Lohseplatz: Wie soll in der HafenCity an die NS-Zeit erinnert werden?

"Besser spät als nie"

Foto: Zapf

Auf einer Podiumsdiskussion wurden Ideen für einen zukünftigen Gedächtnisort vorgestellt.

Hamburg. "Ich muss gestehen, dass ich von der Geschichte des Hannoverschen Bahnhofs am Lohseplatz zuvor noch nie etwas gehört habe", stellt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, Andreas C. Wankum, fest. Er meint das Bahnhofsgelände, von dem zwischen 1940 und 1945 mehr als 7000 Menschen - Juden, Sinti und Roma - in die nationalsozialistischen Vernichtungslager in Ost- und Mitteleuropa deportiert wurden. Fast 90 Prozent von ihnen wurden ermordet.

Ähnlich wie Wankum ging es etlichen anderen Teilnehmern der Podiumsdiskussion zum Thema "Der ehemalige Hannoversche Bahnhof - Herausforderung und Chance für das historische Gedächtnis der Stadt", die am Montagabend, als Abschluss eines eintägigen Kolloquiums, im Kesselhaus am Sandtorkai stattfand. Kultur- und Stadtentwicklungsbehörde sowie HafenCity Hamburg GmbH hatten Historiker, Architekten, Politiker und Vertreter der Opferverbände eingeladen, um über einen zukünftigen Erinnerungsort in der entstehenden HafenCity zu diskutieren.

Wie konnte dieser Ort der Deportationstransporte überhaupt in Vergessenheit geraten? Kultursenatorin Karin von Welck versuchte es damit zu erklären, dass das Gelände nach dem Krieg komplett aus dem Bewusstsein verschwand, da es zu einem öffentlich nicht mehr zugänglichen Bereich des Hamburger Freihafens geworden war.

Erst im Jahr 2005 errichtete die Kulturbehörde eine Gedenktafel auf dem Areal, das heute Teil des Masterplans für die neue HafenCity ist und sich dadurch von einer städtischen Randlage in einen zentralen Ort verwandelte.

"Besser spät als nie", dies war der allgemeine Tenor der Diskussion um die Gestaltung dieser Leerstelle im historischen Gedächtnis der Stadt. Dabei gab die jüngste Vergangenheit Anlass zur Kritik: Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden, kritisierte die bisher ins Auge gefasste zukünftige Gestaltung des Areals als China-Park - und erhielt dafür spontanen Applaus. Auch Esther Bejarano, Holocaust-Überlebende und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in Deutschland, lehnt eine kommerzielle Nutzung des Geländes ab und forderte die Errichtung eines würdigen Gedenkortes. Dabei sollten die vorhandenen authentischen Spuren, wie alte Gleisanlagen, sichtbar gemacht werden und eine inhaltliche Anbindung an die KZ-Gedenkstätte Neuengamme stattfinden.

Für Jan Philipp Reemtsma, Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung, ist es vor allem wichtig, den Gedenkort so konkret und anschaulich wie möglich zu gestalten. Dadurch soll dem Betrachter die Alltäglichkeit der Deportationen, die ohne Proteste der Hamburger Bevölkerung durchgeführt wurden, vermittelt werden.

Der von allen Seiten geäußerte Wille zur Errichtung eines Erinnerungsortes ist deutlich geworden. Offen bleibt freilich die Frage, welche der Vorschläge am Ende umgesetzt werden.

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