She She Pop zeigt in "Testament" Generationskonflikte

Auge in Auge mit den Vätern

Hamburg. Ein Abend mit Papa? Keine gute Idee. Frank und Nancy Sinatra geben mit "Something Stupid" eine ironische Vorlage - und dennoch gelingt She She Pop mit "Testament" ein großer Wurf. Drei Performerinnen konnten ihre Väter gewinnen, einen Abend mit ihnen im Bühnen-Wohnzimmer zu verbringen. Ehrlich und mutig, lustig und traurig, den Zuschauer an- und auch nahegehend ist die Performance über Probleme von Alter, Pflege und Erbschaft. Sie thematisiert den Konflikt um Generationenvertrag, Verlust familiärer Bindung und Verantwortung - auch die Macht der Väter über ihre Kinder.

Es geht nicht um Land wie im "Lear", der sein Reich an die drei Töchter gegen Lippenbekenntnisse von Liebe aufteilt. Nur um Sektgläser, die Kommode oder das Original von Roy Lichtenstein. Vater Manfred Matzke, ein Physiker, fasst das "Liebes- und Vermögenspotenzial" in eine Differenzialgleichung zur Optimierung des Vererbungssystems. Der Witz daran: Die komplizierte Formel löst, was jeder Vernünftige weiß.

She She Pop verzichtet diesmal auf das interaktive Spiel mit dem Publikum und nimmt sich erstmals ein klassisches Stück vor. Im Zugriff darauf bleiben sie sich jedoch absolut treu, reflektieren und debattieren über eigene Biografien im Spiegel des Dramas. Sie finden die richtige szenische Form, kommentieren mit Musik und Live-Video. Durch eingeschobene Probendebatten werden Stückentwicklung und Zoff bei den "verspäteten Vorbereitungen zum Generationswechsel" (wie der Untertitel lautet) einsichtig. Die Performer scheuen sich auch nicht, die heiter, polemisch und theatralisch beginnende Szenencollage bis an emotionale Schmerzpunkte zu treiben. Bei aller Ernsthaftigkeit wahren sie stets Leichtigkeit und Witz.

Alles andere als "etwas Dummes" haben She She Pop und die Väter unternommen: Sie wagen couragiert, freimütig und intelligent eine Begegnung miteinander, um die sie nicht wenige Zuschauer schwer beneiden dürften. Entsprechend herzlich ist der Beifall für das sehens- und diskussionswerte Highlight im Kampnagel-Programm ausgefallen.

Testament 10.-13.3., 20 Uhr, Kampnagelfabrik, Karten unter T. 27 09 49 49; Internet: www.kampnagel.de

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