Spezialist für beängstigend normale Figuren

"Familienkreise": Der Hamburger Drehbuchautor Daniel Nocke erhält heute den Grimme-Preis in Gold

Hamburg. Kann man sich ans Grimme-Preis-Kriegen gewöhnen? Vermutlich, man gewöhnt sich schließlich an alles. Aber die Freude muss das ja nicht schmälern. Daniel Nocke, Hamburger Drehbuchautor aus Eimsbüttel, bekommt die begehrte Fernsehauszeichnung an diesem Sonnabend in Marl zum dritten Mal verliehen. Und auch, wenn Nocke nicht der Typ ist, der deshalb jubelnd um die Häuser zieht, genießt er doch die Wertschätzung der Jury: "Es muss ja von irgendeiner Instanz Qualität anerkannt werden. Schon, um sagen zu können: Es war richtig, diesen Film gemacht zu haben."

"Dieser Film" ist die ARD-Produktion "Familienkreise". Ein stilles, unprätentiöses Fernsehspiel um festgefügte Familienstrukturen, die aus den Fugen geraten, als der übermächtige Vater (mit kraftvoller Arroganz gespielt von Götz George) nach langen Jahren als Auslandskorrespondent nach Hause zurückkehrt. Der Film besticht durch die Alltäglichkeit der Geschichte, fast beängstigend normal sind die Figuren, könnten Nachbarn sein, Bekannte - oder man selbst.

Nocke, der wie schon bei seiner letzten Grimme-Auszeichnung für "Ende der Saison" (ebenfalls eine Produktion des Bayerischen Rundfunks) mit dem Regisseur Stefan Krohmer zusammenarbeitete, hat ein Faible für diese Form der bürgerlichen Milieustudie. Wenn Krohmer in Interviews gefragt wird, warum in seinen Filmen so viel geredet wird, hat er als Erklärung mal geliefert, dass beide, er und Nocke, "Lehrer-Kinder" seien. Der Autor muss darüber lächeln: "Na ja, eigentlich waren nur unsere Mütter Lehrerinnen. Ich schätze einfach gute Dialoge."

Dabei hatte Nocke sich an der Filmakademie in Ludwigsburg ursprünglich für den Animationsbereich beworben, seinen ersten Grimme-Preis bekam er für das Knetfiguren-Werk "Der Peitschenmeister". Noch immer hat der Eimsbüttler ein kleines Trickfilm-Atelier in Winterhude.

In Ludwigsburg aber traf er gleich im ersten Semester auf den damaligen Regieschüler Stefan Krohmer - "wir sind uns zugelost worden" -, und fortan realisierten die beiden, neben Nockes Animationsarbeit, hauptsächlich gemeinsame Projekte.

Manchmal, wenn zunächst das Thema und der grobe Plot zusammen festgelegt wurden, sammelt Krohmer mit der Videokamera schon erste Eindrücke am zukünftigen Drehort und stellt seinem Autor dann das Material zum Schreiben zur Verfügung. Beim eigentlichen Dreh ist Nocke später nur dann dabei, wenn er - wie in "Ende der Saison" und der Kinoproduktion "Sie haben Knut" - eine kleine Rolle übernimmt. Das erzählt er aber nicht so furchtbar gern: "Ich hab immer etwas Sorge, dass die Leute dann denken, ich hätte das Bedürfnis im Vordergrund zu stehen."

Dass das eine geradezu absurde Furcht ist, erkennt jeder, der dem schüchternen Autor einmal gegenübergesessen hat. Seine Stimme ist leise, seine Art zurückhaltend, die Pausen in seinen Sätzen lang. Nocke ist keiner, der lautstark eigene Erfolge herausposaunt. Im Gegenteil. Dass seine jetzt prämierte Arbeit in Rezensionen mehrfach mit Theaterstücken von Ibsen oder Strindberg verglichen wurde, findet er "lustig": "Das ist natürlich viel zu hoch gegriffen." Aber anders als die Durchschnittskost der deutschen Fernsehunterhaltung ist das, was das Duo Daniel Nocke und Stefan Krohmer vorlegt, allemal. Und die heutige Grimme-Auszeichnung deshalb vermutlich für sie noch lange nicht die letzte ihrer Art.

"Familienkreise", Stefan Krohmers prämierter TV-Film nach dem Buch von Daniel Nocke wird wieder am 7. April um 0.00 Uhr im Bayerischen Fernsehen gezeigt.

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