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Kultur & Live

Star-Geigerin spielte in Hamburg

Mutter: "Meine Groupies sind meist unattraktiv"

Passend zum Jubiläum spielte Anne-Sophie Mutter Mendelssohn. Doch man kann mit ihr auch über andere Dinge als Musik reden, ohne sich zu langweilen.

Stargeigerin Anne-Sophie Mutter.
Foto: AFP

Berlin.

Ein Nobelhotel am Potsdamer Platz, und dort eine Suite, die nach einer Nobel-Karosse benannt ist. Wenn schon, denn schon, denkt man sich beim Warten vor den beiden Türen. Mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter von Angesicht zu Angesicht reden zu wollen bekommt schon durch die Kulisse und die Vorab-Inszenierung etwas Audienzhaftes. Überraschen kann man sie kaum noch, dafür ist die 45-Jährige zu lange und zu gut in ihrem Geschäft. Aber als Gesprächspartnerin hat sie einiges drauf.

Abendblatt:

Eigentlich ist das Mendelssohn-Konzert - knapp oberhalb von "Jugend musiziert" - doch viel zu einfach für Sie.

Anne-Sophie Mutter:

Ich hab's schon sehr früh gespielt, mit elf. Aber dass man so etwas sehr früh aufführt, heißt natürlich nicht, dass man es danach beiseitelegen kann. Mendelssohn ist einer der Komponisten, die ich später leider vernachlässigt habe - vor allem wohl, weil ich mich daran überspielt hatte. Und dass ich vielleicht auch die Tiefe dieser Musik nicht ausloten konnte. Vor ein paar Jahren hab ich ganz von vorn begonnen, es neu zu studieren, mit anderen Phrasierungen und neuen Fingersätzen.

Abendblatt:

Und dann war's doch schwieriger als gedacht?

Mutter:

Es ist tiefgründiger. Es ist weniger in die Romantik hineingelegt, mehr als "Post-Mozart" gedacht. Die Schlichtheit ist schwer zu treffen, denn sie ist nicht gleichbedeutend mit Flachheit.

Abendblatt:

Meine Kollegin Eleonore Büning war in der FAS über Ihre Mendelssohn-CD unfroh. Da ist von "fahrlässiger Klangkörperverletzung" die Rede. "All das ist schon nicht mehr Manierismus, das ist Eitelkeit. Die Interpretin nimmt sich wichtiger als das Stück. Nicht auszuhalten."

Mutter:

Nach unzähligen Konzerten und vielen Aufnahmen halte ich es mit Rilke, der sinngemäß gesagt hat, er lese grundsätzlich keine Kritiken, aus Angst, von seinem inneren Weg abzukommen.

Abendblatt:

Nie in Versuchung gekommen, zum Hörer zu greifen und Dampf abzulassen?

Mutter:

Ich lese keine Kritiken, es sei denn, sie liegen direkt vor mir. Warum auch? Ich setze mich sehr intensiv mit den Stücken auseinander und gehe davon aus, dass ich sie sehr viel besser kenne als die meisten anderen Menschen auf diesem Globus.

Abendblatt:

Wann haben Sie das letzte Mal so richtig schlecht gespielt?

Mutter:

Gerade auf dem Klavier.

Abendblatt:

Das gilt jetzt nicht.

Mutter:

Öffentlich? Richtig schlecht? Ich glaube, nie.

Abendblatt:

Rubinstein hat einmal gesagt, alle Musik sei erotisch. Wie sehen Sie das?

Mutter:

(lacht) Für welches Blatt schreiben Sie?

Abendblatt:

Das Hamburger Abendblatt.

Mutter:

Natürlich hat Musik mit Kommunikation, mit Emotion zu tun. Wenn Rubinstein das Wort Erotik benutzt, mag das für ihn gegolten haben. Für mich ist ganz entscheidend, dass schnell eine Atmosphäre des gespannten Zuhörens entsteht.

Abendblatt:

Aber das ist doch immer auch eine unglaublich sinnliche Angelegenheit.

Mutter:

Na ja, Emotionen sind immer sinnlich.

Abendblatt:

Haben Sie Groupies?

Mutter:

Es gibt immer ein paar Wahnsinnige, nur meistens unattraktiv, leider (lacht).

Abendblatt:

Mit Geld können die bei Ihnen ja nichts mehr reißen.

Mutter:

Natürlich gibt es Fans, auch solche, die besonders anhänglich sind. Aber das sind Ausnahmefälle.

Abendblatt:

In einem Interview haben Sie Wandern, Yoga und Schwimmen als Hobbys genannt. So richtig Rock 'n' Roll ist das nicht. Nichts Exzentrisches dabei, alles so schön freundlich.

Mutter:

Wie Sie sehen, bin ich ein freundlicher, angenehmer Mensch!

Abendblatt:

Eine große Frage: Wozu dient Musik?

Mutter:

Musik gibt es seit 1200 Jahren. Sie wird nie aussterben, weil es ein ureigenes Bedürfnis des Menschen ist, sich auszudrücken. Musik ist für mich Lebensschule und Seelennahrung. Ohne Kunst ist das Leben arm, das beschränkt sich dann wirklich nur noch auf Konsum.

Abendblatt:

Wir sind in etwa gleich alt. Haben Sie schon mal gedacht, dass womöglich ein Bergfest fällig wäre? Dass die zweite Lebenshälfte beginnt? Also: Haben Sie ein Problem mit dem Alter?

Mutter:

(lacht) Überhaupt nicht. Ich beurteile Menschen nie nach Alter oder anderen Äußerlichkeiten. Nur nach dem Geist und der Seele, die dahintersteckt.

Abendblatt:

Betrübt es Sie, wenn Sie irgendwo unterwegs sind und nicht als die große Stargeigerin erkannt werden?

Mutter:

Eigentlich ist es mir völlig egal. Ich nehm's, wie's kommt.

Abendblatt:

Es gibt keine Abhängigkeit davon, auf diesem Niveau gemocht zu werden?

Mutter:

Das Erfolgserlebnis eines Künstlers hat nichts mit persönlich entgegengebrachter Sympathie zu tun. Standing Ovations - wie gerade in San Francisco für das neue Konzert von Sofia Gubaidulina, die auch dabei war - zu erspielen, das ist eine Liebesbezeugung für die Musik, für den Komponisten. Ich verwechsle das nicht mit Zuneigung für den Solisten. Ich liebe es, zu konzertieren. Aber ich würde es nicht als Surrogat für das wirkliche Leben mit meinen Freunden und meinen Kindern benutzen wollen.

Abendblatt:

Im Sommer gehen Sie in ein Sabbat-Halbjahr. Ist die Pause Schutz vor der Routine oder Flucht vorm Durchdrehen?

Mutter:

Weder das eine noch das andere. Das ist eine lieb gewordene Gewohnheit, immer so etwa in Zehn-Jahres-Abständen. Ich finde es verlockend, mich der Vorstellung hinzugeben, ich wäre absolute Herrin meines Terminkalenders. Außerdem muss ich dringend zu Hause aufräumen.

Konzert : 23. Mai, 19.30 Uhr, Laeiszhalle. Anne-Sophie Mutter, Oslo Philharmonic, Jukka-Pekka Saraste. Programm: Berlioz "Le Carnaval Romain", Mendelssohn-Violinkonzert, Sibelius 1. Sinfonie. Karten im Abendblatt-Ticketshop unter T. 30 30 98 98.

Aktuelle CD : Mendelssohn "Violinkonzert / Violinsonate / Klaviertrio". Gewandhausorchester Leipzig, Kurt Masur, Lynn Harrell, André Previn (DG)

 

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