Harry Belafonte

So und nicht anders, ein Leben lang

Foto: Roland Magunia

Eine viel zu kurze Begegnung mit dem Musiker, Schauspieler und Bürgerrechtler Harry Belafonte, der 85 Jahre jung ist.

Hamburg. Was macht man, wenn abends zu Hause das Telefon klingelt und Bruce Springsteen ist dran, mit einer existenziellen Frage, auf die er keine gescheite Antwort findet? Unsereins könnte das für einen blöden Scherz halten oder ohnmächtig werden, wenn es tatsächlich kein blöder Scherz ist, sondern "The Boss". Harry Belafonte kennt solche Situationen, für ihn sind sie vielleicht etwas Besonderes, aber nichts wirklich Aufregendes mehr.

Gerade neulich erst hatte er diesen Anruf, erzählt er mit großer Selbstverständlichkeit, als würden wir noch über das Frühlingswetter in Hamburg plaudern. Seine Messlatte für "wirklich aufregend" hängt inzwischen höher, doch das sagt er natürlich nicht. Und Springsteen wollte von Belafonte übrigens wissen, wie man mit den Realitäten des Lebens klarkommt. "Ich reagiere auf das Klopfen an der Tür", war dessen Antwort. "Ständig klopft das Leben bei mir an. Manche ziehen es vor, nicht zu antworten. Aber wenn man die Tür öffnet, passiert Einzigartiges. Das war bei mir immer wie ein Reflex. Ich konnte einfach nichts dagegen machen."

Einer Jahrhundert-Persönlichkeit wie dem Sänger, Schauspieler, Bürgerrechtsaktivisten und Humanisten Harry Belafonte, der begegnet man normalerweise in Schwarz-Weiß-Filmen und auf zu Ikonen gewordene Fotos, über alte Platten und Erwähnungen in Geschichtsbüchern über die Zeit von Martin Luther King, John F. Kennedy und Malcolm X. Das ist einfach und schon sehr beeindruckend. Ihm gegenüberzusitzen, weil er an diesem Freitag seine gerade erschienene Autobiografie bei einer Lesung im Rolf-Liebermann-Studio vorstellte, die rau gewordene, aber immer noch sanft geschmeidige Stimme zu hören, die seit Jahrzehnten zum Weltkulturerbe gehört, und ihm ins Gesicht zu sehen, ist - für etwa eine Minute - überhaupt nicht einfach.

Denn wie soll man jemanden noch überraschen oder gar beeindrucken, der sich 1956 in den Charts ein Verkaufsduell mit Elvis Presley lieferte; es dauerte bis zu Michael Jacksons "Thriller", dass ein Album länger auf Platz eins war als Belafontes "Calypso". Der mit Marlon Brando in einer Schauspielklasse war und in Las Vegas mit Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. die Nächte durchzockte. Der bei der Erwähnung seines Freundes und Wegweisers Dr. Martin Luther King, den ein Attentäter am 4. April 1968 erschoss, niemals das respektvolle "Doktor" vergisst. Der 1990 den Triumphzug des freigelassenen Nelson Mandela durch die USA organisierte. Der 1949, mit 21, bei seinem ersten Auftritt als Sänger im New Yorker Royal Roost von Charlie Parker und Max Roach begleitet wurde und mit Lester Young befreundet war. Der Todesangst vor dem Lynchmob des Ku-Klux-Klan hatte. Er ist jemand, der einem gleich freundlich ins Gesicht sagen wird: "Ich glaube, ich bin so ziemlich jedem begegnet, den ich treffen wollte", bevor ihm, vielen Dank auch dafür, nur noch Albert Einstein als Wunschkandidat einfällt. Er ist der Mann, der sich mit mehreren US-Regierungen anlegte, besonders drastisch, als er 2002 George W. Bushs Verteidigungsminister Colin Powell wegen dessen Irakkriegslügen mit der vollen Wucht seiner moralischen Autorität als "Hausneger" bezeichnete und zielsicher ins Mark traf. Der 1968 für einen Skandal sorgte, als ihm - einem Schwarzen - die Britin Petula Clark bei einem Duett in einer TV-Show tatsächlich ihre weiße Hand auf den Arm zu legen wagte. Der nur durch einen Zufall am 11. September 2001 nicht in den Twin Towers war, als dort die Flugzeuge einschlugen.

Mehr Achterbahnfahrt, mehr Schmerz und mehr Glück in einem einzigen Leben, das so lang ist und so erfüllt? Keine Ahnung, beim besten Willen nicht, wie das noch möglich wäre.

"Wie ist es denn so, jetzt, mit 85 Jahren, Harry Belafonte zu sein?" Die Jahrhundert-Persönlichkeit sagt genau so lange nichts, wie es braucht, um am liebsten von ihm adoptiert zu werden und Nachhilfeunterricht zum Thema Coolness zu erflehen; dann sagt sie lächelnd: "Interessant ..." Und dann sagt sie: "Herausfordernd ... Ich bin mir nicht ganz sicher, ob alles, was ich getan habe, immer das war, was ich hätte tun sollen." Und damit hat die Jahrhundert-Persönlichkeit ihr Gegenüber, ganz locker, für die nächsten 45 Minuten im Griff. Der Charisma-Nachhall wirkt deutlich länger, erst recht, weil er mitten im Gespräch, als er von der Lesung in Köln berichtet, kurz leise "Deeeeeo..." singt und lächelt, das "Banana Boat Song"-Calypso-Lächeln, das aus einem anderen Jahrhundert kommt und aus einer ganz anderen Zeit.

Zu unserem Gespräch kommt Belafonte elegant und entspannt, ein nicht nur von der Kamera geliebtes Fotomodell, das er seit seiner Jugend in New York ist. Der Charakterkopf wie modelliert, das Gesicht wie eine Landschaft. Der Gehstock mag in seinem Alter notwendig sein, er ist aber auch eine Requisite, die der Entertainer gekonnt subtil einsetzt und schnell beiseite legt, als wir sitzen. Als seine offiziellen Begleiterinnen und seine zweite Ehefrau Pamela in der Tiefe des Raumes nicht ganz leise genug raunen, bringt er sie mit einem "Ladies! Bitte!" freundlich bestimmt zur Räson und flüstert dann feixend, so leise, dass nur wir beide es hören können: "Mein Harem ..." Alter Charmeur, gelernt ist gelernt. Einen jüngeren 85-Jährigen muss man sehr lange suchen.

Doch auch wenn es schon jetzt Spaß macht, zum Vergnügen sind wir nicht hier. Belafonte hat eine große Botschaft, und die muss auch raus, als Antwort auf die Frage, ob er es nicht langsam leid sei, immer der "good guy" sein zu müssen. "So habe ich das nie gesehen", sagt er. "Ich mache auch nicht viele Dinge, ich tue nur eins: Ich bekämpfe Ungerechtigkeit. Das habe ich meiner Mutter versprochen und auch mir, schon als Kind. Das wurde zu meiner Lebensaufgabe. Während dieser Zeit traf ich Dr. Martin Luther King, Mandela, Präsidenten, Könige, Taxifahrer, Kinder, Gangster, Häftlinge ... Die Reise wurde wirklich interessant."

Wann er sich das letzte Mal geirrt habe? "Heute Morgen, als ich meiner Frau sagte, ich hätte keinen Hunger." Nichts Größeres? "O ja", das eben war ja nur ein Pointchen. "Viele hatten ja in Bezug auf die Bürgerrechtsbewegung gedacht, dass das, was wir tun, dem Rassismus ein Ende setzen würde. Aber das war ein Fehler." Im Februar wurde der afroamerikanische Teenager Trayvon Martin in Florida von einem Weißen erschossen, die Umstände sind mehr als umstritten. Geschichte wiederholt sich eben doch. "Wir müssen nachsehen, wo wir Fehler gemacht haben. Wir müssen dafür sorgen, dass Barack Obama etwas mehr Verantwortung übernimmt." Unsereins würde dieses "wir" eher generell meinen, bei Belafonte klingt das ganz anders. Der meint das so, und ganz persönlich. Der sucht den Dialog und die klaren Worte, auch wenn es schwerfällt und mühsam ist. "Doktor King hat immer gesagt: Wenn man nicht mit seinen Feinden spricht, wie soll man dann seine Probleme lösen? Daran glaube ich."

Im Laufe seiner Karriere hat Belafonte "etwa fünf" US-Präsidenten kennengelernt, überzeugend fand er jeden einzelnen, doch keiner konnte sich Belafontes Meinung nach mit seinen guten Absichten so ganz durchsetzen.

Künstler, die sich so einsetzen wie er, sind selten geworden. "Das sehe ich auch so. Aber ich würde es anders ausdrücken: Viele Künstler haben ein politisches Bewusstsein. Es ist der Mangel an Mut, auch danach zu handeln, der uns fehlt. Als ich in der Bürgerrechtsbewegung Aktivist war - mein Gott, wir hatten Dylan, wir hatten Hunderte von Schauspielern, Autoren und Künstlern, die uns euphorisiert haben. Das alles ist jetzt eingeschlafen. Künstler müssten das wieder leisten. Die Macht des Geldes hat so viel korrumpiert. Die meisten Künstler sind mehr damit beschäftigt, sich großen Reichtum zu sichern, anstatt wirklich wertvolle Künstler zu sein."

Ein Anruf von Springsteen, das ließ sich für diese Gelegenheit leider nicht einrichten. Aber da wir in Hamburg sind, jener Stadt, in der Belafonte 2004, kurz vor dem Bühnenabschied mit einem Benefiz-Auftritt in Atlanta, sein letztes Europakonzert gab, bietet sich ein anderer Gesprächspartner für eine Überraschung an: Udo Lindenberg. Der ist an dem Tag zwar gerade in Köln, das letzte seiner drei Tournee-Konzerte dort spielen, aber "kurz am Telefon, Surprise" für seinen Kumpel Harry, klar gehe das, hatte er per SMS gemorst.

Die beiden hatten sich 1983 beim Jugendfestival in Ost-Berlin kennengelernt, Honni und Protest und "Sonderzug nach Pankow" und so, ne. "Udo war der Bruce Springsteen Westdeutschlands, aber mit einem scharfen politischen Profil", schreibt Belafonte auf Seite 485 über diese Zeit, "wir brachten am Abend ein Höllenspektakel auf die Bühne, und das Publikum flippte aus." Eine Ahnung, wie lustig das vor fast 20 Jahren gewesen sein muss, liefert das Telefonat.

"Hey Udo, wie geht das Leben mit dir um?" "Alles bestens, you know, it's great, yeaaah ..." Dann wurde sich für demnächst in New York verabredet, "lass mich wissen, Udo, wann du vorbeikommst". Während Lindenberg aus Köln ganz udomäßig herübernuschelt, wie beeindruckt er nach der Buchlektüre über Belafonte und Brando war, flachst Harry fröhlich zurück: "Du wirst ja oft der deutsche Brando genannt!" Eine weitere große Dosis verzückten Udo-Nuschelns aus Köln. Und als Lindenberg mit vielen Yeahs weiterudot, "Harry, du bist ja gerade in meinem sweet home, dem good ol' Atlantic", haut Belafonte eine Pointe raus, über die er sich selbst freut wie ein kleiner Junge: "Udo, ich versuche hier gerade dein Appartement zu kaufen!" Schallendes Gelächter auf beiden Seiten der Leitung, dann müssen wir aufhören. Lindenberg muss gleich noch eine Arena in Köln ausflippen lassen, und Belafonte verabschiedet sich mitsamt Entourage, Gehstock, himmelblauem Unicef-Käppi und so reizend, als würden wir uns schon viel länger kennen.

Auf die Frage, welcher Moment jener sei, der voll und ganz sein Leben definieren würde, wäre die Abschlusskundgebung beim Bürgerrechtler-Marsch auf Washington am 28. August 1963 falsch gewesen, hat Belafonte kurz davor entgegnet: "Das wäre sicher eine gute mögliche Antwort gewesen. Aber es war die Begegnung mit meiner zweiten Frau." Der Romantiker in ihm behält immer das letzte Wort.

"My Song" Kiepenheuer & Witsch, 622 Seiten, 24,99 Euro. Am 5. April kommt der Dokumentarfilm "Sing Your Song" in die Kinos. Die Preview läuft am 2. April um 17 Uhr im Abaton.

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