"Ich stand auf der Deportationsliste"

Foto: Laible

Pianistin Edith Kraus hat Theresienstadt überlebt. Vermutlich, weil sie so gut Klavier spielen konnte. Jetzt ist sie als Zeitzeugin in Hamburg.

Hamburg. Ihr brillantes Klavierspiel hat Edith Kraus vermutlich das Leben gerettet. Die gebürtige Wienerin, ein Wunderkind und verwandt mit der Familie Gustav Mahlers, wurde mit ihrem ersten Mann 1942 von den Nazis aus Prag nach Theresienstadt deportiert. Im Konzentrationslager gab sie viele Konzerte, überlebte und ging 1949 nach Israel. Deutschland wollte sie nie wieder betreten.

Doch um ihrer Schüler, der musikalischen Mission und auch der Hamburger Freunde willen nahm sie im Oktober 2002 in Schwerin an der Veranstaltung "Verfemte Musik" teil und ist jetzt - fast 90 Jahre alt - nach Hamburg gekommen: Heute (20 Uhr) spricht Edith Kraus mit dem Pianisten Volker Ahmels, Direktor des Konservatoriums Schwerin, im Stavenhagenhaus über ihr Leben und die ihr am Herzen liegende Musik der mitinhaftierten und ermordeten Komponisten Pavel Haas und Viktor Ullmann.

Der Zeitzeugen-Bericht, musikalisch begleitet von Friederike Haufe und Ahmels, eröffnet die "Woche des Gedenkens". Die geht zurück auf eine Anregung von Barbara Nitruch und einer Arbeitsgruppe im Bezirk Hamburg Nord.

Edith Kraus erinnert sich genau an ihr erstes Theresienstädter Konzert im Winter 1942. "Wir haben einen Flügel vom Dachboden geholt. Ich habe Stücke gespielt, die ich auswendig konnte. Noten bekamen wir erst später aus beschlagnahmtem Besitz." Auf dem Programm waren auch ihre Favoriten Bach und Mozart. Schon als Vierjährige saß sie am Klavier. "Ich habe meiner großen Schwester nach Gehör nachgespielt." Mit sieben bekam sie den ersten Unterricht. Eine Empfehlung von Alma Mahler-Werfel brachte sie nach Berlin zum großen Meister Artur Schnabel. Er hat Kinder eigentlich nicht unterrichtet. Doch sie wurde seine Meisterschülerin. "Obwohl ich klein und dürr war, sagte er Fräulein Kraus und Sie." Er hat die zierliche, sensible, doch ungeheuer anspruchsvolle, starke und zielstrebige Künstlerin Präzision und Interpretation gelehrt. "Es ging nie um laut oder leise. Musik war für ihn wie eine Sprache. Er hat sogar Texte zu einzelnen Stücken erdacht, um den richtigen Ausdruck zu treffen."

Kraus spielte in einem Alter vollendet, in dem andere beginnen. Erst elfjährig sprang sie für den erkrankten Geiger Wolfgang Schneiderhahn in Marienbad mit Mozarts Klavierkonzert in c-Moll ein. "Leichtigkeit der Hand, Sicherheit, Rundung und Klarheit der Passagen, Feuer und Phantasie", rühmt Ullmann an ihrer Kunst später in Theresienstadt, wo sie seine 6. Sonate uraufgeführt, Sänger begleitet und Kammermusik gespielt hat. Ihr unvergesslich: das Verdi-Requiem mit Solisten und Chor, aber nur mit Klavier. "Eines Tages um vier Uhr morgens kam die Nachricht: Ich stand auf der Deportationsliste. Aber der Zettel kam nicht. Ich weiß nicht, warum. Nach der Befreiung fuhr ich zurück nach Prag im Eisenbahncoupe. Gekommen waren wir in Viehwagen."

Überleben durch Musik in Theresienstadt. Stavenhagenhaus, 20 Uhr, Groß Borstel (Frustbergstraße 4, Bus 114). Am 22. 1. ist Edith Kraus Gast bei A la Carte (13.05 Uhr, NDR Kulturradio); Infos zum weiteren Programm der Woche des Gedenkes im Bezirksamt Nord unter 428 04-26 55.

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