Hamburg

Deluxe-Konzertreihe: Lausch Lounge auf St. Pauli

Foto: Patrick Piel

Alin Coen, Tom Hugo, Anna Depenbusch und Stefan Gwildis spielten tolle, kluge Songs, die nicht die Charts stürmen, aber so manches Herz.

Hamburg. "Ich will mehr davon im Radio hören", schreit Michy Reincke über den Beifall in den Fliegenden Bauten hinweg. So eben hat die junge Hamburgerin Alin Coen "Das letzte Lied" gespielt. Der Song heißt wirklich so und beschließt ihren Auftritt bei der Lausch Lounge im Gastro-Zelt auf St. Pauli. Zum zweiten Mal hat Reincke zusammen mit Hasko Witte und Yvonne Paulien zu einer Deluxe-Version der Konzertreihe geladen. Dass sie "drei Mal so viele Karten" hätten verkaufen können, beweist den drei Musik-Missionaren, dass Bedarf besteht für gute, kluge Songs, die nicht die Charts stürmen, aber so manches Herz. Die vier Popkünstler dieses Abends tun das alle auf ihre ganz besondere, berührende Weise.

"Und ich weiß nicht, wann das Eis endlich bricht / so wie es ist, gefällt es mir nicht", singt Alin Coen, deren Auftritt im Knust heute Abend ebenfalls ausverkauft ist. Ihre Stimme klingt live noch weicher und wärmer als auf ihrem Album "Wer bist Du?". Sie mag feengleich wirken mit ihrem blassen Teint und dem Sommertop, aus dem dünne Arme hervor schauen. Doch mit ihrer Gitarre steht sie breitbeinig vor dem Mikro wie eine Seefrau, die mit ihren Liedern dem tosenden Leben trotzt. Ein Bandkollege begleitet sie an der Akustikgitarre. Und die Melodien der beiden Instrumente greifen sachte und suchend ineinander wie die Hände von Verliebten. "Es war schön mit Euch. Ihr habt ganz ganz toll zugehört. Vielen Dank dafür", sagt sie zum Abschied. Und tatsächlich ist das Lausch-Lounge-Publikum eines der aufmerksamsten, dankbarsten und auch aktivsten. Das bekommt auch Newcomer Tom Hugo zu spüren, die Entdeckung des Abends.

"We All Want To Be Somebody" singt die Menge stimmstark, aber erstaunlich einfühlsam im Chor, während der Norweger seinen beschwingten Singer-Songwriter-Pop unter die Kuppel schickt. Hugo, sein Drummer und sein Bassist haben sich allesamt in Karohemden gekleidet. Doch statt nach Holzfäller-Art mit der Axt zu agieren, stimmen sie nachdenkliche und verträumte, luftige und auch humoreske Töne an. Hugo erzählt von zwei Worten, die oft schwer zu sagen sind ("I Apologise"). Und er intoniert eine kleine Hymne darauf, die Möglichkeiten in der Welt zu sehen, nicht die Beschränkungen ("Open Up Your Eyes"). Die 75 CDs, die Hugo am Stand im Foyer angeboten hat, sind in der Pause rasch ausverkauft. Weshalb er schnell nach Hause fährt, um Nachschub zu holen.

Zu den langjährigen Weggefährten der Lausch Lounge wiederum zählen die Hamburger Anna Depenbusch und Stefan Gwildis. "Ich finde das ja so reduziert immer noch ein bisschen schärfer", kündigt Reincke die Sängerin an. Und folgerichtig präsentiert sie ihre Chansons am Flügel nur mit sich, ihrer Stimme und den neuen Songs des Albums "Die Mathematik der Anna Depenbusch". Diese Wissenschaft ist jedoch keine spröde. Stattdessen legt die Chanteuse viel Sinnlichkeit in ihre Anekdoten von Matrosen, Astronauten und Herzensbrechern. Einen mädchenhaften Charme entwickelt Depenbusch mit ihrem spitzbübischen Lächeln und den türkis bestrumpften Beinen zum Frühlingskleid. Doch wenn sie zu Klavierklängen in Moll auch mal erdenschwer singt, ist sie ganz Frau. Das steht ihr gut. Ihr Instrument scheint ihr mitunter zum amourösen Sparringspartner zu werden, so leidenschaftlich bearbeitet sie die Tasten.

Anfangs ganz ohne Begleitung am Flügel kommt "Er" aus, wie Reincke Stefan Gwildis anmoderiert. Der George Clooney des deutschsprachigen Soul euphorisiert seine Fans als menschliche Beat-Box. Er imitiert einen Kontrabass so durchdringend, dass die Herztöne neu sortiert werden müssen und raunt schließlich rauchig: "Allem Anschein nach bist Du's". Zu diesem Zeitpunkt hat die Sitznachbarin schon fünf Mal geseufzt und die Hände beseelt in die Luft geworfen. In seinen Adaptionen von Joni Mitchell bis Marc Cohn jubelt und klagt Gwildis, er rappt und schmettert. Am liebsten aber schnurrt er lang gezogen auf den Endsilben der Worte herum wie ein Kater kurz vor der Fütterung. Zum Schluss, dürfen die "Brüder und Schwestern", wie Gwildis das Publikum nennt, noch einmal selbst singen. Und zwar von Gedanken, die auf die Reise gehen. Derlei Denkanstöße, sie klingen bestimmt auch im Radio gut.

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