Wo Google Street View zur bildenden Kunst wird

Der Netz-Navigator führt heute von Straßenkarten aus zurück ins echte Leben

World Wide Web. Google Street View ist praktisch, keine Frage. Mit dem Fotoatlas des Netzkonzerns fällt es leicht, sich auch in fremden Städten zurechtzufinden. Zudem findet sich dort neben Sehenswürdigkeiten und Autos auch Kurioses: Im norwegischen Bergen etwa verfolgten Froschmänner den Kamerawagen von Google. Wer auf der Suchmaschine die Adresse "Rugdeveien 39, Bergen, Norwegen" eingibt, kann sie in Umrissen noch erkennen. Denn mittlerweile wurden sie verpixelt.

Es gibt aber jede Menge Menschen, die zufällig vor Googles Linse geraten sind. Sie hat niemand gefragt, ob sie Teil der weltumspannenden Fotosammlung werden wollen.

Die zunehmend verschwimmende Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ist die Antriebsfeder für das Projekt "Street Ghosts" des Künstlers Paolo Cirio. Er hält Google für einen "gigantischen sozialen Parasiten", der von der Öffentlichkeit lebt und ihr das verkauft, was sie selbst geschaffen hat. Cirio dreht den Spieß um: Er hat Menschen, die bei Street View zu sehen sind, als lebensgroße Poster ausgedruckt und dorthin zurückgebracht, wo er sie gefunden hat. In New York, London und Berlin wurden die Straßengeister bereits auf Hauswänden drapiert. Weitere Städte sollen folgen.

Wenn man nicht gerade sich selbst an der Straßenecke kleben sieht, bleibt einem der tiefere Sinn des Projekts vermutlich verschlossen. Weiß man aber um die Merkwürdigkeit der aus der Zeit und dem digitalen Raum gefallenen Gestalten, kann einem schon etwas mulmig werden.

Geister aus der Maschine: www.streetghosts.net

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