CCH: Dave Matthews Band

Der unbekannte amerikanische Superstar

Foto: Jahnke

Nach zehn Jahren kam die Dave Matthews Band erstmals wieder nach Deutschland – und spielte immer noch wie frisch verliebt.

Hamburg. Auch wenn der Vergleich fies ist: Die Dave Matthews Band ist ein wenig wie der amerikanische Superbowl. In der Heimat ist das ein riesiges Spektakel. Millionen Football-Fans hocken vor dem Fernseher. In Deutschland interessiert das eigentlich nur Eingeweihte. Aber wer es einmal miterlebt hat, kommt schwer wieder davon weg. Die Dave Mathews Band hat 35 Millionen Studio-Alben verkauft, dazu unzählige Live-Mitschnitte, sie spielt in ausverkauften Stadien. Im Jahr 2003 kamen 120.000 Menschen in den New Yorker Central Park.

Und jetzt: Hamburg. Mehr als zwei Stunden lang fegte am Dienstag ein Sturm die Kinosesselatmosphäre im Saal des CCH gen Süderelbe. Donnernde Drums, druckvolle Bässe, flirrende Sounds von Violine, Trompete und Saxophon. Es war das erste Konzert der Band in Deutschland seit zehn Jahren, es war das erste Konzert der Europa-Tour 2010 und die Live-Premiere in diesem Jahr. Ewig hat Matthews sein deutsches Publikum nicht gesehen. In den ersten Liedern merkte man die Nervosität. Nach dem dritten Lied fühlte er vorsichtig durch sein Mikrofon ins Publikum vor: "Ich hoffe, wir bestehen den Test". Lieber Dave, es war viel mehr als nur das!

Wer die Musik der Dave Matthews Band in eine Kategorie quetschen will, verliert das Gefühl für diesen Groove. "Eigentlich sind wir ein Haufen Jazzer, die in einer Rockband spielen", sagt Dave Matthews. Die Chimäre aus Funk, Blues, Jazz, Rock und der wunderbaren Stimme von Matthews geht auf in einer musikalischen Leichtigkeit. Man merkt das bei den minutenlangen Improvisationen der Band, bei der fetzigen Cover-Version des Hits der Talking Heads "Burning Down The House". Und man spürt das, wenn Matthews in den Balladen von Himmel, Hölle, vom Lachen und Vergessen und vom Ersticken in den Trümmern der Gefühle singt. Er verzieht dabei das Gesicht, krümmt sich für einen Moment, wischt sich über die Augen. Das sieht ein wenig skurril aus – aber gerade deshalb macht es die Begegnung mit ihm so unverfälscht.

Um Matthews haben sich sechs begnadete Musiker gefunden. Schlagzeuger Carter Beauford, Bassist Stefan Lessard und E-Violinist Boyd Tinsley stehen schon seit Gründung der Band Anfang der Neunziger mit Matthews auf der Bühne. Das ist die Routine von fast zwanzig Jahren Showgeschäft – und trotzdem spielen sie wie frisch verliebte Teenager. Carter Beauford wirbelt über seine Trommeln und macht dabei cool Bläschen mit seinem Kaugummi. Sie lachen. Sie zwinkern sich zu, sie checken nach jedem Lied lässig mit der Faust ab.

Sie spielen viele Songs aus ihrem neuen Album "Big Whiskey And The GrooGrux King", das die Band ihrem Saxophonisten LeRoi Moore widmete, der 2008 bei einem Unfall starb. Moore, der GrooGrux King – die Lieder sind sein Abschiedsgeschenk und ein Wiedersehen zugleich. Der neue Mann am Saxophon, Jeff Coffin, der zuvor mit dem virtuosen Banjo-Spieler Bela Fleck tourte, holt Moore zurück auf die Bühne. "Als Roi starb", sagte Matthews, "waren wir erst einmal alle erstarrt von Schock". Die Gruppe traf sich trotzdem Anfang 2009 im Studio in New Orleans wieder, um die Aufnahmen in Gedenken an Moore zu vollenden. Heute sagt Matthews: "Noch keines unserer Alben ist so ein klares Bekenntnis – vom ersten bis zum letzten Ton." Schon LeRoi Moore sei klar gewesen, dass es die beste Platte der Band werden würde. Zwei Grammys hat die Dave Matthews Band gewonnen, auch ihr aktuelles Album war nominiert.

Umso mehr erstaunt es, dass der Gruppe in Deutschland nie der große Durchbruch gelungen ist. Vielleicht, weil ihre Musik so selten im Radio gespielt wird, und die Videos kaum im Fernsehen zu sehen sind. Auch in den USA. Vielleicht aber auch, weil die Band selten durch Deutschland tourt. Denn wer sie einmal live erlebt hat, kommt davon schwer wieder los. Das ist so wie mit dem Superbowl.

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