15.09.12

Rehabilitation

Nach einem Reitunfall lautet das nächstes Ziel: Paralympics

Bei einem Unfall brach sich Bernd Brugger seinen Halswirbel. Beine und Arme sind gelähmt. Sein Verein sammelte Geld für eine Rehabilitation.

Foto: Roland Magunia
Genickbruch
Anne Henniges sammelte im Reitstall Geld für ihren Reitlehrer Bernd Brugger, der trotz Halswirbelbruchs und wider jede Prognose reiten kann

Es ist ein Wunder. Sagt die Statistik. Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung. Es ist einmalig, sagen die Ärzte. Sie können nur staunen, als Bernd Brugger am 3. Mai das Krankenhaus verlässt. Auf zwei Beinen. Allein, ohne Stöcke. Sie hatten ihm geraten, einen Elektrorollstuhl anzuschaffen, damals, als sie ihn operiert hatten. Obwohl sie sich nicht einmal sicher waren, ob er ihn mit der Hand würde bedienen können. Die Diagnose ließ keine Zweifel zu.

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Die Ärzte fällen sie am 30. Januar. Es ist ein kalter Wintertag. In der Reithalle Rehagen im Stadtteil Hummelsbüttel ist an diesem Vormittag wenig los. Dressurausbilder Bernd Brugger nutzt die Ruhe in der Halle, um einige Pferde einzureiten. Fünf hat er an diesem Vormittag bereits beritten. Die junge Hannoveraner-Stute Solare soll die letzte vor der Mittagspause sein. Schon beim Aufsteigen spürt der 32-Jährige, dass die Stute heute nicht will. Sie bockt, doch der junge Mann lässt sich nicht einschüchtern. Er mag anspruchsvolle Pferde. Wenige Minuten später schlägt er mit dem Gesicht auf dem Boden der Reithalle auf. Der sechste Halswirbel ist komplett zertrümmert. Beine und Arme sind gelähmt.

Bruggers Diagnose ist eine, die fast jeder aus dem Fernsehen kennt. Sie hat deutschlandweit traurige Berühmtheit erlangt, als der 23 Jahre alte Kunststudent Samuel Koch am 4. Dezember 2010 bei der ZDF-Sendung "Wetten dass ..?" schwer verunglückte. Er sitzt seitdem im Rollstuhl. Sein Krankheitsverlauf ist die Regel.

Bernd Brugger ist die Ausnahme. Als die Ärzte sagen, er werde für den Rest seines Lebens im Rollstuhl sitzen, denkt er: "Egal. Hauptsache, ich lebe." Er weiß, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Also beschließt er noch auf der Intensivstation, dass er nur zwei Dinge tun kann: Kämpfen. Und hoffen. Alles andere wird sich zeigen. Brugger kann sich nicht einmal im Bett umdrehen, als er zur Reha ins Unfallkrankenhaus Boberg gebracht wird. Sein Körper ist da. Und doch weit weg.

Zeitgleich spricht sich das schreckliche Ereignis im Reitstall rum. Die rund 600 Mitglieder von Hamburgs mitgliederstärkstem Pferdesportverein sind entsetzt. Seine Reitschüler verzweifelt. Eine von ihnen ist Anne Henniges. Sie ist 16 Jahre alt und hat an jenem Donnerstag im Januar eine Reitstunde. Zehn Minuten vor dem Unfall hatten sie noch telefoniert. Sie freute sich auf den Unterricht. "Als ich dann in den Stall kam, hörte ich nur, Bernd sei vom Pferd gefallen", erinnert sich Anne Henniges. "Ich dachte, er hätte sich einen Arm gebrochen." Die Diagnose schockt alle. "Auf einmal war mir bewusst, dass in meiner Familie alle kerngesund sind - und dass das eben nicht selbstverständlich ist", sagt die Schülerin. Statt zu warten, beschließt sie zu handeln. Sie möchte Bernd Brugger zeigen, dass er nicht allein ist. Dass die Menschen im Verein hinter ihm stehen. Dass sie für ihn da sind - und an ihn glauben. Gemeinsam mit einer Freundin bemalt sie ein großes Bettlaken mit dem Spruch "Gute Besserung Bernd - wir stehen hinter Dir". Als sich im April abzeichnet, dass Bernd Brugger trotz aller ärztlicher Prognosen unglaubliche Fortschritte in der Reha macht, dass er bereits sitzen, stehen und erste Schritte mit dem Rollator machen kann, beschließt Anne Henniges, dass Bernd dorthin zurückkehren muss, wo er "zu Hause" ist: in den Stall. Sie sammelt im Verein Geld für ein Spezialfahrrad, schreibt an die Abendblatt-Redaktion "Von Mensch zu Mensch".

"Für mich war es eine enorme Unterstützung zu wissen, dass so viele Menschen hinter mir stehen", sagt Bernd Brugger. "Diese Rückendeckung war sehr wichtig. Ich habe immer gewusst, dass ich gebraucht werde - und dass ich nicht allein bin. Dass die Menschen im Reitstall auf mich warten." Drei Monate verbringt er in der Boberger Klinik, trainiert wie ein Besessener. In der Reha bieten ihm die Therapeuten eine Hippotherapie an. Brugger soll aufs Pferd steigen, um gesund zu werden. "Mein Unterbewusstsein hat randaliert", erinnert er sich. Doch sein Stolz siegt. Heute sagt er: "Die Hippotherapie hat mir geholfen, dass manche Nerven wieder Anschluss gefunden haben." Kurz vor seiner Entlassung erlaubt ihm sein Physiotherapeut, erstmals wieder frei zu reiten. Als er am 3. Mai die Klinik verlässt, kann er gehen.

Zwar langsam nur, aber allein. Die rechte Hand funktioniert bis heute noch nicht optimal. Das Schreiben muss er neu üben. Es fällt schwer, einen Löffel zu halten. Manchmal brennen die Finger, es kribbelt in den Beinen. Und fast immer ist da eine unendlich große Müdigkeit. Aber gleichzeitig ist da eine unbändige Freude, so weit gekommen zu sein. Und ein ungeheurer Siegeswille. "2016", sagt Bernd Brugger mit Nachdruck, "werde ich mit meiner Stute Latina bei den Paraolympics starten - und eine Medaille holen." Die beiden haben bereits angefangen zu trainieren. Bernd Brugger hat es geschafft. Es ist ein Wunder, sagt die Statistik. Es ist möglich, sagt die Erfahrung.

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