28.12.12

Konzert

Die Liga: Eine feine musikalische Räuberei

Die Hamburger Soul- und Rock-'n'-Roll-Band Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen trat im Hafenklang stilvoll die Nachfolge von Superpunk an.

Von Birgit Reuther
Foto: Roland Magunia
Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen
Besingt Jeans und Fußball: Carsten Friedrichs, Sänger und Gitarrist von Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, mit Philip Morton Andernach im Hafenklang

Hamburg. Jedem Anfang wohnt, frei nach Hesse, ein Räuber inne. Zumindest in der Musik. Denn wer dieser Tage eine Band gründet, der ist sich - nach Jahrzehnten der Popmusik - durchaus bewusst, dass sich das Rad des Rock 'n' Roll schwerlich neu erfinden lässt. Dann doch lieber charmant Geklautes mit eigenen Sounds und Schrullen verbinden. So wie die fünf Herren, die jetzt an zwei Abenden im Goldenen Salon des Hafenklangs ihr Debütalbum vorstellten. Obwohl es sich keineswegs um unerfahrene Musiker handelte. Die Hamburger, die da unten an der Elbe auf der Bühne standen, hatten diverse Jahre Zeit, Platten zu hören, Filme zu schauen und sich die schönsten Inspirationsscheiben abzuschneiden.

Bereits der Name des Quintetts zeigt, wie das popkulturelle Zitat angenehm amüsant gelingen kann: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen. Wer das Präfix "außer" einfügt, erhält einen Film mit Sean Connery aus dem Jahr 2003, der auf einer Comicreihe von Alan Moore beruht, der sich wiederum zahlreicher literarischer Figuren von Quatermain bis Kapitän Nemo bedient.

Das kunstvolle Plagiieren und Anverwandeln kann also flugs zur postmodernen Verzettelung geraten. Dieses mehrbödige Spiel ist live zum Glück jedoch keine bierernste Angelegenheit. Was auch nicht zu erwarten war. Immerhin zeichnete sich Superpunk, die Vorgängerband von Liga-Frontmann Carsten Friedrichs und Gentlemen-Bassist Tim Jürgens, durch trockenhumorige Verse und rumpeligen Garagensoul aus. Und auch die neue feine Supergroup, die Sänger und Gitarrist Friedrichs mit der Liga nun um sich schart, liefert ihn formidabel ab, diesen mitreißend dreckigen Klang (was nicht bedeutet, dass die Instrumente nicht beflissen gestimmt wurden).

Die Auftaktnummer (und Titelsong des bei Tapete Records erschienenen Albums) brachte die auffälligste Ergänzung der Superpunk-Nachfolge zu Gehör: In "Jeder auf Erden ist wunderschön (sogar du)" setzt Saxofonist Philip Morton Andernach satte Akzente, die dem Tanzstück im Northern-Soul-Stil erdigen Schmelz verliehen. Zwischendrin animierte die Band zum knackigen Handclap. Und Friedrichs betätigte sich in den Pausen als Storyteller. Der "glückliche Sportsfreund", von dem im Song die Rede war, hatte 100 Euro beim Wetten gewonnen und dann "vom Nektar des Ausgehens genascht". Was inhaltlich zum nächsten Lied führte: "Ich lass mich gehen in letzter Zeit".

Nach wie vor singt Friedrichs gewohnt sonor von den sogenannten kleinen Leuten. Und von unbeachteten Helden. Von denen, die sich fühlen wie "Ein Fremder in der eigenen Stadt", wie ein Titel besagt. Seine Geschichten sind liebevolle Beobachtungen jener, die stilvoll dem Leben trotzen. Da wird Peter Parkers verdeckte Existenz in "Spiderman" ebenso verhandelt wie der große Regisseur der Bummelanten, Werner Enke. Und natürlich das Thema Fußball, dem mit "Die Gentlemen Spieler" ein historisches wie politisches Denkmal gesetzt wird.

Das alles ist durchdrungen von der Liebe zur Musik, der mit gepflegtem Dilettantismus gehuldigt wurde. Etwa in der Nummer "Der fünfte Four Top". Das Band der Höfner-Gitarre flutschte da zum lautstarken Ärger des Trägers von der Halterung. Der mehrstimmige Gesang geriet auch nicht lupenrein. Und das ist genauso gut und soll nicht anders sein. Das Flaschenbier schmeckt einfach besser, wenn's draußen staubig statt antiseptisch ist. Und gute Vorbilder in Sachen Dreck hat die Liga reichlich. Im Song "Frühling im Park" wird sich unverhohlen bei Velvet Undergrounds "There She Goes Again" bedient. Und die Hosenhymne "Meine Jeans" ist eine flotte Rock-'n'-Roll-Sache, die sich vor Chuck Berry verneigt.

Diese Gentlemen, sie sind höfliche, aber auch hartgesottene Gesellen. Tapete-Chef Gunther Buskies beschwerte sich kurz, dass er mit seinem Keyboard direkt vor der Lüftung stand, spielte dann aber geschmeidig weiter. Und Zwanie Jonson alias Christoph Kähler scheint im norddeutschen Raum ohnehin alles beherzt wegzutrommeln, was nun mal einen guten Takt benötigt.

Die Stimmung im Publikum war nicht ganz so ekstatisch wie zu Superpunk-Zeiten. Da geht noch was. Zur Sicherheit gab's als Zugabe auch zwei Gassenhauer der alten Kapelle. Einer der Titel heißt: "Man kann einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen". Ehrlichkeit währt bekanntlich am längsten. Aber wenn die Raubzüge so gut klingen, dann: Plündern Sie bitte!

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