31.05.09

"Freischütz"-Premiere in Baden-Baden

Im Wald, da sind die Jähäger

Der zukünftige NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock dirigierte einen von Robert Wilson inszenierten De-Luxe-"Freischütz" im Festspielhaus Baden-Baden.

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Baden-Baden. Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen; wer als Kritiker von dem Bühnenverhübscher Robert Wilson ernsthaft noch etwas anderes erwartet als die längst bekannten, kunstgewerblich verfeinerten Robert-Wilson-Stilmittel, der kann sich am besten auch gleich einen Termin geben lassen. Zur Eröffnung der Pfingstfestspiele in Baden-Baden hatte sich das dortige Festspielhaus den Luxus gegönnt, den Texaner für gerade mal zwei (!) hochpreisige Vorstellungen zu engagieren, um der gut betuchten Stammkundschaft etwas fürs Auge, die saftigen Kartenpreise und für den Smalltalk im Foyer zu bieten, bevor es wieder zurückgeht in die hiesige Drittvilla.

Die Kostüme stammten vom Amsterdamer Designer-Duo Viktor & Rolf; die 1,4 Millionen Kristalle, die dafür verarbeitet wurden, nicht aus irgendeiner x-beliebigen Zulieferer-Klitsche, sondern von Swarowski. Viel eitler Bling-Bling also mit Namedropping-Hintergedanken und Klatschpresse-Potenzial, der gute alte deutsche Wald als Scherenschnitt und eine Menge Revue-Klamauk mit Abitur waren das umjubelte Ergebnis.

Mit seinem "Black Rider" hatte Wilson - lang, leider lang ists her - am Hamburger Thalia Musical-Geschichte geschrieben. Vom skurrilen Humor dieses Geniestreichs (unvergessen: die putzigen Lämpchen hinter den Segelohren des teuflisch guten Dominique Horwitz) ist in dieser Version der Weberschen Vorlage allerdings so gut wie nichts übrig geblieben. Wilson lieferte nur noch genau das, wofür er eingekauft worden war. Feines, Wohlfeiles aus dem mittlerweile prall bestückten Wilson-Effekte-Fundus. Für seine Verhältnisse war der Verrätselungsfaktor dabei ziemlich gering. Bebildert wurde ordentlich und selbst für Wilson-Anfänger mühelos erkennbar, was im Textbuch stand. In der Wolfsschlucht wurde gar schröcklich mit Feuer und Kunstnebel hantiert. In der Wilson-Wolfsschlucht wurde gar schröcklich mit Wilson-Feuer und Kunstnebel hantiert, Jäger Max (Steve Davislim) hielt eine Wilson-Laubsäge-Flinte und steckte in einem Wilson-Blätterbüschel, für Begriffsstutzige bekam der Bauer Kilian seinen Beruf in Großbuchstaben als Schulterpolster verpasst. Agathe posierte in einem regenbogenbunten Etwas, das an eine explodierte Bonbonschachtel erinnerte. Ein Wilson von der Stange, als Maßarbeit angeboten.

Ein Wilson von der Stange, als Maßarbeit angeboten. Vielleicht aber auch nur ein weiterer Wilson zuviel von einem, der sein kreatives Bühnenzauberpulver schon verschossen hat, das auch weiß und nun nur noch, in regelmäßigen Abständen über den internationalen Premierenkalender verteilt, sich selbst zitiert. Denn von einer als Regie oder gar Deutungserkenntnis wahrnehmbaren Interpretation des Stücks war weit und breit nichts zu sehen. Nur von einer exquisit schillernden Oberfläche. Jägerchor blieb Jägerchor, Jungfernkranz war Jungfernkranz, Schmalz blieb Schmalz.

Aus aktueller Hamburger Sicht viel interessanter als das nostalgische Erinnern an die ungleich raffiniertere Sause mit Tom Waits' herrlich schräger Musik war der Dirigent des Abends: Thomas Hengelbrock, seit einigen Monaten offizieller Nachfolger des jetzigen NDR-Chefdirigenten Christoph von Dohnányi, stand hier im Graben des Festspielhauses, wo er schon seit Jahren Stammgast ist. Diesmal allerdings nicht mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble, sondern dem straff und sensibel durchorganisierten Mahler Chamber Orchestra, bei dem insbesondere die Naturhornisten für ihre Treffsicherheit auf dem heiklen Instrument angenehmst auffielen. Er legte einen "Freischütz" hin, der von biedermeierlichen Romantizismen entschlackt war, in dem es klar und knackig zur Sache ging, um die Geschichte von der satanischen Wundermunition, dem Jägersburschen Max und seiner Agathe erzählen. Die Naturhörner spielten so treffsicher mit, als wären ihre heiklen Instrumente aus Freikugel-Material. Hin und wieder hätte der Orchesterklang zwar etwas mehr großkalibrige Durchschlagskraft in dem großen Saal verdient gehabt, doch das war offenbar kein Versehen, sondern stimmenverwöhnende Absicht von Hengelbrock, der am Ende euphorisch und zu Recht gefeiert wurde. Auf der Bühne nämlich fand über sehr weite Strecken eine insgeheim konzertante Aufführung statt, mit einer Sängerbesetzung, aus der einzig die über ein schönes Piano verfügende Juliane Banse als Agathe herausragte. Der Rest war eher mittel als prächtig. Doch auch das war in der Kosten-Nutzen-Berechnung vom Hausherrn Andreas Mölich-Zebhauser für dieses Event wohl inbegriffen. Das Ensemble hatte vor allem Kleiderständer zu sein, cartoonartige Anziehpuppen und kristallbestäubte Funkelmariechen, die gut bestaunbar frontal an der Rampe standen, während rundum Wilsons Lichtspiele passierten und sich Scherenschnitt-Dekorationen dramatisch hebten oder senkten.

Wie egal dem Premierenpublikum alles war, das auf eine Suche nach Inhalten oder tiefere Absichten hingedeutet hätte, bewies vor allem die Szene mit dem Jägerchor, dem größten Hit aus diesem Stück. Ein aufs Hintergründige und Abgründige Verstörter wie Peter Konwitschny hatte vor zehn Jahren im Hamburger Remake seiner "Freischütz"-Inszenierung noch für listig herausgekitzelte Aufregung bei manchen Premierengästen gesorgt, weil er das Original so nicht hinstellen wollte und stattdessen Frauen wie erlegte Jagdbeute auf den Bühnenboden ausbreitete, nachdem ein Buchhalter den testosterongeladenen Chor-Text vom "männlichen Verlangen" aufsagte.

Wilson ging hier den Weg des geringsten intellektuellen Widerstands: Er steckte die Herren des großartigen Wiener Philharmonia Chors in die maßgeschneiderten weißen Neopren-Lederhosen von Viktor & Rolf. Dazu trugen sie weiße Strümpfe, blonde Perücken und knallrote Schuhe und erkasperten sich mit einer Slaptstick-Choreographie das Mitklatschen, als wären sie in einer tuntigen "Crazy Horse"-Version vom "Musikantenstadl". Das sah hinreißend bekloppt aus und funktionierte bestens.

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