"3nach9"

Interessiert und authentisch: Käßmanns Gast-Moderation

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Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann übernahm Freitag die Gastmoderation bei der Radio Bremen-Talkshow "3nach9".

Hamburg. "In der Theologie ist es ganz wichtig, viele Fragen zu stellen und lange über die Antwort nachzudenken". Viele Fragen hat Margot Käßmann während ihres Gastspiels bei "3nach9" gestellt, ihren Gesprächspartnern ließ sie zeitweise wenig Zeit, um über ihre Antworten nachzudenken.

Dreimal war Käßmann schon zu Gast bei "3nach9" und hat "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo offensichtlich so gut gefallen, dass er sie als Vertretung für Judith Rakers einlud, die beim Eurovision Song Contest eingespannt war. Als Gäste waren der Journalist Sven Kunze, "Tatort"-Kommissarin Sabine Postel, Schauspieler Dominique Horwitz, Schauspielerin Sophia Thomalla, "Berghain"-Türsteher Sven Marquardt, Sängerin Bahar Kizil, Friedensaktivist Elias Bierdel und Lotto King Karl geladen.

Die ersten Minuten blieb Käßmann beim einstudierten Protokoll, ließ sich brav von di Lorenzo vorstellen und war eher Gast als Moderatorin. Mit ihrer anfänglichen Zurückhaltung war es schnell vorbei – dafür redet Käßmann einfach zu gerne. Denn Margot Käßmann ist keine Moderatorin, sie ist eine Gesprächspartnerin. Es machte Spaß ihr zuzuhören, weil sie sichtlich Spaß an ihrer Aufgabe hatte.

Deshalb blüht sie am meisten auf, wenn sie nicht das Gespräch leiten muss und sich von der Seite heranschleichen kann. Dann ist sie Margot Käßmann, eine sympatische und geistreiche Frau.

Während ihrer Gespräche wirkt sie zuweilen ein bisschen zu engagiert, zu sehr darauf bemüht zu zeigen, dass sie sich gut auf die Sendung vorbereitet hat. Käßmann will ihre Sache meistern, hat alle Bücher gelesen, die die Gäste in ihrer Runde verfasst haben und deren Lebensläufe gleich mit studiert.

Bei Lotto King Karl hatte sie allerdings ein paar Verständnisschwierigkeiten, eine Liebe auf den ersten Blick würde ihnen wohl niemand attestieren. Vielleicht lag es daran, dass sie nicht wusste, ob sie ihn mit "Herr Lotto", "Herr King" oder "Herr Karl" anreden sollte, vielleicht daran, dass Margot Käßmann Hannover96-Fan ist, oder vielleicht daran, dass sie sich bei allem Respekt für ihren Gesprächspartner nicht dazu durchringen konnte, einen Videoabend mit "Der letzte Lude" zu veranstalten. Da konnte auch ihr kurzzeitig eingestreuter Hamburger Akzent nichts mehr retten.

Mit Bahar Kizil, der zweiten Sängerin in der Runde, hatte Käßmann mehr Glück. Sang Bahar vor einem Jahr noch in Lack-Korsetts in der Casting-Band "Monrose", spielt sie jetzt die Hauptrolle in einem religiösen Musical, das auch auf dem Evangelischen Kirchentag aufgeführt wird. Integration und Religion – besser hätte es Käßmann auch nicht planen können. Binnen Sekunden schloss sie die junge Sängerin ins Herz, fragte nach dem Werdegang, nach Zukunftsplänen, nach der Familie und der religiösen Erziehung.

Neutralität sieht anders aus. Nein, Margot Käßmann ist keine Moderatorin – auch wenn Giovanni di Lorenzo sie zum Abschied liebevoll als "alte Häsin" bezeichnet hat. Gut getan hat sie der Sendung trotzdem. Authentisch, interessiert und aufmerksam hat sie die Sendung nicht geleitet, aber bereichert. Eine Expertin der Pop-Kultur wird sie wohl nie werden, vielleicht schaut sie ja trotzdem in einer freien Minute mal in "Der letzte Lude" rein. Dann klappt's auch mit Lotto.

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