30.06.14

WM-Reisebericht Der Höllenritt eines Abendblatt-Reporters durch Brasilien

Von Kai Schiller

Unser Reporter brauchte 59 Stunden für die Rückkehr vom Spiel gegen die USA. Eigentlich war vorgesehen, die 2800-Kilometer-Reise hauptsächlich auf dem Luftweg zurücklegen. Doch es kam anders.

Brasilien ist Brasilien. Sagte Fahrer José Marino. Und lachte. Genau 15 Minuten dauerte es, ehe wir wieder da standen, wo wir schon am Vorabend standen und weshalb wir unseren Rückflug nach Deutschlands 1:0 gegen die USA nach Porto Seguro verpasst hatten: im Stau. Der Unterschied zum Vortag: Diesmal hatten wir Zeit, viel Zeit. Denn ein Flugzeug mussten wir in Recife nicht mehr erreichen. Es gab nämlich keines. Nicht am Freitag. Nicht am Sonnabend. Und auch nicht am Sonntag. 770 Kilometer hatten wir nun vor uns. Um dann in Salvador eine Propellermaschine zu erwischen. Da brauchte man sich ja wegen so eines Staus nicht großartig zu ärgern.

Geärgert wurde sich trotz Deutschlands Sieg gegen die USA am Tag zuvor ohnehin mehr als genug. Denn eigentlich war es vorgesehen, dass wir die 2800-Kilometer-Reise hin und zurück für 90 Minuten Deutschland hauptsächlich auf dem Luftweg zurücklegen. Doch es kam anders. Und aus dem avisierten Tagesausflug nach Recife wurde ein 59 Stunden langer Höllentrip.

Der Bus zum Flughafen in Recife brauchte vier Stunden

Los ging es am Donnerstag um 1.40 Uhr morgens. Mit dem Leihwagen zum Bootsanleger, mit der Zweiuhrfähre auf die andere Flussseite und schnell zum Flughafen. Um 4.30 Uhr hob der Flieger nach Salvador ab, umsteigen, weiter nach Aracajú, zwischenlanden, dann nach Recife. Pünktlich zur Landung versank die ganze Stadt nicht nur im Regen, sondern auch im Chaos. Also statt mit dem Taxi lieber mit der Metro und knapp 50.000 Fans in Richtung Stadion, weiter mit dem Bus, die letzten 600 Meter durch den strömenden Regen zu Fuß. Doch das war noch der einfache Teil der Reise. Der schwierige sollte erst nach der Partie folgen.

Denn statt 30 Minuten brauchte der Bus zum Flughafen vier Stunden. Um 20.30 Uhr hob dort unsere Maschine ab – allerdings ohne uns. Wir durften dafür im Nationalmannschaftshotel übernachten. In der Hoffnung, am nächsten Tag von einem Charterflugzeug mitgenommen zu werden. Wurden wir aber nicht.

Da war es nur konsequent, dass es für die Linienbusse von Recife aus nach Salvador noch genauso viele Tickets gab wie für die Linienflüge: keine. Gar keine. Also was tun? Einen Kleinbus mieten. Zu neunt. Mit zwei Fahrern. Marcos und eben "Brasilien ist Brasilien"-Philosoph José Marino.

Was José Marino aber nicht sagte, war, dass er und sein Kollege echte Höllenhunde sind. Angehende Formel-1-Fahrer, die offenbar unbedingt den Geschwindigkeitsrekord für die Strecke brechen wollten. 770 Kilometer von Recife bis nach Salvador – das ist in etwa so wie Hamburg nach München. Nur eben auf einer meist einspurigen Buckelpiste.

Nach zwölf statt 16 Stunden hatten wir die Strecke tatsächlich geschafft. 100 Euro pro Person hat der Höllenritt gekostet, Kopfschmerzen von unzähligen Bodenwellen und Schlaglöchern im Preis inklusive. Jetzt noch schnell ein Flughafenhotel gesucht und gefunden, fünf Stunden Schlaf und am Morgen um 9.52 Uhr die Maschine in Richtung Quartier.

Nach 59 Stunden kamen wir schließlich um 12.30 Uhr Ortszeit in Santo André wieder an – gerade noch rechtzeitig, um die Nationalhymnen vor dem Spiel der Seleção gegen Chile zu hören. Brasilien ist Brasilien.

Auch an diesem Montag wieder. Da können wir ausschlafen. Denn die Reise nach Porto Alegre beginnt erst mit der 6-Uhr-Morgenfähre. Und diesmal leider ohne José Marino.