Amerika aus der Wasserperspektive

ARD-Korrespondent Klaus Scherer über einen erfüllten Traum

"Es war ein lang gereifter Lebenstraum von mir", sagt Joe Essery, als er über sein Steuerrad hinaus auf sanfte Wellen blickt. Links vom Bug begleiten uns hin und wieder zwei Delfine. Rechts lassen wir einen Leuchtturm zurück. "Ein Jahr lang durch den großen ,Loop'", schwärmt er, "den Wasserweg, der den Ostteil Amerikas umrundet!" Karten neben ihm zeigen die markierte Route: von den Großen Seen über Kanäle bis zum Tennessee-River und Mississippi, dann durch den Golf von Mexiko, um Florida herum und hinter den Außeninseln und durch Sumpfgebiete nordwärts, bis es wieder landeinwärts geht, in Richtung der Great Lakes.

Mit seiner Frau Joyce betrieb Joe eine Autowerkstatt, die sie verkauften, als sie auf die 60 zugingen. "Wir sind keine Millionäre", sagen sie mit Blick auf noble Segelyachten, die uns überholen. Ihre gebrauchte "Takitez" ist eher ein tuckerndes Hausboot als ein Motorflitzer. Lange hatten sie gesucht, bis sie das Boot gefunden hatten.

"Selbst nach der halben Reise wachen wir nun noch morgens auf und fragen uns, ob es auch wirklich wahr ist", lacht Joyce, während sie unterm Sonnensegel Fotos sortiert und ihren Reise-Blog auffrischt: weiße Strände und bunte Häuschen vom Abstecher auf die Bahamas oder von den malerischen Düneninseln der Outer Banks; die kolonialen Südstaaten-Häfen St. Augustine in Florida und Savannah in Georgia, die als die ältesten Städte der USA gelten; die Schleusen-Tour durch den berühmten "Dismal Swamp Canal" in North Carolina, in dem tatsächlich "düster"-schwarzes Sumpfwasser fließt; die Flugzeugträger im US-Militärhafen von Norfolk, an denen ihr Boot wie eine Nussschale entlangschlich; der Kirchgang im beschaulichen Annapolis, der Hauptstadt Marylands.

Zwei Reisewochen lang haben wir das Ehepaar mit der Kamera begleitet, von Florida bis nach New York, und uns unterwegs auch selbst einige Abstecher erlaubt - sei es, um die Nachfahren ehemaliger Sklaven zu besuchen, deren Gullah-Kultur die Insel St. Helena in South Carolina prägt. Oder um mit einem Hobbypiloten, der sich schon mal selbst ein Flugzeug baut, jenen "Intracoastal Waterway" zu überfliegen. Oder auch, um mit den Helfern einer Tierklinik geheilte Meeresschildkröten wieder hinaus auf See zu bringen, die sie Monate zuvor mit schweren Verletzungen durch Schiffsschrauben gefunden hatten.

Hätten sich die Esserys nur ein paar Monate später auf ihren Weg gemacht, hätte die Ölpest im Golf von Mexiko, die nun nicht nur Schildkröten bedroht, womöglich auch ihren schönen Lebenstraum zerstört. So aber erfuhren sie erst von der Katastrophe, als sie schon an der Atlantikküste waren. Dennoch fragen wir das Paar gelegentlich auch nach ihrem Umgang mit dem Lebenstraum - nun, da er glücklich wahr geworden ist. Und danach, was wohl nach der Heimkehr kommt. Einen Rat vor allem geben sie allen möglichen Nachahmern schon jetzt: "Man muss seine Träume wahr machen", sagen sie, "solange man gesund ist."

Klaus Scherer, Jahrgang 1961, ist seit 2007 ARD-Korrespondent in Washington. Vorher hat er unter anderem für das NDR-Politmagazin "Panorama" in Hamburg gearbeitet, war ARD-Fernost-Korrespondent und Studioleiter in Tokio. Seine Reportage "Zwischen Land und Meer - Auf Wasserwegen von Florida nach New York" läuft an diesem Sonnabend um 16 Uhr in der ARD.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.