Trendtag
Interview Lawrence Lessig
Der Stanford-Professor und Vordenker der „Open Content"-Bewegung („freier Zugang zu Wissen") war Hauptredner beim 14. Trendtag. Ein Gespräch.
Foto: Marcelo Hernandez
Hamburg. Hamburger Abendblatt: Sie beschreiben in Ihren Vorträgen den Konflikt zwischen der organisierten klassischen Kulturindustrie und der unübersichtlichen Verbreitung von Kultur im Internet. Gibt es da einen Kulturkampf?
Lawrence Lessig: Ich würde nicht von einem Kulturkampf sprechen. Auch im 21. Jahrhundert werden wir neben den elektronischen Medien zum Beispiel noch jede Menge Lesestoff in Büchern und Printmedien haben, und wir haben auch eine reiche Schreibkultur. Diese Kulturen sind komplementär. Den Konflikt besteht im Bereich der Business-Modelle. Die sehr mächtigen Branchen der Informations- und Medienindustrie haben ihre Geschäftsmodelle auf unterschiedlichen Produktionsweisen aufgebaut. Und jetzt versuchen sie, diese Modelle gegen neue Formen der Verbreitung kultureller Inhalte zu schützen, gegen neue Konkurrenz. Diesen Konflikt können wir nur lösen, wenn wir uns grundsätzlich klarmachen, dass die Verbreitung von Wissen und Inhalten durch die neue Technik demokratisiert worden ist.
Abendblatt: Sind wir durch das Internet alle zu „unbefugten Besuchern“ von copyright-geschützten Inhalten geworden?
Lessig: Ja, die Logik des Urheberrechts wird durch das Medium Internet und unsere Interaktionen darin in Frage gestellt. In vieler Hinsicht. Alle Remix-Kreationen auf YouTube zum Beispiel berühren Urheberrechtsfragen. Diese Remixe zum Beispiel: Das ist die Kreativität von Amateuren, von unseren Kindern, die Inhalte aus dem Netz nutzen, um etwas Neues auszusagen und sich auszudrücken. Das kann kein Copyright verhindern, weil heute jeder mit einem 1500-Dollar-PC Zugang zu Remix-Technologien hat.
Abendblatt: Es gibt inzwischen drei Modelle für eine Anpassung des alten Copyrights an die veränderten Bedingungen: erstens die Kultur-Flatrate als Vorschlag der Europa-Grünen, zweitens Ihr Projekt Creative Commons, drittens das französische Modell, bei dem eine staatliche Verwertungsagentur die Verwaltung legaler Downloads kontrolliert und Verstöße mit Internet-Entzug bestraft. Ihr Kommentar?
Lessig: Ich halte die Kultur-Flatrate für eine brillante Idee in dieser Debatte. Es ist der erste sinnvolle Vorschlag, der von einer politischen Partei gekommen ist und der eine umsetzbare Lösung präsentiert. Man muss natürlich trotzdem Lizenzmodelle haben, die mit den noch unterschiedlichen Urheberrechten der einzelnen Länder vereinbar sind, wie wir sie in Creative Commons entwickelt haben. Aber das Wichtige ist: Das Modell der Kultur-Flatrate versucht nicht, die Internet-Nutzung einzuschränken, um eine Entschädigung für Künstler zu sichern. Wenn man Wege finden kann, Künstler für ihre Arbeit zu entschädigen und gleichzeitig die Freiheit des Internet zu erhalten, dann wird da die Lösung liegen.
Abendblatt: Und die französische Lösung?
Lessig: Das französische Modell ist verrückt. Es stammt von Leuten, die von sehr engen speziellen Interessen gelenkt sind. Wenn Frankreich auf ein System setzt, dass Bürgern den Internetzugang verbietet wegen eines kleinen Copyright-Problems, dann wird in meinen Augen die Entwicklung des Rechts missachtet, dann geht Frankreich im digitalen Zeitalter einen ganzen Schritt zurück. Das Informationszeitalter basiert auf dem freien Zugang zum Web. In Neuseeland ist so eine Lösung auch diskutiert, dann aber zum Glück verworfen worden. Die Neuseeländer haben sich zu einer radikalen Copyright-Reform entschlossen. Das ist aus meiner Sicht der bessere und gerechtere Weg..
Abendblatt: Stephen King oder der prominente Internet-Theoretiker Cass Sunstein haben schon Bücher ins Internet gestellt. Werden Künstler generell in Zukunft eine breitere All-Media-Kompetenz brauchen, um sich zu präsentieren?
Lessig: Künstler konzentrieren sich auf ihre Kunst, sie sind nicht in erster Linie Vermarkter. Aber wenn sie in Zukunft erfolgreich arbeiten wollen, brauchen sie dafür Räume in verschiedenen Medien und brauchen die Hilfe von Designern oder Internet-Experten. Sie brauchen Geschäftsmodelle, sich dort zu präsentieren. Um es klarzustellen: Ich bin nicht gegen ein Urheberrecht. Wenn wir unabhängige Künstler haben wollen, ist es existenziell notwendig. Aber früher hatte auch nicht jeder Künstler jederzeit die Kontrolle darüber, wie weit sein Lied oder seine Worte vergütet wurden. Es gab immer eine Balance zwischen freiem und reguliertem Zugang zu Kultur. Wir müssen diese Balance immer wieder herstellen. Und wir müssen die Freiheit der Amateurkultur sicherstellen, die verschiedene Kunstformen nutzt, um etwas Eigenes auszusagen.
Abendblatt: Ist das gedruckte Buch eine bedrohte Art?
Lessig: Ich glaube, das Buch ist als Ausdrucksform enorm bedroht. Die Leute beschäftigen sich zunehmend mit Medien, die sie entfernen von der ruhigen, konzentrierten Weise, ein Buch zu konsumieren. Im 20. Jahrhundert hat die technologische Entwicklung mit Rundfunk und Fernsehen unsere ganze Art des Kultur-Konsums verändert: Wir nehmen Kultur als Nur-Betrachter und Couch-Potatoes zu uns, ohne selbst Kultur zu gestalten. Wir sollten Wege finden, die Lese- und Rezensionskultur in andere Medienformen zu integrieren. Nun wäre es unsinnig, 120 Buchkapitel über Twitter zu verbreiten. Aber wir müssen dafür sorgen, dass all diese Medienformen für die Menschen zugänglich sind.





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