Tasten-Derwisch auf Ochsentour

Foto: TELDEC

Fazil Say spielt Klassik in der türkischen Provinz - und am Freitag in der Musikhalle.

Malatya. Der Flügel auf der Bühne klingt eher nach Blech - und nicht nach Steinway. Dafür ist der Konzertsaal nagelneu. Auf dem Universitätscampus in Malatya, eine Flugstunde südöstlich von Istanbul, sind goldene Zeiten angebrochen. In dem Prachtbau wurden 1000 schweinchenrosa Kinosessel installiert, für die Honoratioren in Reihe eins gibt es sogar Couchtischchen, mit Wasserflaschen und Blumenarrangements.

Fazil Say stört das alles nicht. Der Pianist schlurft auf die Bühne, als wäre er sein eigener Tontechniker, lümmelt sich ans Klavier, nuschelt ins Mikrofon - und mit den ersten Takten, die der 33-Jährige spielt, verzaubert er die imposante Hässlichkeit des Raumes. Er macht einen Musentempel daraus. Vor allem Studenten sitzen nachmittags um drei im Saal, aufmerksam und konzentriert. Und ihre andächtige Stille ergreift selbst die Kinder, die sich auf der Bühne drängen.

Die anatolische Einöde von Malatya ist nicht New York, das Nie-mandsland des Universitätsgeländes nicht Salzburg. Diesmal spielt der Pianist keineswegs für Feinschmecker. Er deckt die Grundversorgung. Die meisten Zuhörer, das weiß Say, hören das erste Klassik-Konzert ihres Lebens. Hören zum ersten Mal Bachs "Chaconne", erleben Beethovens "Apassionata". Und sind hingerissen, wenn der Jazz-Freak seine vertrackte Version von Mozarts "Alla turca" in die Tasten donnert. Dann spätestens fliegen ihm die Herzen zu, und die Autogrammstunde bekommt wieder einmal Überlänge.

"Das ist der eigentliche Grund, warum ich aus New York zurückgekommen bin", erklärt Say später: "In Amerika wars nicht besonders spannend; die Konzerte hier machen richtig Spaß." Jedes Jahr verbringt Say 110 Abende auf den Konzertpodien der Welt. Weil das noch nicht genug ist, tut er sich die ganz harte Ochsentour an. In seiner Freizeit durchpflügt er das türkische Hinterland, reist kreuz und quer, ein unermüdlicher Missionar, durch musikalisches Entwicklungsgebiet. Elfte Station: Malatya. Karger Boden, raues Klima, 800 000 Einwohner. Die Region lebt von Aprikosen; vier Fünftel der Welternte wachsen hier. Und selbst auf dem Uni-campus kommt man nur schwer auf dumme Gedanken.

Says Mission hat einen Namen: "Ein Virtuose auf den Straßen der Türkei". Sein Manager hat diese Extra-Tour erfunden. Und der Pianist war sofort dafür zu haben, den muss man schließlich auch nicht zweimal fragen, ob er mit seinem Freund, dem DJ Mercan Dede, gemeinsam in der Disco spielt. Die Virtuosen-Tour verfolgt nebenbei ganz handfeste Motive. Auch außerhalb der kulturellen Zentren Istanbul und Ankara sollen Auftrittsmöglichkeiten für Klassik-Künstler entstehen. Das sind dann die schönsten Erfolgserlebnisse: Wenn die Menschen um mehr Musik betteln, wenn Gastgeber neue Instrumente kaufen, wenn Universitäts-Präsidenten ehrgeizige Rezital-Serien installieren möchten. Dann hat sich der ganze Wahnsinn doch gelohnt; die Flüge zu grausamsten Zeiten; Hotels, die besseren Tagen nachtrauern; harte Liegen im Künstlerzimmer.

Noch kutschiert der Dogus-Konzern den Star durchs Land, sponsert auch die Abend-Auftritte. Vor allem aber sichert der Automobil- und Medienkonzern die Verbreitung über die eigenen TV-Sender. Etwa 15 000 Zuhörer hat Say auf seiner Tournee schon begeistert. Sein eigentliches Publikum sitzt allerdings vor Bildschirmen.

Mit Hingabe lässt sich Say auch in Malatya immer neue Improvisationsthemen nennen, und natürlich muss er nicht lange warten, bis ihn einer bittet, die Heimat musikalisch abzubilden. Also träumen seine Finger die Einsamkeit einer Stadt, zeichnen die kargen Hügelketten am Horizont nach. Für Say, Tastenlöwe mit beneidenswerter Pianistentechnik, sind die Fantasien auf Bestellung Entspannungsübungen. "Ich nehme die Konzerte als Übungsmöglichkeit. Da kann ich vor Publikum spielen, kann experimentieren und die Wirkung meiner Interpretation studieren." Wer das Publikum in Malatya für sich begeistert, sagt Say, der gewinne automatisch für Auftritte, bei denen man von strengeren Zuhörern beurteilt wird.

"Ich habe vor sieben Jahren allein angefangen", erinnert sich Say, "da war ich noch mein eigener Sponsor." Die Fragen aber, die seine Zuhörer jetzt stellen, sind seitdem die gleichen geblieben. Auch in Malatya wollen sie wissen, was ihn treibt. Und, mehr noch: Was diese Musik mit ihrem Leben zu tun hat. In der Türkei, die sich musikalisch fest im Griff der Türkpop-Industrie befindet, ist ein schwarzer Flügel auf der Bühne nichts weniger als Symbol für den Westen, für ganz andere Lebens- und vor allem Weltentwürfe. Gut möglich, dass Fazil Say, ganz nebenbei, auch noch zum EU-Botschafter wird.

Musikhalle , 6. 2.: Werke von Haydn, Mozart, Bach und Fazil Say sowie Strawinskys "Sacre du Printemps" in Says vierhändiger Version, die er auf einem Computer-Flügel mit sich im Duett spielt. Karten-Telefon: 34 69 20.

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