Literatur
Opulentes Familienalbum: "Welt"-Edition "60 Jahre Deutschland"
"Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael,/ Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön's hier war ha ha ha."
Hamburg
Nina Hagen hat schon 1974 gewohnt schräg das Wesentliche erfasst. Und die Macher der zehnbändigen "Welt"-Edition "60 Jahre Deutschland", die dieses schöne Fundstück im Band 6 präsentieren, folgen dieser Erkenntnis konsequent, indem sie zeigen, worauf es ankommt: auf Bilder nämlich.
Das Prinzip, dem das Autorenduo Rüdiger Dingemann und Renate Lüdde folgt, ist einleuchtend einfach. Deutsche Geschichte nach 1945 wird in zehn Themenkomplexe aufgeteilt, von Politik und Wirtschaft (Bände 1 und 2) bis hin zu Gesellschaft und Architektur (9 und 10). Jeder Einzelband hat eine Einleitung, die Entwicklungslinien sozusagen als roten Faden durch 60 Jahre Geschichte herausarbeitet. Fokussiert wird der Blick in sechs Kapiteln, die den einzelnen Dekaden gewidmet sind und Ereignisse, Moden, Trends im jeweiligen Jahrzehnt beschreibt - im Text analytisch, im üppigen Bilderteil anschaulich und nostalgisch.
Jedem Band vorangestellt ist ein pointiertes Geleitwort von Experten aus der "Welt"-Redaktion. Chefredakteur Thomas Schmid betont in Band 1 ("Politik. Von der Teilung zur Einheit") die glückliche Entwicklung Deutschlands zu einer stabilen Demokratie. Jörg Eigendorf, Ressortleiter Wirtschaft, beschreibt die noch immer funktionierende hellsichtige Ausrichtung auf den Ordoliberalismus (Band 2: "Wirtschaft. Made in Germany"), in dem das freie Spiel der Kräfte und die ordnende Hand des Staates sich ausbalancieren sollten. Feuilletonchef Eckhard Fuhr bemerkt in Band 4 ("Kunst und Literatur. Von deutschen Identitäten"), das selbst die Jahre der Teilung nicht trennen konnten, was zusammengehörte. Und Ulf Poschardt ("Welt am Sonntag") skizziert in Band 10 ("Architektur. Wohnen in der Stadt und auf dem Land"), wie sich die Baukultur entwickelte und dass sie in einer Demokratie keine elitäre Angelegenheit mehr ist - mit allen Vor- und Nachteilen.
Der opulente Bildteil ist eine enorme Fleißarbeit, die Zeitdokumente (Adenauers Unterzeichnung des Grundgesetzes, Mauerbau, Willy Brandts Kniefall in Warschau für die Opfer des Ghetto-Aufstands, der Mauerfall etc.) und Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis umfasst: vom einmillionsten VW-Käfer (1955) über den einmillionsten "Gastarbeiter" (1964), Oetker-Entführung (1976), Biermann-Ausbürgerung (1976) und Grass-Nobelpreis (1999) bis hin zur Becker-Hechtrolle in Wimbledon (1985). Dazu gibt's reichlich Kuriositäten aus Deutschland Ost und West: Kinderkrippe und antiautoritärer Kinderladen, Trimmpfad und Datsche, Kurorte nur für "die Werktätigen", Schulmädchen-Report und Familienministerin Käte Strobel mit dem ersten Sexualkunde-Atlas (1969), West-Überfluss und Ost-Mangelware, automobile Parolen wie der "Tiger im Tank" oder "Freie Bürger fordern freie Fahrt".
Die zehn Bände insgesamt bilden eine Art deutsches Familienalbum. Oder um noch einmal mit Nina Hagen zu sprechen (Bd. 6, "Musik", S. 65): "Alles so schön bunt hier."
Renate Lüdde, Rüdiger Dingemann, "Welt"-Edition "60 Jahre Deutschland", Bucher Verlag, jew. 95 S., 10 Bände im Schmuckschuber 119 Euro (Subskriptionspreis bis 15.8., danach 149,50 Euro), Einzelbände 14,95 Euro.




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