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Kultur & Live

Umjubelter Hamburg-Auftritt vor 43.000 Fans

Depeche Mode: Lautstarke Feier der Stille

Die Elektroband variiert konsequent stets das Gleiche. Und spendet ihren Anhängern Trost in ungewisser Zeit.

Dave Gahan, Sänger der Band Depeche Mode, beim Konzert in HSH Nordbank Arena in Hamburg.
Foto: DPA

Hamburg. Es erscheint fast wie ein Wunder, dass ausgerechnet der schnelllebige Pop mancherorts für Verlässlichkeit sorgt. Aus dem Halbdunkel der Bühne schält sich eine Art Zeitreisender im silbernen Raumanzug mit Gitarre und blonder Blume auf dem Kopf. Eine Aufmachung, wie man sie erwartet vom spleenigen Depeche-Mode-Dichter Martin Gore.

Auftritt Sänger Dave Gahan im schimmernden Anzug. Ein kurzes Zerren am Mikrofonständer, ein kurzes Abschreiten der Bühnenmaße - und schon singt er sich und die 43.000 in der HSH-Nordbank-Arena mit dem zerquälten "In Chains", einem Lichtblick vom durchwachsenen aktuellen Album "Sounds Of The Universe", in Ekstase. Angekettet an die Dämonen - die sind zwar nicht besiegt, aber in Schach gehalten.

Mit einer fast minimalistischen Schau schwingt sich die britische Band nun zu dem einst selbst bekämpften Übel auf: dem Stadionrock. Und sie besteht auch in dieser Königsdisziplin. Depeche Mode könnte längst wie ihre eigene peinliche Coverband klingen. Sie könnte sich aus einer Raumkapsel von der Decke abseilen und das welkende Fleisch mit leicht bekleideten Tänzerinnen aufzuwerten versuchen. Doch diese drei sind ganz pur Rock 'n' Roll genug. Es ist ein seltsames Geheimnis um diese Band und ihren enigmatischen Sänger, der die schlimmsten Drogenexzesse und Höllen der Lebensmüdigkeit geläutert hinter sich ließ.

Bislang kriegt sie keiner klein. Weder der oft zitierte interne Bandzwist noch Abstürze, die Krise der Musikindustrie oder Krankheit. Dave Gahan und seine Kollegen Martin Gore und Andrew Fletcher halten sich seit über drei Dekaden ohne echte Karrieredelle an der Spitze. Davon zeugt auch diese fulminante Hamburger Liveshow. Kein Wort wird über die überstandene Krebserkrankung des Sängers verloren, deretwegen das Ereignis mit einem Monat Verspätung über die Bühne geht.

Gahan entblößt die Brust, tänzelt wie eine Raubkatze um seinen liebsten Tanzpartner, den Mikrofonständer, brüllt das unverzichtbare "Oh yeah" und nimmt Huldigungen auf dem Steg entgegen. Sein Repertoire an Posen mag begrenzt sein, ihre Wirkung verfehlen sie nie. Der hymnische Bariton des Schmerzensmannes strahlt bis nach Alt-Osdorf.

Die Live-Arrangements mit dem pumpenden Drummer Christian Eigner und allerlei luftigem Synthiegeklimper von Fletch und Zusatzkeyboarder Peter Gordeno zünden vor allem bei den Meisterwerken "Strangelove", "In Your Room", "Stripped" oder dem auch schon fast 20 Jahre alten Gitarrenblues "Personal Jesus". "Words Can Only Do Harm", singt Gahan in "Enjoy The Silence". Und beim euphorischen "Never Let Me Down" tanzen 43 000 Armpaare im Rhythmus bei dieser lauten Feier der Stille. Falsche Lebenswege, irre Liebesbeziehungen, Glaube, Ängste, das Dunkel des Seins, aus diesen Hölzern sind die zu Klassikern geronnenen Lieder geschnitzt, die in ihrer Unverwüstlichkeit auf eigentümliche Weise Trost spenden.

Seit jeher verhandeln die drei Briten, die einmal als Synthiepopper mit vier billigen Akkorden angefangen haben, die eher unbehaglichen Themen. Die Welt ist ein dunkler Wald, erhellt von den vieldeutig zeichenhaften Videoprojektionen von Bilder-Magier Anton Corbijn. Mitunter, wenn die Songs in banaleres Fahrwasser geraten, wie bei "Peace", werden sie von Bildern von Rabenvögeln, Demonstranten oder Tieffliegern aufgewertet. Aber nur, um sich wenig später gleich wieder zu hybriden Klangmonstern aufzuwerfen.

Martin Gore steuert diesmal mit "Little Soul" einen besonders verschwurbelten Text bei. Bei "Home" reckt er anrührend den Finger in die Höhe, als suche er wie Filmmonster E.T. Kontakt zu anderen Planeten. Das Gitarrenspiel beherrscht Gore noch immer nicht richtig - macht nichts, wenn man zu den besten Songschreibern der Welt zählt. Und der unsichtbare Dritte, Andrew Fletcher, versteckt sich wie immer klaglos hinter einem Gebirge aus Keyboards. Schöner lässt sich nach bald 30 Jahren, die Depeche nun schon in Mode ist, das Unbehagen an der Welt nicht wegtanzen.

 

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