Berliner Krautrock

Ash Ra Tempel - Die psychedelischen Romantiker

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"Was wir dir schenken, hörst du nicht zum ersten Mal": Alben der legendären Krautrock-Band Ash Ra Tempel sind neu aufgelegt worden.

"Wenn du das Universum verstehen willst, musst du in seinen Schwingungen tanzen, dein inneres Weltall mit ihnen erfüllen", heißt es im Booklet des zweiten Ash-Ra-Tempel-Albums. Und weiter: "Das Universum verstehen: seine Musik erfühlen, die in allen Gehirnen schwingt. Was wir dir schenken, hörst du nicht zum ersten Mal. Du erkennst es wieder." Fast 40 Jahre sind diese Sätze jetzt alt, doch die Musik der Psychedelic-Krautrocker um Gitarrist Manuel Göttsching hat keinerlei Patina angesetzt.

Im Gegenteil: Wer die jetzt wieder veröffentlichten, von Göttsching selbst remasterten Alben hört, stellt erst einmal fest, wie frisch und von revolutionärer Kraft beseelt die darauf verewigten Sounds immer noch sind. Wie einzigartig und außerweltlich. Dabei begann Ash Ra Tempel in den sehr frühen 70ern als eine Art Berliner Antwort auf den Bluesrock von Cream und Fleetwood Mac. Doch ebenso wie Tangerine Dream, die ihre Rock- und Freejazz-Anfänge bald gegen sphärische Soundcollagen eintauschten, betrat auch Göttsching Neuland. Bereits mit dem 1971 veröffentlichten Debütalbum, auf dem er gemeinsam mit Hartmut Enke (Bass) und Klaus Schulze (Schlagzeug) durch zwei ausufernde Klangfelder wandert. Dabei ist das knapp 20-minütige "Amboss" noch deutlich im Rock verankert, sägt, fetzt und rumpelt mit immer neuen Eruptionen, während "Traummaschine", der Titel deutet es an, wie eine Klang gewordene Meditation wirkt, die mit zunehmender Dauer sich immer weiter in alle Richtungen ausdehnt, hypnotische Wirkung entfaltet, um schließlich zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Besonders erstaunlich neben Göttschings an die Improvisationskunst eines Jimi Hendrix erinnernde Gitarrenarbeit: das energetische Schlagzeugspiel von Klaus Schulze, der bekanntlich später den Synthesizer für sich entdeckte und seit Jahrzehnten nur mäßig aufregende Endlosimprovisationen abliefert. Das Art-Debüt beweist: Der Mann konnte auch anders.

Auf "Schwingungen" (1972) war Schulze dann nicht mehr dabei, doch Ash Ra Tempel trieb die Entrockung der Rockmusik weiter voran. Rolf-Ulrich Kaiser, auch ein Visionär, hatte das Album für sein "Ohr"-Label produziert und durchmaß gemeinsam mit Göttsching Klangdimensionen, wie sie in dieser Tiefe bis dahin einzig bei den frühen Pink Floyd ("A Saucerful Of Secrets", "Ummagumma") zu hören gewesen waren. Elliptische Songstrukturen statt Viervierteltakt, freie Assoziation statt durchkomponierte Wiederholbarkeit und sanfte Melodien wie aus einer fernen Galaxie: Für den Titeltrack hätten andere Musiker ihre Seele dem Teufel verkauft. Doch Göttsching, dieser psychedelische Romantiker, hatte sich ganz dem weißen Licht, der leuchtenden Liebe verschrieben. Und so durchzieht seine Musik eine Wärme, die auch noch beinahe vier Jahrzehnte später wohlig strahlt. Wäre danach nichts mehr gekommen, Ash Ra Tempel hätte den Platz in der Musikgeschichte dennoch sicher gehabt. Aber: Es kam noch so viel mehr. "Seven Up" (1972) zum Beispiel, die Zusammenarbeit mit LSD-Guru Timothy Leary, eine Rückkehr zum Blues-Schema einerseits, ein ausgeflippter Spacerock-Trip aber auch, der manchmal klingt, als stünde Mark E. Smith (The Fall) am Mikro.

Wie unglaublich produktiv diese Phase war, zeigt auch "Join Inn", ebenfalls 1972 aufgenommen und so nahrhaft wie eine Pilzpfanne - wobei anzunehmen ist, dass tatsächlich Halluzinogene im Spiel waren, als das ekstatische "Freak 'n' Roll" entstand, ein Free Rock Jam, der knapp 20 Minuten andauert, aber das Potenzial hat, noch stundenlang weiterzutreiben. Und das sich anschließende "Jenseits" mit der Stimme von Göttschings damaliger Freundin Rosi Müller ist purer Götterklang, Honig für das Herz, entrückt und ein Paradebeispiel für das perfekte Miteinander von Gitarre und Synthie. "Musik muss Atmosphäre schaffen" hat Göttsching dem britischen Fachmagazin "The Wire" gesagt. "Es ist nicht nötig, sie intellektuell zu verstehen, aber sie muss etwas im Hörer auslösen." Dies sei auch stets das Hauptziel bei Ash Ra Tempel gewesen. Wenn darüber hinaus der Intellekt angeregt werde: umso besser. Dies gelingt selbst bei "Starring Rosi" (1974), einem Album, das im Art-Katalog wegen seiner vergleichsweise konventionellen Songstrukturen ein Schattendasein führt, aber durch Gitarrenläufe punktet (etwa auf "Laughter Loving"), deren traumwandlerische Leichtigkeit einer Allman Brothers Band zur Ehre gereichen würden.

Dass Ash Ra Tempel später von Ambient- und Techno-DJs entdeckt wurde, dass ein japanischer Geschäftsmann in seinem privaten Wachsfigurenkabinett einen Göttsching stehen hat und die NDR Bigband eine Konzertversion von Göttschings 1981er-Meisterstück "E2-E4" zur Aufführung bringen wird, kann unter "karmische Gerechtigkeit" verbucht werden. Und die Party geht noch weiter: Zwei Film-Dokumentationen, darunter eine von Göttsching-Gattin Ilona Ziok über das Aufeinandertreffen von Ash Ra Tempel und Timothy Leary, sind in Planung, und für 2012 stehen Konzerte in Berlin sowie ein Jubiläums-Festival in London an.

"Was wir dir schenken, hörst du nicht zum ersten Mal", hat Göttsching vor knapp 40 Jahren geschrieben. Dank dieser Neuauflagen aber auch sicher nicht zum letzten Mal.

Ash Ra Tempel: Ash Ra Tempel; Schwingungen; Seven Up; Join Inn; Starring Rosi (alle MG.ART/Intergroove); www.ashra.com

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