Rolf-Liebermann-Studio

Wie von Elfen gespielt: Quatuor Hermès und Wishful Singing

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Lediglich die Bühnenpräsenz fehlt den Streichern vom Quatuor Hermès noch ein wenig – gerade im Vergleich mit "Wishful Singing".

Hamburg. Was für ein herrlicher Haydn-Klang! Ganz schlank und filigran, wie von Elfen gespielt. Und dann der Gesang der beiden Geigen im Adagio: So innig beseelt, als wäre es ein Liebesduett. Zum Niederknien, auch das.

Schon mit der Kostprobe aus Haydns Quartett op. 20, 5 zeigte das Quatuor Hermès im Rolf-Liebermann-Studio des NDR, warum es zu den größten Entdeckungen der letzten Jahre gehört: Die vier jungen Musiker aus Frankreich und Asien – alle gerade mal um die Mitte zwanzig – streichen mehr als viel versprechend; bei ihnen ist bereits das meiste eingelöst. Sie sind zwar noch Zauberlehrlinge, beim Artemis-Quartett in Berlin, entfachen jedoch längst eine ganz eigene Magie. Schier atemberaubend ihre Debussy-Interpretation, mit einer wunderbar duftigen Raffinesse, mit rhythmischem Esprit und französisch flirrenden Flüsterfarben. Eine wahre Meisterleistung. Keine Frage, da wächst etwas Großes heran.

Das einzige, was den sympathisch schüchternen Streichern vom Quatuor Hermès noch ein wenig fehlt, ist Bühnenpräsenz – gerade im direkten Vergleich mit "Wishful Singing", dem zweiten Ensemble, das an diesem Abend bei der NDR-Reihe "Podium der Jungen" zu Gast war.

Gegen das Charisma der fünf Sängerinnen aus den Niederlanden würde allerdings auch so mancher alte Hase verblassen: Unmöglich, sich ihrer Strahlkraft zu entziehen. Und ihrem Klang, natürlich. Die jungen Damen becircten das Publikum mit ihrem warmen, fein balancierten Sound und einem abwechslungsreichen Programm. Es reichte von Renaissancemadrigalen über spätromantische Stücke bis in die Gegenwart, zu Hermann van Veen und einer unschlagbaren Version des 50er-Jahre-Klassikers "Mister Sandman". Besonders hübsch: Die Vertonung der niederländischen Bahnbeförderungsrichtlinien – ja, Sie haben richtig gelesen! - im Stil eines anglikanischen Chorals.

Hihi.

Witzig sind sie nämlich auch noch.

Diese Mischung aus exquisitem Gesang, Entertainment und einem ganz eigenen Charme macht "Wishful Singing" zu einer Ausnahmeerscheinung: Die weiblichen a cappella-Gruppen auf diesem Niveau lassen sich an einer Hand abzählen. Zumindest in Europa. Kurzum, man muss sie einfach lieben. Ebenso wie die vier jungen Edelstreich

Bei der Zugabe kamen dann beide Ensembles zusammen. Für das anrührend schlichte Volkslied "L'amour de Moy", das, natürlich, von der Liebe erzählt – seufz! ¬- und leider viel zu schnell vorbei war. Da hätte man sich noch so fünf bis zehn Strophen mehr gewünscht. Mindestens. Ein toller Abend, der stellenweise schon die Weltklasse streifte.

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