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Kultur & Live

"Dreigroschenoper" konzertant in der Laeiszhalle

Die Verhältnisse, sie sind nun mal so

Warum ist das Stück von Brecht und Weill so erfolgreich? Es trifft immer den Zeitgeist - auch in der Krise.

Ulrich Tukur als Mackie Messer und Stefanie Stappenbeck als Polly.
Foto: Andreas Laible

Hamburg. Kapitalismus à la Mackie Messer geht ganz einfach: Wer selbst keine guten Ideen hat, der organisiert sich welche; abgerechnet wird, wenn überhaupt, später. Auch Bertolt Brecht selbst war dafür bekannt, sich öfter kreativ bei Texten anderer Autoren bedient zu haben. Die schmerzhaft wahre Erkenntnis "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" aus seiner "Dreigroschenoper" könnte aktueller kaum sein als jetzt.

Die Erfolgsgeschichte des gut 80 Jahre alten Stücks über Kleinkriminelle, Proleten und Prostituierte, aus dem sie stammt, beginnt aber schon vor drei Jahrhunderten. 1728, im barocken London. Und sie beginnt mit unbeschwertem Ideenklau, vor allem bei Händel. Johann Christoph Pepusch hatte sich für die Musik zu John Gays "Beggar's Opera" nicht nur bei Purcell, sondern besonders großzügig im Hit-Sortiment des Opern-Unternehmers bedient. Diese Plagiate kamen beim darüber quietschvergnügten Publikum so gut an, dass Händels Royal Academy wenige Monate später in die Insolvenz gehen musste (in den nächsten Jahren überschwemmten mehr als 100 ähnlich durchgepauste Billigheimer-Produktionen Londons Theater-Markt). Händels Stücke, prunkvolle Opern nach italienischem Muster, wurden zu Ladenhütern, am Kundengeschmack vorbeiproduziert. Kommt einem unschön bekannt vor.

Die Verhältnisse, sie waren aber nicht mehr so, sondern ganz anders, als Brecht und sein Komponist Kurt Weill im August 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm mit ihrer Version der Gay-Vorlage buchstäblich über Nacht zum "talk of the town" wurden. Elias Canetti schrieb später fasziniert über das Stück zur Krise der Weimarer Republik: "Es war eine raffinierte Aufführung, kalt, berechnend. Die Leute jubelten sich zu, das waren sie selbst, und sie gefielen sich. Erst kam ihr Fressen, dann kam ihre Moral."

Verpackt war das alles in eine Musik, die Provokation und Ranschmeiße, Sarkasmus und Zeitgeist bestens auf den Punkt brachte. Kurt Weills Gassenhauer-Talent, mit dem er den Geschmack der Theatergänger so hinterhältig gut traf, tat ihm beim "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" und den "Sieben Todsünden" viele weitere Gefallen; was er hier gelernt hatte, half später auch im Exil bei seinen immer noch viel zu unbekannten Musical-Arbeiten.

Bis zum Verbot 1933 war die "Dreigroschenoper" in knapp 20 Sprachen übersetzt worden und europaweit mehr als 10 000-mal aufgeführt worden. Die Nazis konnten Mackie, Peachum und Co. das Gesungenwerden zwar verbieten. Doch am Ende waren die Underdogs aus Soho dann doch die Stärkeren.

Viele Gesangsprofis, klassische und andere, haben sich seitdem an den "Dreigroschenoper"-Songs versucht, die ja eigentlich für singende Schauspieler gedacht sind. Manche haben sich damit unsterblich gemacht, andere haben sich nahezu unsterblich blamiert. Auf der Interpreten-Liste steht Lotte Lenya neben Liza Minelli, Louis Armstrong neben Sammy Davis jr., Hildegard Knef neben Curd Jürgens und Gert Fröbe, Milva neben Ute Lemper, und sogar der Gutmensch Sting hat mal gewollt. Unvergessen die Dresche, die Klaus Maria Brandauer 2006 für seine Version im Berliner Admiralspalast bekam, in der "Tote Hosen"-Frontmann Campino den Mackie zu geben versuchte. Am St.-Pauli-Theater legte Hausherr Ulrich Waller 2004 eine Schenkelklopfer-Version vor, in der Ulrich Tukur das Sinnbild dafür verkörperte, wo der Haifisch seine Zähne hat; die nächste Hamburger Version ist für April 2010 im Schauspielhaus angekündigt. Ein Lied von der Bissigkeit der Brecht-Erben können alle Intendanten singen, die seine Stücke einplanen, denn wird auch nur einer originalen Viertelnote ein Hals gekrümmt, blasen blutrünstige Anwälte zur Attacke, und es setzt saftige Konventionalstrafen.

Eine besonders schillernde Platten-Besetzung kombinierte 1999 den pomadigen Charme von Max Raabe als Mackie mit der schrill losbollernden Nina Hagen für die Rolle von Celia Peachum. Ausgesprochen amüsant und für die Nonstop-Dancing-Fraktion seiner Fangemeinde eine echte Überraschung: 1968, nach dem Ende der urheberrechtlich bedingten Sperre, wurde James Last damit beauftragt, die Weill-Hits für die erste vollständige Plattenaufnahme zu arrangieren. Mit dabei waren unter anderem Bühnengrößen wie Karin Baal, Hans Clarin, Franz Josef Degenhardt, Götz Georges Mutter Berta Drews und Karl-Heinz Köpcke, leicht "Tagesschau"-zweckverfremdet, als Ansager.

Die Moral von Brechts Geschicht'? Jede Zeit bekommt im Idealfall die "Dreigroschenoper", nach der es sie verlangt - und schlimmstenfalls die, die sie verdient. Irgendwo ist ja immer Krise, frei nach BBs Finale-Zeilen: "Denn es ist kalt / Bedenkt das Dunkel und die große Kälte / In diesem Tale / Das von Jammer schallt."

 

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