Rock: Eine der wichtigsten Hamburger Bands der 90er tritt wieder auf

Jetzt sind sie wieder Selig

Sie verloren sich im Band-Stress und Tour-Trott. Nach Jahren kam das Gefühl: Da war doch mal was ...

Hamburg. Die "Blues Brothers" spüren im gleichnamigen Film von 1980 ihre einstigen Musikerkollegen auf, um ihre Band wieder zusammenzubringen. Die Heavy-Metal-Formation Metallica begab sich 2003 wegen interner Konflikte in Gruppentherapie, wovon die Dokumentation "Some Kind Of Monster" erzählt. Die Reunion der Hamburger Band Selig hat ein wenig was von beiden Rock-'n'-Roll-Historien. Vor allem aber ist es die Geschichte von fünf Menschen, die alte Wut zugunsten neuer Kunst überwunden haben.

Nach ihrer Gründung 1992 galt Selig rasch als eine der wichtigsten Hamburger Popbands. Die Musikrichung Grunge, in den USA vor allem durch Gruppen wie Nirvana populär, kombinierten sie mit 70er-Jahre-Rock und deutschen Texten. Das Selig-Debütalbum stieg in die Charts ein, das Video zu "Wenn ich wollte" erhielt 1995 einen Echo, Hits wie "Ohne Dich" und "Ist es wichtig?" wurden zu Hymnen in Radios, Klubs, Studenten-WGs. Doch 1999 dann: die Auflösung.

"Mit dem Gitarristen von Selig, mit Christian Neander, habe ich zehn Jahre nicht geredet", erzählt Sänger Jan Plewka. "Wenn ich ihn auf der Straße gesehen habe, habe ich mich im Hauseingang versteckt. Wir sind nicht gerade im Guten auseinandergegangen." Auch mit Keyboarder Malte Neumann und Bassist Leo Schmidthals herrschte damals Funkstille. Es brodelte ein Groll "wie bei einer Liebe, die nicht funktioniert hat", erinnert sich Plewka. Sehr bei sich, aufgeräumt und zugleich warmherzig, wirkt der 38-Jährige, wenn er die Vergangenheit Revue passieren lässt.

Bloß mit Drummer Stephan "Stoppel" Eggert verband Plewka nach der Trennung der Kombo eine Freundschaft. Als die zwei im Herbst 2007 "am Küchentisch saßen und über das Leben reflektierten", kam die Frage auf, "wie's den anderen wohl so geht".

"Lass mal anrufen, wir sind jetzt reif und erwachsen", dachte Plewka. Die Kontaktaufnahme löste Erstaunen aus - und eine kreative Kettenreaktion. Auf ein erstes Treffen gut versteckt in einem Restaurant in Wellingsbüttel folgten Monate der Aufarbeitung.

"Am Anfang war das nicht witzig, da ging's zur Sache." Vorwürfe, Fragen. "Aber man merkte in diesem langen ersten Gespräch gleich, dass da noch ein Feuer ist." Die künstlerische Annäherung ließ nicht lange auf sich warten. Plewka und Neander, in den 90ern der Motor für Texte und Musik bei Selig, erarbeiteten zusammen die Musik zum Filmdrama "Liebeslied" mit Nicolette Krebitz, das diesen Herbst zu sehen ist. "Das war, als wenn zwei Leute zusammen kochen. Und in dem Moment, wo der eine denkt, da müsste noch Salz rein, steht der andere schon mit Salz da, aber nicht mit normalem, sondern mit so Rosmarinsalz", schwärmt Plewka. Die Inspiration war wieder da. Die erste Session mit der kompletten Band sei dann auch "ein magischer Moment" gewesen.

"Die ganze verdrängte Zeit kam in den Kopf geschossen. Sehr spirituell. Seitdem sind wir wieder Selig." Ein neuer alter Rausch. Die "Workaholics", "Perfektionisten", "Alphatiere", "krassen Individuen", wie Plewka alle fünf Bandmitglieder bezeichnet, hätten gelernt, "ihre Egos ein bisschen zurückzuhalten". Falls wieder eine Platte entstehen soll, das war klar, müssen Regeln her. Pausen etwa.

"Unser großer Fehler war damals: 48 Stunden am Tag Selig, Selig, Selig! Kein soziales Umfeld mehr, keine Freunde. Zwei Stunden auf der Bühne haben wir gelebt." Im restlichen Tourtrott hätten sie sich aufgerieben, entfremdet. "Der Rock-'n'-Roll-Alltag hatte unsere Liebe getötet", verdichtet Plewka diese Zeit.

"Diese Zusammenkunft, die wir jetzt erleben, hat sehr viel mit Friede, Vergebung und Respekt zu tun. Und die Platte, die wir jetzt gemacht haben, ist wirklich die positivste Selig-Platte geworden, die es je gegeben hat." Stimmt. Zwar traumwandelt Plewka thematisch häufig in nächtlichen Gefilden, doch nicht als finstere Gestalt, sondern als einer, der den Augenblick zelebriert, die Liebe und sexuelle Energie, der "den Morgen danach" als Neustart feiert. Musikalisch ist die Band ihrem Sound treu geblieben, was heute im ausverkauften Uebel & Gefährlich live zu erleben ist: beherzter, angenehm dreckiger Bluesrock, der an Gruppen wie die Black Crowes erinnert und auch vor Gitarrensoli nicht zurückschreckt. Auffällig sind die beschwingten Handclaps, das muntere "Nanana".

Sprachlich ist Plewka keiner, der mit hippen Worten kurzzeitig aufzutrumpfen versucht. Vielmehr bedient er sich eines fast schon märchenhaft altmodischen Duktus, zum Beispiel in dem Song "Traumfenster", einer Ballade, die eine Vielzahl romantischer Motive bündelt. "Leichtsinn in die Schwermut der deutschen Sprache" möchte er bringen. Das gelingt. Nicht nur in der Wortwahl, sondern auch dank seines markanten rauen Timbres, das er mal lasziv einsetzt wie in dem Liebeslied "Ich bin so gefährdet", mal impulsiv wie in der ersten Single "Schau Schau".

Im Video zu diesem lebensbejahenden Hit inszeniert Regisseur Rene Eller Selig als Marionetten, die durch die Welt ziehen, um Menschen zu verzaubern. "Damals haben wir das Staunen verloren. Wir hatten einen Musiker-Zynismus, haben mit den geilsten Bands auf Festivals gespielt und fanden die langweilig." Jetzt sind sie wieder dran, an diesem Staunen. Zusammen.

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