Von Mensch zu Mensch
Die Brandts aus Neuengamme heilen Kinderseelen
Das Ehepaar aus dem Osten von Hamburg hatte einen behinderten Sohn und nahm einen Jungen in Pflege. Daraus wurde eine Berufung.
Wenn Kinder sich ein Haus wünschen dürften, würde es wohl so aussehen wie das von den Brandts. Mit einem spitzen Dach, vielen Zimmern, großem Trampolin im Garten, einem Kaninchenstall unter Bäumen. Und dahinter Wiesen. Wenn Kinder Eltern haben, die sie schlagen, missbrauchen oder Katzenfutter essen lassen, können sie von so einem Haus vielleicht noch nicht einmal träumen. Aber wenn es dann doch wahr wird, ist es nicht nur ein Wunsch, der in Erfüllung geht, sondern eine Rettung. Für Denny, Charleen, Michel Andre, Marie und Annchristin ist das so. Sie sind als Pflegekinder in das Haus der Brandts gekommen. So wie vorher schon Maximilian und Melanie und Björn. Ingrid und Jürgen Brandt sind für sie Mama und Papa, genau wie für die drei eigenen Kinder.
"Wir sind eine große Familie", sagt Jürgen Brandt, 58. Ganz selbstverständlich hört sich das an. Aber das ist es natürlich nicht. Es gehört Mut dazu, und viel Herz, um zu leben wie die Brandts. Dass das so ist, hat viel mit Maximilian zu tun. Und mit einem Artikel auf der "Von Mensch zu Mensch"-Seite im Abendblatt. Dort hatte seine Mutter vor zwölf Jahren "eine liebevolle Pflegefamilie für ihren behinderten Sohn" gesucht. Maximilian war damals sieben und sie schon todkrank. "Wir haben vorher nicht darüber nachgedacht, ein Pflegekind aufzunehmen. Es war ein spontaner Entschluss, sich zu melden", erinnern sich die Brandts, deren ältester Sohn Christian auch eine geistige Behinderung hat. Noch am Abend des ersten Treffens war klar: Es passt. Auch das Jugendamt stimmte zu, wenige Wochen bevor Maximilians Mutter an Lungenkrebs starb. Da lebte er schon bei seiner neuen Familie.
"Das hat unser Leben total umgekrempelt", sagt Jürgen Brandt. Und war der Start für einen Neuanfang. Um sich besser um die beiden behinderten Jungen kümmern zu können, wurde der frühere Technik-Serviceleiter Hausmann. Seine Frau, die gerade eine Ausbildung als Heilpädagogin abgeschlossen hatte, nahm eine Halbtagsstelle an. Sie schrieben ein Konzept, bewarben sich als Pflegefamilie beim Jugendamt, "um anderen Kindern auch diese Chance zu geben", sagt Ingrid Brandt, 56. Und sie kauften das große Haus am Neuengammer Hausdeich. Ende 2002 kam das Geschwisterpaar Melanie und Denny zu den Brandts. Da waren sie zu acht.
Der Anfang war nicht einfach. Melanie war schwer traumatisiert, konnte sich nicht einleben. Nach einem halben Jahr zog sie in ein spezielles Wohnheim. Trotz des Rückschlags blieben die Brandts bei ihrem Weg. Denny blieb. Er ist jetzt 16 Jahre alt. "Das ist mein Zuhause", sagt er. Seit fünf Jahren leben auch seine Halbgeschwister Michel Andre, 10, und Charleen, 13, bei den Brandts. "Es ist viel besser hier als bei meinem Vater", sagt das schmale Mädchen. Ihr Reich ist im ersten Stock des 180-Quadratmeter-Hauses, ein Kindertrakt mit vier Zimmern und einem gemeinsamen Spielbereich in der Mitte.
Schon mehrfach hat Jürgen Brandt das Haus umgebaut. Jetzt sollen wieder Möbel gerückt werden. Anfang des Jahres ist Annchristin, 7, in die Großfamilie gekommen. Schräg gegenüber ist das Zimmer von Marie, 11 - ganz in Rosa. "Schön, oder?", sagt sie. Mit drei Jahren hatte sie das Jugendamt bei den Brandts untergebracht, jetzt sieht sie ihre behinderte Mutter alle 14 Tage am Wochenende. "Ich finde es gut, dass ich hier so viele Geschwister habe", sagt sie.
Bei den Brandts ist immer was los, trotzdem läuft der Alltag nach einer klaren Struktur, verlässlich. Schule, Hausaufgaben. Das gemeinsame Essen. "Alle sind auf einer guten Spur", sagt Jürgen Brandt, "das geht, wenn man ein normales Familienleben führt." Um acht Uhr sind die Jüngeren abends im Bett. Die Kinder haben einen Nintendo, aber Computerspiele und Videos gibt es nur an einem Tag am Wochenende.
Aber es ist immer jemand zum Reden da, für die großen und kleinen Sorgen. "Man muss sehen, dass keins der Kinder zu kurz kommt. Aber da achten sie auch selbst drauf", sagt Ingrid Brandt.
Manchmal geht das an die Grenzen, trotzdem haben die Brandts immer wieder geholfen. Wie bei Björn, einem Jungen mit Downsyndrom, der bis zu seinem Auszug in eine Behinderten-Wohngruppe für drei Jahre bei ihnen gelebt hat, weil seine Mutter ähnlich wie die von Maximilian im Sterben lag.
Woher nehmen sie die Kraft? "Unsere Kinder haben unser Leben reicher gemacht und bunter. Wir lieben sie", sagt Jürgen Brandt. Wichtig sei, sich immer wieder Inseln im Alltag zu schaffen, bei denen er und seine Frau sich auch mal ganz ausklinken. "Früher habe ich Computer repariert, heute Seelen. Das ist viel sinnvoller."
Er schmeißt den Hauptteil des XXL-Haushalts, zu dem auch zwei Hunde und drei Katzen gehören. Schon der Wocheneinkauf wird zur logistischen Herausforderung. Wenn andere Familien drei Liter Milch brauchen, sind es bei den Brandts 20. Die Familie ist mehr als ein Fulltime-Job. Das Pflegegeld entspricht einem durchschnittlichen Familieneinkommen. Dass es so gut klappt, hat auch mit den drei Brandt-Kindern zu tun.
"Man lernt zuzuhören, sich gegenseitig zu respektieren und nicht nach dem Äußeren zu urteilen", sagt der jüngste Sohn Denny, 19, über sein Leben in der Großfamilie. Er hat gerade Abitur gemacht. Die beiden Älteren, Sanja, 28, und Christian, 29, wohnen nicht mehr zu Hause. Auch Maximilian ist in eine Wohngruppe für Menschen mit Behinderungen gezogen und macht ein Berufsbildungsjahr.
Aber am Wochenende sind sie meist alle wieder zusammen vereint. Wenn dann die Essensklingel durch das Haus tönt, sitzen sie in Sekundenschnelle um den großen Tisch in der Küche und essen gemeinsam - am liebsten Spaghetti mit Hackfleischsauce. "Das mögen alle."

















