Geschichts-Museen gibt es genug, findet der Hamburger Designer Peter Schmidt. Er will einen Ort schaffen, an dem Menschen Ideen für eine bessere Zukunft sammeln.

So soll die Welt nach Vorstellung von Design-Experte und Bühnenbildner Peter Schmidt in 30 Jahren aussehen.
Foto: Atelier: Peter Schmidt Christian
Hamburg. Große Ideen treten nicht immer mit einem Paukenschlag ins Blickfeld. Manche entstehen leise und fast beiläufig. So kam auch die Idee auf die Welt, die Hamburgs international anerkannter und bestens vernetzter Design-Experte und Bühnenbildner Peter Schmidt entwickelte. Als in einer Hamburger Runde über ein in der Stadt fehlendes Museum für deutsche Geschichte gesprochen wurde, fragte er: "Warum schauen wir eigentlich immer zurück statt nach vorn? Warum haben wir nirgendwo einen Ort, an dem wir uns über unsere Zukunft informieren können, über Notwendigkeiten, Herausforderungen, Chancen?" Ja, warum eigentlich nicht?
Viel mehr als dieser Satz war es kaum - dann aber kreisten die Gedanken: Was hindert uns daran, die drängenden Probleme der Zukunft tatsächlich anzupacken? Warum faszinieren uns Horrorszenarien für die Zukunft so viel stärker als das Suchen nach positiven Entwicklungen? Wie kann man die Veränderungsresistenz im menschlichen Verhalten knacken, die uns daran hindert, bekannte Probleme viel entschiedener anzupacken?
Peter Schmidt hat lange genug in der Welt des schönen Scheins gearbeitet, um zu wissen, dass eine schönere Welt nicht auch automatisch alle Probleme beseitigt. Und davon gibt es mehr als genug. Einige Beispiele:
- Warum leidet weltweit etwa eine Milliarde Menschen Hunger und verhungern täglich 10 000 Kinder und 25 000 Erwachsene?
- Warum haben 1,3 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser, leiden 2,6 Milliarden unter ungenügenden Hygienestandards - zusammen mehr als die Hälfte der Menschen auf dem Planeten Erde?
- Weltweit haben sich mindestens 33 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert; täglich sterben 5700 Menschen an Aids. Warum infizieren sich pro Tag etwa 6800 Menschen neu? Warum können nur 40 Prozent von ihnen eine Therapie beginnen?
- Wie ändert man es, dass etwa 770 Millionen Erwachsene nicht lesen können und 800 Millionen Erwachsene und 100 Millionen Kinder keinen Zugang zu Bildung haben?
- Warum müssen 1,3 Milliarden Menschen auf der Erde in absoluter Armut leben - von weniger als einem US-Dollar pro Tag?
- Müssen jedes Jahr 20 Millionen Hektar Acker- und Weideland durch Erosion, Versalzung und Bebauung verloren gehen? Insgesamt belaufen sich die jährlichen Verluste auf 1,3 Prozent der weltweiten Ackerfläche.
Natürlich wird über solche und andere Fehlentwicklungen viel diskutiert. Es gibt Organisationen, die dagegen argumentieren, die tatkräftig protestieren, die moralischen Druck ausüben. Sie bewirken alle etwas, aber zusammen viel zu wenig.
"Wo ist heute eine Agenda für unsere globalen Utopien?", fragt Peter Schmidt und gibt seine Antwort gleich dazu: "Im Augenblick gibt es ein schwer verstehbares Nebeneinander von unvorstellbarem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, von tiefer Problemanalyse und großartigen Lösungsmöglichkeiten. Von globalem Denken und von politischem Kleinklein, ungleich verteiltem Zugang zu Problemlösungen, von ideologischer Borniertheit und Verzagtheit im Blick auf unsere Zukunft."
Peter Schmidt will das nicht dadurch ändern, dass sich ein weiteres Netzwerk an bestehenden Institutionen abarbeitet oder gegen Missstände nur demonstriert. Sein Traum ist eine Veränderung, die von unten in die Hand genommen wird und die positive Handlungsalternativen entwickelt und propagiert.
Er spinnt diesen Traum weiter : "Ich möchte einen Ort schaffen, an dem nicht die Angst wohnt, sondern die Hoffnung. An dem nicht das Scheitern dokumentiert wird, sondern das Mögliche. Eine Projektionsfläche für die Optimisten unter den Realisten. Einen Spielraum der Visionen."
Einen Ort, an dem die drängendsten Probleme der Menschheit erkennbar sind, um dazu die fortgeschrittensten Verbesserungsansätze im Denken von Technikern und Forschern zu sehen. Einen Raum, der zeigt, was sich ändern kann und wie das geht.
Zunächst, sagt er, ist das Internet Ort der Präsentation und Begegnung: Junge Menschen aus allen Ländern der Welt, Menschen aus der Generation, die die Lösung von Zukunftsfragen am dringendsten betrifft, können hier gemeinsam mit Wissenschaftlern an den zentralen Problemfeldern zusammenarbeiten. Ihr Schwerpunkt soll auf den positiven Ansätzen liegen: Wie kann sauberes Trinkwasser allen Menschen rund um den Erdball zur Verfügung gestellt werden? Welche Energien werden das Öl ersetzen, bevor es zu neuen Kriegen kommt? Wie lässt sich Aids verhindern? Welche Verkehrssysteme können das Auto ersetzen? Wie verändern wir unsere Haltung zu Konsum und Lebensfreude positiv? Wie nimmt man ideologischen und religiösen Konflikten die Schärfe? Und wie bringt man Menschen dazu, sich allseitig zu entwickeln und persönlichen Utopien zu folgen auf der Suche nach Liebe und Glück?
Ist das nicht ein vermessenes, viel zu großes Unterfangen? Dazu verdammt, ein Wunschkonzert für Weltverbesserer zu bleiben? "Es ist ein nur Anstoß, den ich geben will", sagt Schmidt. Das klingt wie Vorsicht, ist aber der Größe des Vorhabens geschuldet. Doch wer ihn kennt, weiß, wie hartnäckig dieser Mann ist, wenn es darum geht, gute Ideen auf denWeg zu bringen.
Er ist weltweit bestens vernetzt, kennt Unternehmensführer, Künstler, Denker. Versteht es, andere zu begeistern, und ist entschlossen, dieses Netz zu aktivieren: "Wenn die Idee wirklich sinnvoll ist und gebraucht wird, hat sie genügend eigene Kraft und findet schnell viele kompetente und tatkräftige Mitstreiter."
Ein Kuratorium hochkarätiger internationaler Persönlichkeiten etwa mit der Macht, Anstöße zu geben, Projekte anzuschieben, damit aus solchen Ideen Taten werden - eine Art neuen "Club of Rome", der nicht nur besorgtes Kopfnicken erntet, sondern aktive Helfer findet.
Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen im Internet etwa. Die den Entwicklungshelfer in Afrika mit einem Forscher in China verbinden, der sein konkretes Problem lösen kann. Oder den Dorfarzt in Indien mit einer Pharma-Firma in Europa. Ihm schwebt ein informatives und überzeugendes Werben für Lösungen und ihre Finanzierung vor. "Ich will, dass die Menschen anfangen, den Planeten Erde jenseits von Partikularinteressen als Gemeinschaftsprojekt zu verstehen."
Sein internationales Projekt soll auf vielen Feldern fundierte globale und regionale Lösungsvorschläge evaluieren und die finanziellen und gesellschaftlichen Kosten und Veränderungen benennen, derer es zu ihrer Realisierung bedarf. Und es soll verstehbar machen, welche positiven Auswirkungen diese Lösungen hätten, würde man sie anwenden. "Weltweiter, breiter, positiver öffentlicher Druck in vielen Bereichen zum Besseren im Namen von Wissenschaft und Vernunft" - das gab es in der Tat noch nie.
"2039 - Our Earth", diesen Arbeitstitel hat Peter Schmidt seinem Zukunftsprojekt gegeben. "30 Jahre sind ein überschaubarer Zeitraum im Verhältnis zu einem Menschenleben. Über 30 Jahre denkt man nach vorn und kann überzeugende Prognosen abgeben. Und sehen, wie sich etwas verändert."
Das von ihm projektierte Forschungs-, Informations- und Überzeugungsinstitut soll zwar im Internet existieren und damit global präsent sein. Aber die Idee soll sich auch materialisieren: Ein Haus, in dem mit neuester Digitaltechnik Probleme und mögliche Lösungen sichtbar gemacht werden. Ein Ort, der die Nachrichten einordnet. Und gute neue generiert - Verbesserungsvorschläge und erste Erfolge. Ein Ort der Besinnung, ein Schaltraum für unsere positiven Visionen, der Utopien und Ziele formuliert und damit greifbar macht. Ein Ort, der zeigt, dass positives Denken zu positiven Veränderungen führen kann. So ein Haus gibt Raum zur Begegnung und Diskussion und kann in vielen Ländern ein Zeichen werden für das neue Denken.
Er hat es schon einmal skizziert - eine klare, puristische Hülle für eine zukunftsweisende Idee. Hamburg, die Heimat dieser Idee, könnte dafür ein erster Standort werden.



