möglichkeiten: Puff, putzen, einen deutschen Mann heiraten", sagt eine andere junge Frau, die den Ermordeten gut kannte. Auch der hatte Träume. Andere, als sein Vater sie für ihn gebastelt hatte, Nachfolge auf den Chefsessel inklusive. Aber der Sohn scherte sich nicht um das finanzielle Daunenkissen, schlug sich lieber die Nächte mit seinen Pokerkumpels um die Ohren. Und Britta von Prinz, die menschliche Rasierklinge im Blümchengewand, spart auf eine Villa am Lago Maggiore. Aber meint damit am Ende auch nur ein anderes Leben.

Wieder einmal erzählt der Kölner "Tatort" unter dem Krimigewand von der Schere zwischen ganz oben und ganz unten. Von Menschen, die den Takt vorgeben und solchen, die durchs Raster gefallen sind. Das ist auch in diesem Fall unbedingt sehenswert.

"Tatort: Scheinwelten", Dienstag, 1. Januar, 20.15 Uhr, ARD

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