Stardirigent im Abendblatt-Interview

Jeffrey Tate: "Ich habe gezweifelt, ob ich noch lebe"

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Im Februar war Jeffrey Tate, Chefdirigent der Symphoniker, dem Tode nah. Heute leitet er sein erstes Konzert - und spricht exklusiv im Abendblatt.

Hamburg. Sechs Monate musste sich Jeffrey Tate, 68, Chefdirigent der Hamburger Symphoniker seit der Saison 2009/10, wegen einer schweren Erkrankung völlig vom Konzertleben zurückziehen. Heute kehrt er als Dirigent des letzten Rathaus-Konzerts mit Musik von Britten, Mozart und Händel in die Öffentlichkeit zurück. Im Abendblatt spricht Tate, vital und tatendurstig, erstmals über das Ausmaß seiner Erkrankung, sein neues Verhältnis zu Deutschland und Hamburg und über das absehbare Ende seiner Laufbahn.

Hamburger Abendblatt: Haben Sie Händels jubelnde "Feuerwerksmusik" mit Bedacht für Ihre Rückkehr ans Pult der Hamburger Symphoniker ausgesucht?

Jeffrey Tate: Gepasst hätte das, aber im Vordergrund stand, ein für mich leichtes Programm zu dirigieren, vor dem Ende der Saison noch mal reinzuschlüpfen ins Alltägliche. Heute war meine erste Probe seit sechs Monaten. Händels Musik ist schön und lustig, und open air wie jetzt beim Rathauskonzert kann man nur einen joyful noise machen. Der Britten ist etwas raffinierter, aber auch fantastisch leicht. Und mit dem Konzert kann ich das Orchester davon überzeugen, dass ich noch lebe. Manche haben vielleicht schon daran gezweifelt. Ich auch.

Kann man sagen, Sie sind dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen?

Tate: Ja. Im Februar, als ich im UKE auf der Intensivstation lag, gab es Tage, an denen ich ernsthaft gezweifelt habe, ob ich je wieder rauskommen würde. Warum diese Geschichte zu so einem Totalkollaps bei mir geführt hat, ist wohl auch den Ärzten ein Rätsel. Ich hatte eine Endoskopie machen lassen, eigentlich ein kleiner Eingriff, der auch gut ging. Aber danach habe ich mich furchtbar gefühlt, Grippesymptome, die immer schlimmer wurden. Dann hat man mich überzeugt, ins Krankenhaus zu gehen. Und da ging es ganz schnell bergab mit mir. Ich hatte eine sehr tückische Lungenentzündung, wer weiß, woher, dann kollabierte alles. Mein Gleichgewicht war weg, die Nieren waren weg. Nur noch meine Leber funktionierte normal. Sie haben mich dann in ein künstliches Koma versetzt, ich wurde intubiert. Drei Wochen ohne sprechen. Das war sehr unangenehm.

Als ausgebildeter Arzt hassen Sie Krankenhäuser wohl sowieso ...

Tate: Ich habe mich gewehrt, so gut ich konnte. Aber intubiert kann man sich nicht wehren, man kann nicht sprechen, nur schreiben, und das auch noch auf Deutsch und schnell, damit mich jemand versteht.

Wie Beethoven, mit Konversationsheft?

Tate: Ja, schrecklich. Nicht mal mein Partner hat mich verstanden. Ich musste sogar lernen, wieder zu atmen, weil ich so lange künstlich beatmet worden war. Die ersten Momente ohne diese Maschine waren eine Tortur.

Existenziell.

Tate: Ja. Und immer im selben Zimmer. Den Februar, Anfang März 2010 will ich wirklich vergessen. Aber dann ist es besser geworden. Nach sechs Wochen wurde ich in die Lungenklinik Großhansdorf verlegt. Dass ich wieder sprechen konnte, hat mir auch mental enorm geholfen. Ich hätte nie gedacht, was für eine enorme Einschränkung das ist. Am 3. Mai wurde ich entlassen. Gott sei Dank war das Wetter vorher wunderschön, so dass ich rauskonnte. Wie ein 90-Jähriger, mit Gehwagen und allem Drum und Dran: Sauerstoff, Tropf, wirklich lustig. Im Zimmer habe ich Musik gehört, NDR Kultur, nachts. Mein Freund hatte mir ein Radio mitgebracht. Das war meine Rettung. Denn ich musste lernen, mit einer Sauerstoffmaske zu schlafen. Das tue ich immer noch. Am Anfang fiel mir das sehr schwer, denn ich bin ein bisschen klaustrophobisch.

Haben Sie im Kopf Partituren durchgearbeitet?

Tate: Nein, an Musik gedacht habe ich nicht. Dafür viel gelesen, das ist mir immer enorm wichtig. Viel Dickens. Ich liebe Dickens. Lesen ist eine große Beruhigung. Man geht in ein fremdes Universum und vergisst die eigenen Probleme. Vor Großhansdorf dachte ich, ich werde nie wieder vor einem Orchester sitzen.

Dann war das doch ein Feuerwerksmusikmoment für Sie, die erste Probe heute?

Tate: Ja. Aber gestern Abend wurde ich plötzlich nervös. Es war eben doch ein riesiger Bruch. Jetzt ist es okay.

Hat die Todesnähe Ihr Verhältnis zur Musik verändert?

Tate: Ich glaube, ich hatte immer ein Faible für Musik, die nah am Tod oder an innerer Morbidezza ist. Das ist meine wagnerianische, dunklere Seite. Deshalb liebe ich auch Mozart und Schubert. Ich war nie ein Con-brio-Dirigent. Aber jetzt bin ich ganz glücklich, mal fröhliche, zelebrierende Musik zu machen. Und wir haben gearbeitet, als ob es die letzten sechs Monate nicht gegeben hätte. Ich bin zurück im normalen Leben. Meine Energie hat nicht gelitten. Das Orchester kennt mich gut und war sehr glücklich, mich zu sehen. Sie geben sehr viel.

Ist es inzwischen da, wo Sie's vor Ihrem Amtsantritt 2009 haben wollten?

Tate: Nein, aber es ist sehr gut entwickelt. Das Orchester würde wahrscheinlich sagen, wir wollen noch weiter. Wir haben bewiesen, dass wir sehr schöne Konzerte von einer hohen technischen und musikalischen Qualität geben können. Aber uns fehlen ein paar Schlüsselstellen. Der arme Konzertmeister ist der Einzige des Orchesters! Wir haben jetzt einen jungen, sehr guten ersten Hornisten, aber wir brauchen für alle Stimmführer und Solisten eine zweite Stelle. Die Lage hat sich verschlechtert, die Sparmaßnahmen haben uns getroffen. Es war rosiger vor der Wahl.

Ihr Verhältnis zu Deutschland war kaum Liebe auf den ersten Blick. Sehen Sie nach Ihren jüngsten Erfahrungen unser Land mit freundlicheren Augen?

Tate: Mein Verhältnis zu Deutschland hat sich ohnehin sehr geändert. Dass mein Partner Deutscher ist, hat sicherlich geholfen. Ich werde jetzt offiziell in Deutschland leben. Dazu muss ich zum Ausländeramt in Detmold, damit sie wissen, dass ich dem deutschen Sozialsystem nicht zur Last zu fallen gedenke. Es ist eine logische Konsequenz. Mein Job ist hier.

Als Hamburger fragt man: Wieso Detmold? Warum nicht Hamburg?

Tate: Mein Partner kommt aus Detmold. Ich glaube, die Hamburger sind ökonomischen Argumenten gegenüber aufgeschlossen: Solange wir das Haus in Detmold nicht verkaufen, können wir uns kein anderes leisten, schon gar nicht bei den Hamburger Immobilienpreisen. Das ist der einzige Grund. Wenn eine wunderschöne, große Altbauwohnung an der Alster frei würde, würde ich nachdenken. Aber ich fürchte, die Preisvorstellung übersteigt meine Möglichkeiten. Doch während meiner schlimmen Zeit habe ich von Freunden des Orchesters und vielen anderen Hamburgern enorm viel Unterstützung erfahren. Das hat mich sehr gerührt und bewegt.

Das heißt, Ihr Herz für Hamburg ist auch noch weiter aufgegangen?

Tate: O ja! Und wie! Ob Sie's glauben oder nicht, wir kaufen das Abendblatt auch, wenn wir im Ausland sind.

Wirklich?

Tate: Na gut, ab und zu. Wenn ich in London bin ...

... dann vermissen Sie's nicht so.

Tate: Nein.

Wenn Sie nach Detmold ziehen, werden Sie sich bald nach England verzehren ...

Tate: Schauen Sie, in zwei Jahren ist mein 70. Geburtstag. Ich neige dazu, ihn trotz allem in England zu feiern, irgendwo schön auf dem Land.

Und Ihre Hamburger Fans ...

Tate: Dürfen alle kommen. Ich verteidige Deutschland oft, es wird von draußen ja gern attackiert, die Engländer haben da so eine Tendenz. Man könnte doch denken, dass es über 50 Jahre nach Kriegsende keine Rolle mehr spielt.

Einmal Fritz, immer Fritz?

Tate: Ja. Ein bisschen. Und das ist dumm. Denn Deutschland hat sich enorm verändert, mehr als England. Diese Murdoch-Geschichte ...

Genieren Sie sich deswegen?

Tate: Sehr. Es hat die ganze politische Elite diskreditiert. Das ist sehr unangenehm. In den USA ist es nicht viel besser. Hier, denkt man, sieht es weniger korrupt aus.

Denken Sie nach überstandener Krankenhauszeit jetzt mehr ans Aufhören?

Tate: Ja. Aber ich weiß nicht, wann. Viele Dirigenten sind bei der Arbeit gestorben, weil sie nicht aufhören konnten.

Wäre das nicht ein schöner Tod?

Tate: Es klingt sehr schön, zugegeben. Aber wie soll ich wissen, ob das ein schöner Tod ist? Dirigieren braucht Vorbereiten und Disziplin. Das ist eine Last, und bin ich nicht so sicher, ob ich die bis zu meinem Sterbetag tragen möchte.

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