Künstlerhaus Westwerk

Die Kunst schafft sich ihre eigenen Räume

Foto: Patrick Piel

Vor 25 Jahren entstand im Hamburger Gängeviertel das Künstlerhaus Westwerk. Begegnung mit Matthew Partridge, einem der Gründungsväter.

Hamburg. In der Wohnung von Matthew Partridge ist er nur ein kleines Detail, der rote Anstecker mit dem weißen Schriftzug "Komm in die Gänge". Der Button, der für den Erhalt des historischen Gängeviertels wirbt, hängt zwischen Postkarten, Flyern und Fotos an der Wand. Doch an diesem Ort, an der Admiralitätstraße 74, besitzt er eine besondere Symbolik. Denn auf der Fleetinsel mitten in der Innenstadt entstand vor 25 Jahren ein außergewöhnliches Künstlerhaus, das Westwerk. Ein Prozess, der vergleichbar ist mit dem, was jetzt gerade wenige Hundert Meter entfernt im Gängeviertel passiert.

"Unser Ziel war es damals auch, dass dieses alte Gebäude nicht abgerissen werden darf", sagt Partridge. Eine dunkelgrüne Brille steckt in seinem Haar, das grau und kurz verstrubbelt ist. Der 56-Jährige steht an einem großen Tisch in seinem verwinkelten Loft im dritten Stock. Die schweren tragenden Balken stammen, wie der Rest des Hinterhauses, aus dem Jahr 1760. Der Dielenboden ist krumm. Alles ist offen.

"Hier", sagt Partridge und tippt auf ein altes Foto, "hier sind wir damals durch ein offenes Fenster das erste Mal an einem Sommernachmittag ins Haus geklettert, um uns umzuschauen." Was sie fanden: Spinnweben. Damals, Mitte der 80er, stand der sechsstöckige Altbau seit Jahren leer. "Schnell war uns klar, dass wir die Fläche künstlerisch nutzen wollen", erzählt er. Ein einziger wohlgesonnener Mitarbeiter der Sprinkenhof AG habe sich dann dafür eingesetzt, dass die gut 20 Maler und Musiker, Fotografen und Filmer als Kollektiv einen Mietvertrag erhielten.

"Den Verein Westwerk mussten wir gründen, um das Haus mieten zu können. Wir hatten anfangs kein politisches Ziel. Das waren eher überlappende Freundeskreise", erinnert sich Partridge. Doch die Notwendigkeit, gemeinsam zu handeln, folgte bald. "Die Stadt wollte das Grundstück an eine niederländische Versicherungsgesellschaft verkaufen. Die Sprinkenhof AG versuchte die Bewohner rauszuklagen. "Aber wir hatten ja Verträge und waren keine Besetzer wie in der Hafenstraße."

Wenn Partridge von den Anfangstagen spricht, schwingt kein Groll mit. Sein englischer Akzent setzt freundliche Akzente. Dennoch hört sich seine Geschichte des Westwerks an wie die Blaupause für die aktuelle Situation in Hamburg. Für die Leerstandsdebatte und die stete Frage, ob die Hansestadt neben dem Kaufmännischen auch die Kunst will. Wirklich will. Nicht nur als dekoratives Feigenblattgold.

"Senat fressen Straße auf" hatten sie damals, 1986, zum Protest auf ein Banner an der Hauswand an der Admiralitätstraße geschrieben. "Wir waren ein Dorn im Auge der Politiker, sie konnten uns schwer einschätzen. Immerhin lebten wir noch in der RAF-Sympathisantenzeit", erklärt Partridge. Doch das Westwerk wählte einen gänzlich anderen Weg. Mit einer großformatigen Mappe, einem Portfolio des bisherigen Schaffens, reisten zwei der Künstler nach Rotterdam und platzten in eine Aufsichtsratssitzung, "um dem Investor zu zeigen, dass er kein leeres Haus kauft, sondern renitente Mieter". Der Konzern habe daraufhin die Verhandlungen mit der Stadt abgebrochen.

"Diesen spielerischen Umgang mit Politik, den sehe ich auch beim Gängeviertel, das ist toll", sagt Partridge und blättert in der Überzeugungsmappe von einst. Ein Bild von Udo Kier klebt darin. "Der hat hier einen Filmabend als Vampir bestritten." Auch ein Zeitungsausschnitt von einem der ersten Konzerte von Element of Crime ist zu sehen. Sänger Sven Regener als dünnes Hemd. Ein anderer Artikel zeigt Ulrich Dörrie in seiner ersten Galerie. In Steckbriefen stellten sich die Westwerk-Aktiven damals vor. 80er-Jahre-Avantgarde-Gesichter. Ernste Blicke. "Einige sind leider schon tot", sagt Partridge. Er ist schlicht gekleidet. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, braune Lederslipper. Aus dem Fenster schaut er auf das Fleet hinunter. Das Wasser glitzert grün. Früher, ganz früher, bevor eine Papierhandlung und später die Deutsche Bank einzogen, machten die Schuten am Fuße der Backsteinmauern fest, um ihre Ladung in dem Lagerhaus zu löschen.

Anfang der 80er war Partridge in die Hansestadt gekommen, weil London ihn frustrierte. "Hamburg war gut, hier habe ich viel Musik gemacht, war als Schlagzeuger gefragt", erzählt er. Als die Gruppe dann ins Westwerk einzog, quartierte er sich mit seiner damaligen Band im Keller ein, um zu proben und aufzunehmen. Seit Mitte der 90er hat der Produzent Tobias Levin in den Räumen seine Electric Avenue Studios eingerichtet, wo er mit Bands wie Tocotronic und Kante arbeitet.

Partridge finanziert sich heute als Übersetzer. "Meine Existenz ist als Freiberufler aber ebenso prekär wie die anderer Künstler." Niemand verdiene Geld am Westwerk. Das Wohnen und Wirken organisiert sich basisdemokratisch. "Damit kann man auch scheitern. Bei uns hat es immer wieder gekriselt, aber letztlich ist erstaunlich wenig böses Blut geflossen", sagt Partridge. Im fünften Jahr etwa käme die kritische Zeit. "Ich hoffe, das Gängeviertel hat bis dahin eine Struktur für sich gefunden."

Partridge redet stark mit den Händen. Als hätten ihn zahlreiche Gruppensitzungen geschult, Worte lieber noch einmal zu untermalen. Als "etwas unhandlichen Haufen von Menschen" bezeichnet er das Westwerk-Kollektiv, zu dem noch fünf Mitglieder der Urbesetzung zählen. Auch den Begriff "Miniatursozialstaat" verwendet er, da intern schon mal "ausgepegelt" würde, wenn einer knapp mit der Miete ist. Gezahlt wird mittlerweile an die Fleetinsel KG des Kulturinvestors Hans Jochen Waitz, dem das Gebäude gehört.

Im Westwerk-Verein ist Partridge der Erste Vorsitzende. Andere Mitglieder kümmern sich um die Website oder streichen nach jeder der bis zu 20 Ausstellungen im Jahr die Halle im Erdgeschoss. Zeichnungen, Skulpturen, auch Videokunstwerke sind da zu sehen. Die Kulturbehörde unterstützt das Programm. Neben der Halle beherbergt ein kleinerer Raum Bar und eine Bühne, die mit orangem Flokati ausgelegt ist. Die breiten, alten Holzbohlen sind ein solider Tanzboden. Zum Beispiel wenn diesen Sonnabend das 25-jährige Jubiläum mit einer DJ-Riege zelebriert wird. An den Plattentellern stehen dann Künstler, die dem Westwerk verbunden sind. Der Autor und Regisseur Rocko Schamoni zum Beispiel. Oder der Experimentalkomponist Felix Kubin.

Die Sängerin und Harfenistin Joanna Newsom trat bereits an diesem roh verputzten Mehrzweck-Ort auf, ebenso die Hamburger Rockpoeten Die Sterne. In den 80ern, erzählt Partridge, kamen viele New Yorker Avantgarde- und Noise-Bands vorbei. Auftreten, abhängen, sich betrinken, im Haus auf Matratzenlagern übernachten, reden, Freunde werden. Das war der Rhythmus im Kosmos Westwerk. "Diese Art von Leben, wo alles fließt, wird seltener, wenn die Leute älter werden, auch ohne Kinder. Warum ist das so?", fragt sich Partridge und schaut kurz ganz nachdenklich.

Dass sich das Westwerk mit derzeit rund 15 Konzerten pro Jahr nicht als feste Klub-Institution etabliert hat, liegt einerseits an der Misch-Kollaboration aus Kunst und Musik. Andererseits an der Lage. "Die Szene zirkuliert in der Schanze und auf St. Pauli. Die Hamburger sind wahrscheinlich die faulsten Großstädter, die es gibt", sagt er und lacht. Ein Thema, das auch im Gängeviertel kein unbekanntes sein dürfte.

Von der Resonanz, die das nahe Künstlerquartier erzeugt hat, ist Partridge begeistert. Er hätte damals bei seinem Job als Grafiker noch nachts den Kopierer "piratisieren" müssen, um Plakate zu vervielfältigen. Jetzt gebe es viel mehr Kommunikationswege, um die Menschen für ein neues Projekt wie das Gängeviertel zu gewinnen. Doch eines sei gewiss wie einst: die Intensität.

Westwerk 25 (Party) Sa 14.5., 21.00, Admiralitätstr. 74 (S Stadthausbrücke); Eintritt: 2,50

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