Literat, Liedermacher, Anarchist

Georg Kreisler - ein Meister des Dazwischen

Er war Literat und Liedermacher, Jude und Anarchist. "Ich habe keine Angst vor dem Tod", sagte Georg Kreisler im Juli. Gestern ist er gestorben

Hamburg. Georg Kreisler war so vieles: Er war Liedermacher (obwohl er das Wort nicht mochte), Kabarettist, Komponist, Schriftsteller (das mochte er schon eher). Er war ein Anarchist, ein Gegen-den-Strich-Schreiber, ein hellsichtiger Schwarzmaler, ein Meister des Dazwischen. Kreisler war Österreicher. Amerikaner. Und ein Heimatloser. "Nehmt ihn nicht ernst! Er ist doch gut, / und er bemüht sich redlich. / Er ist ein Wiener und ein Jud, / zusammen ist das tödlich", schrieb er in seinen "Unbeabsichtigten Gedichten". Gestern ist Kreisler nach einer schweren Infektion mit 89 Jahren in Salzburg gestorben.

Das Leben des Georg Kreisler beginnt am 18. Juli 1922 in Wien als Sohn eines Rechtsanwalts. "Sehr strenge Erziehung. Einziges Kind. War sehr früh entschlossen, Musiker zu werden", notiert er später. Er lernt Klavier, Violine und Musiktheorie, nebenbei geht er noch auf das Realgymnasium und singt im Chor. "Als ich knapp 16 Jahre alt war, machte Hitler meinem sechzehnstündigen Arbeitstag ein Ende." Die jüdische Familie emigriert in die USA.

Der junge Neuankömmling gibt Klavierstunden, er lernt Dirigieren und Orchestrieren. Selbst als er 1942 mit den amerikanischen Truppen in den Krieg zieht, bleibt der Künstler in ihm wach. Er schreibt ein Soldaten-Musical und führt es vor Kameraden auf.

Nach dem Krieg zieht es Kreisler nach Hollywood. Er trifft auf Charlie Chaplin. Der pfeift ihm die Musik für den Film "Monsieur Verdoux - Der Frauenmörder von Paris" vor, Kreisler schreibt die Noten dazu und spielt das Stück ein. Wenn Chaplin im Film Klavier spielt, hört man Kreisler.

Dann: New York. Kreisler entdeckt den schwarzen Humor für sich, seinen neuen Stil. Nur wenige wollen das damals hören. Nicht nur, aber auch, weil er Jude ist. Nachtlokale lehnen ab, ihn auftreten zu lassen - aus diesem Grund. Seine erste Schallplatte, die er mit 25 Jahren aufnimmt, wird nicht veröffentlicht. Er wird zurückgewiesen, zensiert und umgeschrieben - etwas, das sich durch sein Leben ziehen wird. "Ich konnte mir gerade leisten, in einem Hotel zu wohnen, das drei Dollar am Tag kostete und dementsprechend aussah", schreibt er in seinen Erinnerungen.

1955 kehrt Georg Kreisler nach Wien zurück und arbeitet unter anderem mit dem Schauspieler Helmut Qualtinger zusammen. Er belebt die Tradition des jüdischen Witzes, eine neue Heimat findet er in der alten nicht. "Wie schön wäre Wien ohne Wiener", singt er. Und er meint es ernst. Georg Kreisler - der "Fortgeher", wie er über sich selbst sagte - zieht weiter, immer weiter. 1958 nach München. 1975 nach West-Berlin. Er ist rastlos. Verliebt sich, heiratet, geht fort, heiratet, geht fort.

In diesen Jahren entsteht der Großteil seines Werks. "Tauben vergiften im Park" zum Beispiel (ein Lied, von dem er später sagte, dass es "weder besonders gut noch sonst irgendwas" sei), die "Everblacks", "Lieder zum Fürchten", das wundervolle Lied "Wenn alle das täten", die "Nichtarischen Arien", das Musical "Heute Abend Lola Blau".

Kreisler ist in seinen Liedern immer humorvoll, doch hinter dem Witz (und manchmal vor ihm) lauert das Grauen, die Apokalypse. Der da auf der Bühne vor dem Klavier sitzt und seine meist politischen Lieder singt, wirkt zwar wie ein heiterer Misanthrop, aber viele Stücke sind nicht von Hoffnung geprägt - sondern oft sogar vom Gegenteil, von wütender Bitternis.

In den 80er-Jahren hört Kreisler auf, Lieder zu schreiben. "Ich habe festgestellt: Mir fällt nichts Gescheites mehr ein", sagte er kürzlich der "Zeit", "ich hab in meinen Liedern alles gesagt." Und so tritt er mit diesen Liedern immer wieder und immer weiter auf - im Radio wird er immer noch fast nie gespielt - bis er 2001 auf Abschiedstournee geht. "Ich setze mich nicht mehr ans Klavier und singe meine Lieder, aber nicht, weil ich das nicht könnte, sondern weil ich es falsch fände", schreibt er im Oktober vergangenen Jahres auf seiner Homepage, "worüber soll ein alter Mann singen? Über die Liebe? Lächerlich! Über seine Träume? Wen interessiert das? Wenn er seine Träume sein ganzes Leben lang nicht verwirklichen konnte, soll er es bleiben lassen! Über den Tod? Peinlich!"

Doch auch ohne Kreisler bleibt seine Musik auf den Bühnen lebendig - auch in Hamburg. Im Engelsaal wurde in diesem Jahr sein meistgespieltes Werk "Heute Abend Lola Blau" aufgeführt. Das Eine-Person-Musical "Adam Schaf hat Angst" hatte im Oktober 2006 mit Chansonnier Tim Fischer Uraufführung im Schmidt-Theater. Kreislers Oper "Aquarium oder Die Stimme der Vernunft" hatte 2009 am Staatstheater Rostock Premiere, Regie: Corny Littmann. Ein Erfolg für Kreisler: "Meine erste Oper hat mein Verlag an 97 Opernhäuser geschickt, nur sieben haben geantwortet. Die Einzigen, die mich gefördert haben: das Publikum."

Auch in seinen, wie wir heute wissen, letzten Lebensjahren war Georg Kreisler immer weiter unterwegs - mit seiner vierten Frau Barbara hat er aus seinen Büchern gelesen. "Ich habe keine Angst vor dem Tod", hat er im Juli gesagt, "als ich jünger war, hab ich mehr Angst gehabt." Profaner steht es auf seiner Homepage: "Neue Termine sind hinzugekommen, manches Vorgesehene hat sich in Schall und Rauch aufgelöst. So ist das im Leben."