07.11.12

Laeiszhalle Mit dem Piano auf Astrid Lindgrens Spuren

Jacob Karlzon, Jazz Werk

Foto: Jacob Karlzon

Jacob Karlzon, Jazz Werk Foto: Jacob Karlzon

Jacob Karlzon kommt aus der gleichen Ecke Schwedens wie die Kinderbuchautorin: und wie sie ist er ein Geschichtenerzähler.

Hamburg. Jacob Karlzon ist ein Geschichtenerzähler. Vielleicht liegt das an Småland. Denn der Pianist kommt genauso aus der schwedischen Provinz im Süden des Landes wie die berühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Zwischen den ausufernden Kompositionen erklärt Karlzon ausführlich, was er sich bei den einzelnen Stücken gedacht hat. Manchmal kommt er dabei vom Hundertsten ins Tausendste wie bei der Anmoderation für "Newbie". Von der TV-Serie "Scrubbs" über Agent Coopers Liebe zu Blaubeerkuchen in "Twin Peaks", einer Eloge auf den Steinway-Flügel, den er in der kleinen Laeiszhalle spielen darf, bis hin zu einer Danksagung an seinen Konzertagenten Karsten Jahnke, reicht seine Rede.

Doch Karlzon ist vor allem auf dem Klavier ein Storyteller - wenn auch in abstrakter Form. "Nilha", ein Stück, das auf seiner aktuellen CD "More" nur viereinhalb Minuten dauert, entwickelt sich zu einem 20-minütigen Epos. Mit seinem virtuosen Spiel schafft Karlzon es, verschiedene Gemütszustände auszudrücken: von Euphorie und weltumarmender Lebensfreude bis hin zu der tiefen Trauer, die der Verlust eines Menschen auslöst. So zart und verspielt "Nilha" in vielen Momenten klingt, so brachial geht der 42-Jährige bei "Dirty" vor. Die Nummer ist eine Hommage an die US-Band KoRn. Karlzon outet sich gegenüber seinem Auditorium als Metal-Fan, das Publikum applaudiert begeistert angesichts des wuchtigen Anschlags von Karlzon, Zuhörer mit Wacken-T-Shirts sind jedoch nicht auszumachen.

Unterstützt wird der Pianist mit den kurz geschorenen Haaren von einer Rhythmusgruppe, die jederzeit sein Tempo mitgehen kann und ihrerseits Akzente setzt. Mit dem Bassisten Hans Andersson musiziert Karlzon bereits seit Mitte der 90er-Jahre zusammen, beide verstehen sich blind. Den Schlagzeuger Robert Ikiz hat er erst kürzlich angesprochen und ihm den Schlagzeugschemel in seinem Trio angeboten. Ikiz, in Istanbul geboren und in Schweden aufgewachsen, verblüfft besonders bei den Soli mit furiosen Schlägen und atemberaubender Geschwindigkeit, aber er fühlt sich auch in die leisen Passagen ein und nimmt sich gänzlich zurück, um die lyrische Stimmung nicht zu zerstören. Bei "Between Us" führen Pianist und Drummer einen spannenden Dialog, den Andersson, auf seinen Bass gelehnt, entspannt verfolgt.

135 Minuten lang gönnen sich die Musiker, von Karlzons Ansagen unterbrochen, keine Verschnaufpause. Das Trio musiziert auf höchstem Niveau. Jacob Karlzon schickt sich mit seiner Leidenschaft und seinem technischen Können an, in die Fußstapfen seines Landsmanns Esbjörn Svensson zu treten, der 2008 ertrunken ist. Und sie auszufüllen. Am Ende freut die Band sich über den begeisterten Applaus und mehr noch über die lange Schlange am CD-Tisch. Karlzon signiert fleißig und kann noch eine weitere halbe Stunde das machen, was er am liebsten tut: Geschichten erzählen.