Deutschland sucht den Superstar

DSDS und American Idol: Vom anderen Stern

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"Deutschland sucht den Superstar" ist seicht, prollig und bringt keine Superstars hervor. Das Gegenteil ist das amerikanische Vorbild der Sendung.

Ja, der Vergleich ist nicht fair. Schließlich sitzen auf der einen Seite: ein mit einem Grammy ausgezeichneter Musikproduzent und Bassist, der mit Bob Dylan, Aretha Franklin und Bruce Springsteen gespielt hat. Dazu eine Sängerin mit weltweit mehr als 25 Millionen verkauften Alben und eine Rocklegende, deren Band den Rekord hält für die meisten Goldenen und Platin-Schallplatten, die jemals eine amerikanische Gruppe erhalten hat. Auf dieser Seite sitzen also: Randy Jackson, Jennifer Lopez und Steven Tyler, Frontmann von Aerosmith. Sie sind die Jury von "American Idol", dem amerikanischen Vorbild von "Deutschland sucht den Superstar". Dort, auf der anderen Seite, sitzen: der "Poptitan" Dieter Bohlen, die - Zitat aus der Show - "Tänzerin und Traumfrau" Fernanda Brandao (2004 auf Platz drei der deutschen Charts) sowie "Sänger und Sexsymbol" Patrick Nuo (Gewinner des Bravo-Otto 2003).

Unfair ist außerdem dieser Vergleich: Aus den bislang neun gesendeten Staffeln von "American Idol" gingen zum Beispiel hervor die Sängerin Kelly Clarkson, deren Debütsingle "A Moment Like This" den damals 38 Jahre alten Rekord der Beatles brach - nie zuvor oder danach hat ein Song einen größeren Sprung auf den ersten Platz der amerikanischen Charts hingelegt. Oder Carrie Underwood, Gewinnerin von fünf Grammys, verkaufte Platten: 16 Millionen Alben, 20 Millionen Singles. Und Jennifer Hudson, die nicht einmal gewonnen hat - zumindest nicht "American Idol". Dafür aber einen Oscar für ihre Rolle im Film "Dreamgirls". Der Output von bislang sieben DSDS-Staffeln: unter anderem Alexander Klaws, Mark Medlock, Thomas Godoj, Daniel Schuhmacher und Mehrzad Marashi, der vor einigen Wochen eine Tanzschule in Poppenbüttel eröffnet hat.

Wie gesagt: Diese Vergleiche sind nicht fair. Schließlich geht es in "American Idol" um Musik, in DSDS nicht. Genauso wenig wie es in "Deutschland sucht den Superstar" darum geht, wirklich einen Star zu finden - oder gar einen eigenständigen Künstler, der das Potenzial hätte, zum Star zu werden. Ab diesem Sonnabend, wenn die "Top-10-Kandidaten" in die Motto-Shows ziehen, sucht DSDS wieder Formfleisch, Produktionsmittel für Bohlen. Wer die Show gewinnt, ist meist zum Beginn der nächsten Staffel bereits vergessen, spielt keine Rolle mehr, darf sogar keine Rolle mehr spielen: Schließlich muss Platz geschaffen werden für das nächste aufstrebende Sternchen.

Amerikas Stars leuchten meist Jahre aus sich heraus. Bei "American Idol" steht stets das Einzigartige des Künstlers im Vordergrund. Wer in dieser Sendung etwas werden will, darf keinesfalls irgendwelche Hits nachsingen - er sollte die Songs neu arrangieren und sie zu seinen eigenen machen. "Sei du selbst", sagt Randy Jackson in der aktuellen Staffel zu einem Kandidaten, der sich nicht getraut hat, ein Lied der Beatles allzu sehr zu verändern, "wenn du im Zweifel bist: Sei du selbst." Und so gibt es zwar auch in den USA Motto-Shows wie in der deutschen Fassung - aber lautet das Thema zum Beispiel "Disco", wird nur wenig Disco zu hören sein, sondern vielmehr Disco-Hits im Gewand von Blues, Soul oder R'n'B. Mit derselben Lust werden Songs von Queen als Gospels interpretiert und Rocksongs zu Balladen umgeschrieben.

"Deutschland sucht den Superstar" ist über Imitation selten hinausgekommen. DSDS ist Karaoke, "American Idol" ist in seinen besten Momenten ein Genuss: die pure Freude an der Musik und den Sängern, die sie darbieten.

Was sich wiederum in den Beurteilungen der Jury widerspiegelt. Erschöpft sich diese in Deutschland zumeist an äußerlichen Beurteilungen ("was für ein geiles Outfit", "Du bist echt ein süßes Mädchen. Ich hab Angst, dass wir alle Diabetes kriegen") oder flapsig-anzüglichen Kommentaren ("Ich glaube, bei dem Song haben viele Zuschauer eine Menge Orgasmen bekommen"), wird in den USA den Interpreten etwas gegeben, das sie dringend brauchen: fachliche Kritik. "Deine Phrasierung war sehr gut", freut sich Jennifer Lopez, "eure Harmonien waren köstlich", fügt Steven Tyler hinzu. Und lächelt. Das macht er gerne.

Sein Mund ist groß, und sein Herz ist noch viel größer. Nicht nur die Kandidaten passen hinein, sondern vor allem ist da ganz viel Platz für seine Liebe zur Musik. Gefällt ihm ein Auftritt, schließt er oft die Augen, wiegt den Kopf im Takt, und ist das Lied vorbei, öffnet er die Augen, deren Blick ganz sanft geworden ist, dann sagt er ganz leise: "Beautiful. Beau-ti-ful." Die Jury von "American Idol" muss niemandem etwas beweisen. Sie kann es sich leisten, weich zu sein. Jennifer Lopez ist in einer Folge heulend zusammengebrochen. Weil sie nicht damit zurechtkam, einen eigentlich guten Kandidaten hinauszuwerfen. Sie musste, weil andere besser waren. Ihre Tränen waren echt.

Natürlich kann man "American Idol" vorwerfen, was man allen Castingshows entgegenhalten kann: Junge Menschen werden hier zu einem Produkt geformt, und die Sender verdienen dabei Millionen mit Werbung und Anrufen. Bei "American Idol" stehen auf dem Pult der Jury sogar unübersehbar rote Plastikbecher von Coca Cola. Und natürlich geht es auch in "Idol" - der meistgesehenen Show der USA übrigens - nicht nur um Gesang. Natürlich gibt es auch hier allerhand soziales Brimborium: die singende Toilettenputzerin, die ein Star werden will, der Mann, der sich um seine behinderte Freundin kümmert und für sie singt.

Das alles hat seine Entsprechungen auch bei DSDS. Der entscheidende Unterschied: "American Idol" und seine Jury nimmt die Staranwärter ernst und tritt ihnen nicht zu nahe. Dass es in der vergangenen Staffel der fast blinde Scott MacIntyre in die Top 8 geschafft hat, lag nicht am Mitleid der Zuschauer - er konnte einfach sehr gut singen.

Niemals würde in "American Idol" jemand niedergemacht werden, so schlecht er auch singen mag. Diese Sendung braucht keine Fäkalwitze und keine Scherze auf Kosten der Kandidaten, keine Bohlen-Sprüche. Das verbietet der Respekt vor den Bewerbern. Auch in Amerika gibt es heulende oder wütende, enttäuschte Teenager und Kandidaten am Rande des Nervenzusammenbruchs - aber niemand muss Angst haben, zum Gespött der Nation zu werden.

Das spiegelt sich auch in der Qualität der Kandidaten wieder. Jeder, der in den USA in die Top 100 der Kandidaten vordringt, singt besser als jede und jeder, der jemals bei DSDS aufgetreten ist. Wer sich ein eigenes Bild machen mag, kann zum Beispiel auf YouTube nach Casey Abrams suchen und staunen, wie er "Georgia On My Mind" singt. Oder er sucht das Hollywood-Solo von Jacob Lusk - was für eine große Begabung.

"Deutschland sucht den Superstar" hat sich mit seiner Prolligkeit und dem niemals eingelösten Versprechen, Stars zu machen, entweder sein eigenes Grab geschaufelt, weil echte Talente sich das nicht antun wollen. Oder: Nur so funktioniert das Format in Deutschland. Zweiteres wäre schlimmer. Dann würde die durchaus erfolgreiche Show ein Fingerzeig dafür sein, wie hierzulande allgemein mit Menschen umgegangen wird, die aus der Masse herausstechen wollen. Wer scheitert oder sich mit sich selbst verschätzt, ist schutzlos. An dem darf man sich ergötzen, über ihn lachen, wieder und wieder; am Abend der Erstausstrahlung, in vielen Wiederholungen und dann Monate später noch einmal bei den "10 peinlichsten Castingshow-Momenten" mit Sonja Zietlow.

"Deutschland sucht den Superstar" ist gerade in den ersten Wochen ein Pranger. Mit demselben Genuss, mit dem hierzulande kleingemacht wird, wer zu groß geworden war, werden in dieser Zeit bundesweit jene abgestraft, die Bohlen & Co. als nicht vermarktungstauglich erscheinen. Und dann fliegt der Rest auf die Malediven, um sich sexy in der Sonne zu räkeln und noch einmal gedemütigt zu werden. Die dahinter stehende Lehre: Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund - du wirst auf die Fresse bekommen. "Jeder kann es schaffen", heißt es hingegen in den USA - und genau das ist das Versprechen von "American Idol". So wird hinter beiden Shows Ideologie sichtbar.

Dass bei DSDS nur Mittelmaß herauskommen kann, ist also nicht zu beklagen: Es ist selbstverständlich. Ebenso, dass die Sendung selbst mehr Aufmerksamkeit bekommt und mehr Geld einbringen wird als die darauf folgende Karriere des "Superstars".

Und so setzt DSDS in dieser Staffel auf bereits bewährte Rollen, auf Kandidaten, die auf einzelne Zielgruppen abgestimmt sind: Der 16-jährige Sebastian Wurth gibt den "deutschen Justin Bieber" ("Die Mädchen werden dich lieben!"), der tanzmuffelige Marvin Cybulski ist "der Bär", und Norman Langen ist der inzwischen unvermeidliche Schlagerfuzzi ("Das hast du megageil gemacht!"). Jeder Anruf zählt, zumindest für RTL. Alle drei werden nicht gewinnen. Sie sind Kandidatenfutter.

Wie gesagt: Der Vergleich ist nicht fair. "American Idol" und "Deutschland sucht den Superstar" stehen auf zwei verschiedenen Seiten. "Ich mag dich", sagt Jennifer Lopez zu einem Kandidaten, der gehen muss - "aber letztlich geht es um die Qualität deiner Stimme." "Deine Stimme ist wie eine Windel. Und wenn eine Windel voll Scheiße ist, dann schmeißt man die weg", sagt Dieter Bohlen zu einem Bewerber. Die beiden Shows haben außer der Titelmelodie nichts gemeinsam.

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