Unser Bürgermeister nimmt mehr mit als nur ein Bild . . .
Marie Kessler (93) bat Ole von Beust, sich einmal die Tagespflegestätte in Hamburg Poppenbüttel anzusehen. Und er kam, nahm sich Zeit, lobte, fragte nach und lauschte teilweise erschütternden Schicksalen . . .
Wie paradiesisch wäre der Rathaus-Alltag, könnten politische Gegner oder gar die lieben Parteifreunde ähnlich leicht zu formen sein!
Fast andächtig steht Bürgermeister Ole von Beust im Werkraum der Tagespflege Poppenbüttel (TaP) und staunt: Ingeborg Teetzen schafft aus Ton und Farbe ein kleines Kunstwerk. Stolz zeigt sie es dem Gast, der Anerkennung spendet. Vis à vis knetet auch Marion Mau voller Freude.
Ein Zimmer weiter machen Senioren Gymnastik. Nebenan lauschen die alten Menschen einem Gitarrenspieler und seinem maritimen Liedgut - einige schunkeln, andere summen mit.
"Hallo, Herr Bürgermeister", ruft ein rüstiger Senior, "herzlich willkommen." Kurzer Klönschnack, schon geht's weiter. In der Küche bereiten zwei Köchinnen das Mittagessen zu. "Was gibt's denn", will von Beust wissen. "Fisch steht auf dem Speiseplan. Kosten Sie doch." Geht leider nicht; denn im Konferenzraum wartet Frau Kessler. Und zwar ganz aufgeregt: So oft kann man dem ersten Bürger der Hansestadt ja auch nicht ein selbstgemaltes Bild überreichen. Ole von Beust ist angetan: "Das sieht aber fröhlich aus." Erfreut schüttelt er die Hand der Künstlerin, legt den Arm vertrauensvoll um ihre Schultern.
"Wir kennen uns", verrät der Bürgermeister den 25 Anwesenden, Mitarbeitern und Besuchern der Tagespflegestätte und Angehörigen der vielfach dementen oder leicht behinderten älteren Gäste. Schließlich war es Marie Kessler (93), die von Beust anläßlich eines Rathaus-Besuches über die Vorzüge dieser Einrichtung informierte. Ein Mann, ein Wort: Schneller, als von Frau Kessler & Co. gedacht, hat sich von Beust auf den Weg gemacht. Er läßt sich Zeit, fragt nach, lauscht teilweise erschütternden Schicksalen.
"Vor ein paar Jahren stand mein Mann noch fit auf dem Surfbrett", berichtet eine Angehörige, "heute erkennt er mich kaum noch." Auch bei anderen schlug das Schicksal unvermittelt zu. So wie bei jenem Hamburger Prokuristen, dem Alzheimer binnen fünf Jahren derart zusetzte, daß er seinen Lebenselan verlor. "Wenn er aber in die TaP geht, blüht er auf", sagt seine Frau. Sie kümmert sich daheim um ihren Mann, genießt aber auch die Stunden Freizeit, die dank TaP möglich sind.
An sechs Tagen in der Woche werden 60 Senioren auf tausend Quadratmetern am Poppenbüttler Bogen 2 (22399 HH) sowie 20 in der Norderstedter Filiale kompetent betreut - ohne ihre eigenen vier Wände aufgeben zu müssen. Morgens werden sie vom Fahrdienst abgeholt, abends zurückgebracht. Manche kommen täglich, andere zwei- oder dreimal in der Woche. Die Pflegeversicherung zahlt je nach Satz zwischen 60 und 67 Euro pro Tag, ohne Spenden von Firmen und privaten Gönnern wäre der Jahresetat von 1,4 Millionen Euro auch für 35 feste und 25 Teilzeit-Mitarbeiter nicht zu erwirtschaften. "1991 wurde der Trägerverein ins Leben gerufen", sagt TaP-Gründer, Geschäftsführer und "guter Geist" Ekkehard Janas dem Bürgermeister. "Heute sind wir die größte Tagespflegeeinrichtung Deutschlands."
In Hamburg bestehen 13 dieser Institutionen. Die Nachfrage ist größer als das Angebot, dennoch werden gerne weitere Gäste angenommen: In der TaP, Tel. 602 04 93.
Neben den Mahlzeiten freuen sich die 150 regelmäßigen Gäste über Ausflüge, menschliche Kontakte, Pflegedienste und fachgerechte Betreuung.
Besonders die Musik-, Töpfer- und Malgruppen ernten großen Zuspruch. Hinzu kommen ein Tanztee und spezielle Gedächtnistherapien für demente Menschen sowie Bewegungsübungen.
"Schön zu sehen, wie intensiv man sich mit Fleiß und Idealismus um alte Menschen kümmert", bemerkt von Beust beim Abschied. Er nimmt mehr mit als nur ein Bild . . .



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