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Kultur & Live

Interview mit Stephan Balkenhol

Ein Sinnbild für das Streben nach Freiheit

Große Skulpturen machten den Künstler berühmt. 5,70 Meter hoch und 740 Kilo schwer: Sein Werk "Balanceakt" in Berlin erinnert an den Mauerfall. Balkenhol erzählt, wie es für dieses Projekt zu der Zusammenarbeit zwischen ihm und Axel Apringer kam und wie er den Mauerfall am 9. November 1989 erlebte.

5,70 Meter hoch und 740 Kilo schwer ist die Skulptut "Balanceakt", in deren Konzept Balkenhol echte Mauerteile einbezogen hat.
Foto: Reto Klar

Hamburg.

Abendblatt:

Haben Sie vor dem November 1989 selbst einmal unmittelbar vor der Mauer gestanden?

Balkenhol:

Natürlich, ich bin von Hamburg aus oft nach West-Berlin gefahren, durch die gruseligen Grenzkontrollen, und habe bei Besuchen von Freunden in Kreuzberg und Neukölln die Mauer hautnah wahrgenommen. In Ost-Berlin bin ich nur zweimal gewesen.

Abendblatt:

Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt?

Balkenhol:

Vor dem Fernseher entweder in meinem Atelier in Hamburg oder im Spessart. Es herrschte ein unglaubliches Glücksgefühl im Osten und im Westen, als wenn ein ganzes Volk im Lotto gewonnen hätte. Ich bin dann nach Weihnachten zum ersten Mal in die DDR gefahren und erinnere mich gut an die Euphorie, die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen. Bei aller Freude über den Fall der Mauer ahnte ich aber schon damals, dass mit den Umwälzungen auch Probleme kommen würden. Aber so etwas verdrängt man lieber in dem Moment.

Abendblatt:

Wie haben Sie reagiert, als die "Bild"-Zeitung bei Ihnen anfragte, ob Sie ein Denkmal zum Mauerfall gestalten würden?

Balkenhol:

Ich war zunächst vorsichtig und skeptisch, weil ich mir kein "Denkmal" im illustrativen Sinn vorstellen konnte. Aber Springer war mir gegenüber sehr offen, sie haben lediglich erwartet, dass ich die vorhandenen Mauerstücke mit integriere.

Abendblatt:

War das die einzige Vorgabe?

Balkenhol:

Ja, ich hatte völlig freie Hand.

Abendblatt:

Ihre Skulpturen sind enorm populär, aber auf merkwürdige Weise rätselhaft. Sie wirken oft in sich versunken und dennoch sehr lebendig. Verraten Sie uns das Geheimnis dieser Figuren?

Stephan Balkenhol:

Geheimnisse sollte man eigentlich nicht verraten, aber es liegt vielleicht daran, dass sie keine vordergründige Botschaft an den Mann bringen wollen und den Betrachter gerade deshalb dazu bringen, selber zu überlegen. Ich mache ein Angebot, indem ich eine Skulptur modelliere oder aus Holz haue. Diese Figur hat eine bestimmte Haltung und eine bestimmte Mimik, die nicht expressiv ist, die aber Raum lässt für eigentlich alle Gemütszustände.

Abendblatt:

Ihre Figuren wirken nicht individuell ...

Balkenhol:

Es könnte jemand sein, aber es ist niemand Bestimmtes. Und das lässt viel Spielraum für Projektionen und Identifikationen.

Abendblatt:

Kunst im öffentlichen Raum ist häufig sehr umstritten. Manchmal entzünden sich sogar heftige Kontroversen an derartigen Projekten. Wie kommt es, dass Ihre Großskulpturen auf Straßen und Plätzen - in Hamburg gibt es allein sechs davon - fast immer auf große Zustimmung stoßen?

Balkenhol:

Mir wird ja manchmal unterstellt, dass meine Kunst zu freundlich sei, aber das ist eine falsche Beobachtung. Mir geht es darum, auf den jeweiligen Ort einzugehen. Ich versuche meine Skulpturen so zu gestalten, dass sie den Ort befruchten und von ihm befruchtet werden. Ich lege es nicht darauf an, im banalen Sinne zu provozieren, aber zu irritieren, durch das Entstehen einer ungewohnten Situation Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Man kann auch durch Schönheit oder Humor zum Nachdenken kommen oder erschüttert werden. Was mich an der Bildhauerei am meisten fasziniert, ist ihre Sinnlichkeit.

Abendblatt:

Hatten Sie Angst davor, dass Sie an der Denkmal-Aufgabe für Berlin scheitern könnten?

Balkenhol:

Kunst lässt sich nicht durch die Aufgabe oder durch die gute Absicht legitimieren, sondern muss durch ihre formale Gestaltung überzeugen. Mir war klar, dass ich keine platte Illustration liefern durfte, sondern einen Weg finden musste, um zu einer metaphorischen Aussage zu kommen. Ich wollte ein Bild finden, sowohl für den historischen Prozess, der damals abgelaufen ist, als auch für den Prozess der Freiheit im Allgemeinen. Freiheit ist keine statische Sache, sondern etwas, was eine Gesellschaft - und jeder Einzelne - ständig neu finden und definieren muss.

Abendblatt:

Und das bedeutet für Sie die Metapher des Balanceakts?

Balkenhol:

Genau, denn er zeigt eine Bewegung, die nicht stabil ist. Das Gleichgewicht muss immer aufs Neue gewonnen werden. Die Figur, die nur auf einem Fuß steht, ist zwar nicht in der Gefahr, gleich herunterzufallen, aber sie muss Acht geben, sich bemühen. Das kann man auch als Symbol für die Wendezeit sehen, in der unheimlich viel hätte schiefgehen können.

Abendblatt:

Ihr "Balanceakt" hat eine Menge historische und politische Bezüge. Sind Sie damit zum politischen Künstler geworden?

Balkenhol:

Ich habe schon einmal in Johannesburg die Skulptur eines schwarzen Mannes und einer weißen Frau gemacht, die eine politische Aussage hat. Der "Balanceakt" wirkt vor allem aufgrund seines Standortes politisch. Aber auch Kunst, die nicht ausdrücklich politisch erscheint, kann politisch sein. Wer zum Beispiel in den 30er-Jahren ein abstraktes Bild gemalt hat, war politisch, weil er damit die geistige Freiheit hochgehalten hat.

Abendblatt:

Ihre Berliner Skulptur ist aber auf viel direktere Weise politisch.

Balkenhol:

Die Skulptur ist direkter politisch, bewahrt aber dennoch eine große Autonomie als Kunstwerk. Sie lässt dem Betrachter Spielraum für Interpretation. Der "Balanceakt" kann offen betrachtet und gelesen werden. Er bezieht sich nicht nur auf das Gestern, sondern auch auf das Heute und das Morgen, nicht allein auf die politische Situation damals, sondern auf den Menschen und seine Suche nach Freiheit. Freiheit ist Arbeit, denn man muss selbst Entscheidungen treffen, aber es gibt nichts Schöneres. Sie bezieht sich nicht allein auf die politische Situation, sondern auf den Menschen. Deshalb kann sie offen betrachtet und gelesen werden.

 

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