Dokumentation "Die Höhle der vergessenen Träume"

Das große Abendblatt-Interview mit Werner Herzog

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Hamburg. Als erster Filmemacher überhaupt bekam Werner Herzog Zugang zu den faszinierenden 30.000 Jahre alten Felszeichnungen, die man 1994 an der Ardèche in Frankreich gefunden hat. Die Grotte von Chauvet ist sonst für die Öffentlichkeit gesperrt. Jetzt kommt die Dokumentation "Die Höhle der vergessenen Träume" ins Kino. Eigentlich ist Herzog ist selbst schon fast ein filmhistorisches Fossil, wenn auch ein sehr lebendiges und produktives. Zusammen mit Wim Wenders, Volker Schlöndorff und Rainer Werner Fassbinder hat der 69 Jahre alte Regisseur das Kino hier in den 70er-Jahren aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und mit Filmen wie "Fitzcarraldo" oder "Aguirre, der Zorn Gottes" auch international bekannt gemacht. Aber stets war seine Beziehung zu diesem Land mindestens so schwierig wie die zu Klaus Kinski, mit dem er fünf Filme drehte und den er in "Mein liebster Feind" porträtierte. Viele von Herzogs jüngsten Arbeiten sind hier gar nicht mehr gezeigt worden. Im vergangenen Jahr brachte er mit "Bad Lieutenant" hier aber wieder einen Spielfilm ins Kino. Seit Jahren lebt Herzog in den USA und gilt mittlerweile schon einer neuen Generation von Filmfans als kultverdächtig. Viele wissen und können es auf YouTube nachverfolgen, dass er einmal einen seiner Schuhe gegessen hat, weil er eine Wette verloren hatte. Oder dass er bei einem BBC-Interview angeschossen wurde. Vor wenigen Tagen gewann sein Anti-Todesstrafen-Film "Into the Abyss" den Preis als beste Dokumentation beim Filmfestival in London. Demnächst steht er als Gegenspieler von Tom Cruise vor der Kamera und hat einen Gastauftritt bei den "Simpsons".

Hamburger Abenblatt: Wie haben Sie von der Existenz der Chauvet-Höhle erfahren?

Ich wusste von ihr lange gar nichts. Auch nicht von den drei Entdeckern. Sie überziehen den französischen Staat seit 15 Jahren im Kampf um Eigentumsrechte mit Prozessen. Bisher haben sie jede Instanz verloren. Es ist tragisch, wie sie sich verrannt haben. Mein Produzent, mit dem ich "Grizzly Man" und "Encounters At The End Of The World" gedreht habe, hat mich auf einen Artikel im "New Yorker" über die Höhle aufmerksam gemacht. Schon als Heranwachsender habe ich mich für alles interessiert, was mit Paläontologie zu tun hat. Nicht durch Schule oder Elternhaus, das war ganz auf meinem eigenen Mist gewachsen. Deshalb musste ich den Film machen und wollte auch nicht, dass mir jemand anderes zuvorkommt. Ich habe ich mich sofort bei den entsprechenden Stellen gemeldet, zum Beispiel beim französischen Kulturminister.

Es ist erstaunlich, dass Sie den Zuschlag bekommen haben, denn die Franzosen protegieren doch sonst heftig ihre eigenen Kulturschaffenden.

Es gab auch Konkurrenz. Ich habe bei den Gesprächen aber immer wieder betont: "Das ist nicht euer kulturelles Erbe, sondern das der Menschheit." Deshalb habe ich mich auch geweigert an Kampagnen teilzunehmen, die Höhle von der Unesco als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. Die Unesco soll vielmehr auf Knien daherkommen und darum bitten, dass die Chauvet-Höhle aufgenommen werden darf. Das ist so eindeutig und überwältigend.

Sie haben dem französischen Kulturminister einen Ein-Euro-Deal vorgeschlagen, um den Auftrag zu bekommen. So günstig engagiert man sonst selten einen so prominenten Regisseur.

Damit war ein Güteraustausch gemeint. Ich liefere einen Film, dessen gesamte nichtkommerziellen Rechte die Franzosen auswerten dürfen, also in Klassenzimmern, auf Festivals und in Museen. Die kommerziellen Auswertung, also Kino, Fernsehen, DVDs, bleibt natürlich bei uns. Ich habe außerdem eine ganz normale Gage bekommen, bin also nicht nur mit einem Euro entlohnt worden.

Wie waren Ihre ersten Eindrücke in der Höhle?

Vollkommenes Staunen. Und das, obwohl ich vorbereitet war. Wenn ich dieses Staunen auf ein Publikum übertragen kann, habe ich den richtigen Film gemacht. In der Höhle wurde mir schlagartig klar, dass ich in 3D drehen musste. Die außerordentlichen Formationen sind ja von den Malern vor 30.000 Jahren ausgenutzt worden. Eine Felsausbuchtung haben sie beispielsweise zum Nacken eines Bisons gemacht.

In der englischsprachigen und der deutschen Fassung sprechen Sie selbst den Off-Kommentar. Warum macht das Volker Schlöndorff in der französischen Version?

Ich spreche kein Französisch, und er ist für die Franzosen außerdem eine glaubwürdige Figur. Er ist der einzige wirkliche Freund, den ich in der deutschen Filmszene habe, und hat mich einmal in großer Not freigepaukt. Das werde ich ihm nie vergessen.

Im März einen Gastauftritt bei den "Simpsons". Das ist doch eine große Ehre.

Große Ehre? Das ist meine Apotheose (Erhebung eines Menschen zum Gott, d. Red.) innerhalb der populären amerikanischen Kultur. Danach fürchte ich nichts mehr.

Haben Sie sich über die Anfrage gefreut?

Ich wusste gar nicht, wer die "Simpsons" sind. Ich dachte, das wären Comics aus Zeitungen wie die "Peanuts". "Simpsons"-Erfinder Matt Groening hat mich damals angerufen. Ich fragte ihn, wieso soll ich auch sprechen? Bewegen die Figuren sich denn? Er hat geglaubt, ich nehme ihn auf den Arm. Ich schwöre bei Gott, ich hatte es noch nie im Fernsehen gesehen. Aber dann war es doch eine richtig schöne Arbeit.

Jahrelang hat man von Ihnen in Deutschland wenig gehört. Tut sich jetzt etwas zwischen diesem Land und seinem "verlorenen Filmautor", wie es in einem aktuellen Buchtitel heißt?

Ich suche einen Zusammenhang mit dem deutschen Publikum und strecke meine Fühler in die Regionen aus, wo meine Filme in letzter Zeit nicht so intensiv gesehen wurden. Von meiner Seite her muss ich mich wohl mehr kümmern. Ob das Publikum dem auch folgt, kann ich nicht beurteilen.

Mit welchen Gefühlen kommen sie hierher zurück?

Mit einem Gefühl der Wärme. Ich bin gern hier, staune darüber, mitten im Herzen der Stadt und direkt neben dem Brandenburger Tor zu sein. Ich empfinde die Wiedervereinigung als ein überwältigendes Ereignis. Das hat mir aber schon lange als Geschichtsnotwendigkeit in den Knochen gesteckt. Als Willy Brandt vor dem Bundestag gesagt hat, das Buch der deutschen Wiedervereinigung sei geschlossen, dachte ich, das kann doch nicht wahr sein. Ich mochte Willy Brandt immer, dachte damals aber: Jetzt sind wahrscheinlich nur noch die Dichter da, die dieses Land und seine Kultur zusammenhalten können. Damals bin ich zu Fuß um fast ganz Deutschland gegangen, 1600 Kilometer immer an der Grenze entlang. Ich wollte damals dieses Land in einer inneren Rebellion wie mit einem Gürtel zusammenhalten. Das mag bizarr klingen, aber es war ein klarer Gedanke dabei.

Haben Sie als Künstler eine Verantwortung gegenüber dem Land gespürt?

In gewisser Weise ja. Ich habe diese Wanderung damals aber nicht publik gemacht. Das wussten nur ein paar Freunde. Das war ja auch gar nicht nötig, denn ich wollte ja mit meinem Land ins Reine kommen.

Sind Sie es jetzt?

Das kann man nie so ganz. Aber das macht auch gar nichts.

Chris Wahl (Hg.). Lektionen in Herzog. Neues über Deutschlands verlorenen Filmautor Werner Herzog und sein Werk. edition text + kritik, 392 Seiten, 29 Euro

Jean-Marie Chauvet, Éliette Brunel Deschamps, Christian Hillaire. Grotte Chauvet bei Vallon-Pont-d'Arc. Altsteinzeitliche Höhlenkunst im Tal der Ardèche. Jan Thorbecke Verlag, 120 Seiten, 34 Euro

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