Schwabinggrad Ballett

Kritik an der Stadtentwicklung und Utopie im öffentlichen Raum

Foto: Kampnagel

Das Künstlerkollektiv Schwabinggrad Ballett zeigt seine neue Produktion "Business Punk City" zum Thema Gentrifizierung ab heute in Hamburg.

Hamburg. Die Debatte über die Gestaltung des Lebensraums Stadt, Stichwort "Gentrifizierung", treibt künstlerische Blüten. Derzeit beschäftigt sie das Schwabinggrad Ballett. Seine aktuelle Produktion "Business Punk City" zeigt es ab heute an markanten öffentlichen Orten wie der Roten Flora oder dem Gängeviertel.

Das Kollektiv aus einem knappen Dutzend wechselnder Autoren, Künstler, Musiker und Performer führt seit seiner Gründung im Jahre 2000 regelmäßig Aktionen in politischen Zusammenhängen durch. Der Name setzt sich aus dem Münchner Agit-Prop-Stadtteil Schwabing und Stalingrad, Symbol des Kriegsschreckens, zusammen. Das Kollektiv tritt nicht in abgeschotteten Kunsträumen auf, es agiert mobil und verlegte deshalb den Aufführungsort von Kampnagel in den öffentlichen Raum.

Aus Texten, Tanz, Musik und Spoken-Word-Elementen formen die Akteure eine Collage, eine Art Agit-Prop-Oper. "Es geht um eine mögliche Utopie von Stadt und darum, wie Hamburg, die Stadt der Leidenschaften, zur unternehmerischen Stadt geworden ist", sagt Schwabinggrad-Ballett-Mitglied Christoph Twickel. "Wir hoffen natürlich, dass die Leute die ein oder andere These aus dem Abend mitnehmen."

Das Kollektiv rezitiert eigene Texte, zum Beispiel aus dem Buch des Hamburger Autors Christoph Schäfer "Die Stadt ist unsere Fabrik", aber auch Liedtexte der Hamburger Punkband Goldene Zitronen, deren Multiinstrumentalist Ted Gaier mit von der Partie ist. "Wir kommen aber nicht mit der Theoriekeule", sagt Twickel.

Natürlich gibt es beim Schwabinggrad Ballett auch Tanz. Der Tektonik-Straßentanz, ein Teenagertanz, der sich über das Internet verbreitet hat, eignet sich als urbanes Phänomen. Dazu mixt die Gruppe nach dem Vorbild des Art Ensembles Of Chicago Free-Jazz-Improvisationen mit Minimal Music. Ein Chor der Bettelkünstler zeigt Dankbarkeit für jedes noch so kleine Almosen, das die Existenz sichert. Eine Gruppe von Real Estate Managern singt: "Bau ich auf und reiß ich nieder/ Hab ich Arbeit immer wieder!"

Beim Schwabinggrad Ballett machen auch Nichtmusiker Musik. Und Nichtschauspieler rezitieren Texte. Sie werfen bitterböse, auch komische Schlaglichter auf die These von der Stadt, die zur Fabrik wird. Die Stadt der Industriegesellschaft löst sich auf, an ihre Stelle tritt die der Wissensproduktion, in der auch Cafés und Fitnessstudios zu produktiven Orten werden. Und in denen, so Twickel, Menschen mit Kaffee gefüllte Pappbecher über die Straße tragen, "als Zeichen, dass sie ihre Arbeit immer dabeihaben".

Business Punk City Do 8.4., 20.00, Rote Flora, Schulterblatt 71; Fr 9.4., 20.00, Balduintreppe, St.-Pauli-Hafen; Sa 10.4., 20.00, Gängeviertel/Schier's Passage, Caffamacherreihe/Valentinskamp, Eintrittshöhe freiwillig

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